Ein 17-Jähriger, der dauernd flucht, einsam, wechselnd zwischen Wut und Verzweiflung. Alles und jeder ist «phony», «verlogen» oder «heuchlerisch». Er ist von der Schule geflogen und verbringt die letzten Tage vor Weihnachten in New York. Er raucht, trinkt, hängt herum und lügt – besonders gegenüber den Barkeepern wegen seines Alters. Das ist Holden Caulfield, der (Anti-)Held und Ich-Erzähler von J.D. Salingers Roman «Der Fänger im Roggen». Erschienen im Juli 1951, vor rund 75 Jahren.
Das Buch wurde Kult und machte seinen Autor berühmt. Es traf einen Nerv mit seinem rebellischen Ton gegen das Nachkriegsamerika. Aber es endet hoffnungsvoll: Holden kriegt irgendwie doch die Kurve. Nach der titelgebenden Szene, in der er seiner Schwester Phoebe erklärt, eine sinnvolle Tätigkeit könnte für ihn darin bestehen, im Roggenfeld aufzupassen, dass keine Kinder beim Spielen über die Klippe fielen, erfährt der Leser im letzten Kapitel, dass Holden auf einen geordneten Lebens-Pfad zurückfinden wird.
Missverstanden oder eine geheime Botschaft gefunden?
Allerdings haben mindestens drei Amerikaner den Roman nicht bis zu Ende gelesen. Am 8. Dezember 1980 erschoss der damals 25-jährige Mark David Chapman den Musiker John Lennon. Nach den Schüssen setzte er sich hin und las in «The Catcher in the Rye».
Am 30. März 1981 schoss der gleichaltrige John Warnock Hinckley Jr. in Washington auf den US-Präsidenten Ronald Reagan und verletzte ihn und seinen Pressesprecher schwer. In seinem Hotelzimmer fand man eine Taschenbuchausgabe des «Catcher in the Rye». Am 18. Juli 1987 ermordete der damals 19-jährige Robert John Bardo die Filmschauspielerin Rebecca Schaeffer (22). Auf der Flucht warf er das Buch fort.
War Salingers Roman eine «Anleitung für Attentäter» geworden? Gewaltlos ist die Story nicht. Gleich zu Beginn prügelt sich Holden Caulfield mit seinem Zimmergenossen Stradlater, weil er vermutet, dass der ein Mädchen sexuell bedrängt hat. Er kriegt aber auf die Nase und im Verlauf des Romans wird deutlich, dass Holden eine völlig machtlose Figur ist.
Krieg – «eine komplizierte, trostlose Farce und so viele Männer sind tot»
Es braucht etwas Aufwand, um anzudeuten, wie der «Catcher» zu Gewaltfantasien führen kann. Der Roman war Salingers Reaktion auf seine Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg. Salinger kämpfte im Zweiten Weltkrieg in der US-Army und nahm unter anderem an der Landung in der Normandie und der Ardennenschlacht teil
Am schlimmsten müssen die Erlebnisse bei der Befreiung des KZ Kaufering Lager IV gewesen sein. In diesem sogenannten «Krankenlager» hatten die SS-Wachen Gefangene in Hütten eingeschlossen und lebendig verbrannt. Sein Detachement war nie in vorderster Linie in Kampfhandlungen verwickelt gewesen, aber er hatte genug Leichen gesehen. Er lieferte sich nach dem Krieg selbst in ein Spital in Nürnberg ein.
Einer Legende zufolge trug Salinger bereits am D-Day erste Kapitel des Romans bei sich. Dennoch taucht der Krieg in seinem Werk kaum auf. Hemingway sagte später, Salinger habe den Krieg und die US-Army gehasst. Das Kriegserlebnis bleibt die grosse Leerstelle seines Werks.
Wenn alles «phony» ist, wer macht endlich etwas dagegen?
Doch wie konnte das Buch zur Inspiration für Mörder werden? Chapman, Hinckley Jr. und Bardo sind durchgeknallte Psychopathen. Wer weiss schon, was in solchen Schädeln abgeht? Dennoch dränkt sich eine Erklärung auf. Salinger hatte sich in die einsame Ländlichkeit von Cornish, New Hampshire zurückgezogen. Der Autor wird zum geheimnisumwitterten Mythos. Der Roman stilisiert seinen Helden Holden Caulfield zu einer Retterfigur. Die Leerstelle wird spürbar. Der Ruf nach Action: Irgendjemand muss jetzt doch etwas tun.
Bei Chapman legte man es sich so zurecht: Er hatte gelesen, dass sein früherer Held Lennon trotz seines sozialkritischen Images ein reicher Immobilienbesitzer war: also hochgradig «phony». Der Roman bestärkt ihn in seinem Narzissmus. Er ist Holden Caulfield – und tut etwas.
Und Hinckley Jr., der ein Attentat auf Präsident Reagan verübte? Er war fasziniert vom Film «Taxi Driver» und von der Schauspielerin Jodie Foster, die eine minderjährige Prostituierte spielte. Mit den Schüssen auf Reagan (re-)inszenierte er die Schlüsselszene von «Taxi Driver», in der die Hauptfigur Travis Bickle eine Gewaltorgie veranstaltet, angeblich um die Stadt «vom Abschaum zu befreien», und hoffte so, die Aufmerksamkeit von Foster zu bekommen.
Bei Brando, dem dritten Verbrecher, der von Salingers Roman besessen war, verhielt es sich so: Er stalkte die aufstrebende Schauspielerin Rebbeca Schaeffer, schrieb ihr Briefe und als er ihr vorwarf, sie sei «eine Hollywood-Hure» geworden, erschoss er sie.
Auffällig ist: Zwei Täter fixierten sich auf junge Schauspielerinnen. Sie identifizierten sich mit Holden Caulfield und wollten die Frauen «retten». Vor der Verderbtheit der Erwachsenenwelt, muss man annehmen. Auch der Schriftsteller Salinger «stand» auf junge Frauen. Er schrieb ihnen Briefe oder rief sie an: «Hallo, ich bin J.D. Salinger, der Autor von «The Catcher in the Rye».» Das Muster ist zu auffällig, um es zu übersehen.
Wer auf der Suche nach einer Erklärung für den Zusammenhang zwischen den Morden und dem Kultbuch von Salingers ist, kann auch eine (unerlaubte) Abkürzung nehmen. Die geht so: Salinger war im Krieg Nachrichtensoldat und stand mit Geheimdiensten in Kontakt. Daraus entstand später die Verschwörungstheorie, er habe im «Catcher» versteckte «Trigger-Sätze» eingebaut, die Attentäter aktivieren konnten. Dafür gibt es literarische Vorbilder, wie Richard Condons Roman «The Manchurian Candidate» (1959). Belege aber natürlich keine.









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