Schon wieder, diesmal in Aarau. Ein 43-Jähriger schiesst nach einem Rave in die Menge. Eine junge Frau stirbt, es hätte noch viel mehr Tote geben können, denn rund 40 Schüsse fallen. Der mutmassliche Amokläufer, ein Schweizer, ist aus einem Jura-Dorf angereist. Nach der Tat fährt er dorthin zurück und stellt sich später der Polizei.
Warum er geschossen hat, ist bislang unklar, und genau das macht die Tat so verstörend. Von «nihilistischer Gewalt» spricht der Kriminologe Dirk Baier: Die Tat des Einzelgängers hatte, soweit bekannt, kein wirkliches Ziel. Nach seiner Festnahme berichtete er von gesundheitlichen Problemen, die Polizei spricht von psychischer Erkrankung.
Fachleute vermuten auch beim Täter von Kerzers, einem 65-jährigen Schweizer, eine schwere psychische Störung. Dieser hat sich im März in einem Postauto selbst angezündet und fünf Passagiere mit in den Tod gerissen. Es waren Zufallsopfer wie in Aarau.
Das gilt auch für eine weitere Tat, die im Mai in Winterthur geschah: Bei einem Messerangriff am Bahnhof Winterthur verletzte ein 31-jähriger schweizerisch-türkischer Doppelbürger drei Passanten, einen davon schwer. Hier ist ein Motiv bekannt: Die Behörden stufen die Tat als islamistischen Terrorakt ein.
Und da war in der Nacht auf den 1. Januar 2026 bereits die Brandkatastrophe von Crans-Montana, wo 41 zumeist junge Menschen starben – ein Ereignis ganz anderer Art. Doch so unterschiedlich diese Tragödien sind, sie verdichten sich zu einem Grundgefühl: Es passiert immer mehr. Es drehen immer mehr Leute durch. Es kommt immer näher. Aber wird unser Leben wirklich gefährlicher, oder fühlt es sich nur so an?
Statistische Belege dafür, dass extreme und scheinbar unberechenbare Gewalttaten häufiger geworden sind, gibt es nicht. Zwar zeigt die Schweizerische Gesundheitsbefragung seit Jahren eine Zunahme psychischer Belastungen in der Bevölkerung an. Aber in den Zahlen der Polizeilichen Kriminalstatistik zu schweren Gewaltstraftaten schlägt sich das nicht nieder.
Der Forensiker Marc Graf, langjähriger Direktor und Chefarzt an den Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel, sagte zu Aarau, Kerzers und Winterthur gegenüber Tamedia: «Diese drei Fälle sind für mich nach 30 Jahren in der Forensik keine Ausreisser.» In den 90er-Jahren habe es in der Schweiz mehr Todesopfer durch Gewalttaten gegeben als heute.
Warum nehmen wir die Gefahr und das Näherkommen von Bedrohungen stärker wahr, als es die Statistiken nahelegen? Fünf Phänomene spielen eine Rolle.
Distanz-Verlust
Heute erreichen uns auch ferne Gewalttaten unmittelbar auf unserem Handy. Diese Woche tötete eine Frau am Times Square in New York wahllos eine Passantin. Im Juli raste ein Islamist in Berlin in eine Menschenmenge, eine Frau starb. Fast wöchentlich passiert irgendwo auf der Welt etwas Ähnliches, nichts davon macht unser Leben gefährlicher – aber diese Taten, oft Tausende Kilometer entfernt, erscheinen auf denselben Bildschirmen und im selben Social-Media-Feed wie Aarau. Die Distanz nimmt ab und das Gefühl zu: Ständig passiert etwas Schlimmes.
Häufigkeits-Täuschung
Der Handy-Effekt verstärkt sich noch mit dem, was Psychologen Verfügbarkeitsheuristik nennen. Wir halten jene Dinge für wahrscheinlicher, an die wir uns leicht erinnern, weil sie starke Bilder und Emotionen hervorrufen. Einige spektakuläre Dramen in kurzer Folge prägen unser Sicherheitsgefühl stärker als lange Phasen, in denen nichts passiert. So kann das Seltene subjektiv häufig erscheinen.
Corona-Nachwehen
Die Wahrnehmung täuscht natürlich nicht immer. Erwiesen ist: Die psychische Belastung hat bei bestimmten Gruppen zugenommen, vor allem seit Corona. Laut dem Bundesratsbericht «Wie steht es um die psychische Gesundheit in der Schweiz?» von 2024 bewältigte zwar die Mehrheit die Pandemie psychisch gut, stärker belastet waren aber vor allem junge Menschen, Alleinlebende, Personen mit Geldproblemen sowie Menschen mit Vorerkrankungen. Nur: Gefährlich sind sie deswegen nicht, statistisch ist nur erwiesen, dass sie häufiger Opfer von Gewalt werden, unter anderem häuslicher Gewalt.
Krankheits-Fehlschluss
Mehr psychisch belastete Menschen bedeuten nicht mehr gefährliche Täter. Der forensische Psychiater Reinhard Haller sagt: «Die Gesamtgruppe der psychisch Kranken ist nicht gefährlicher als die Durchschnittsbevölkerung.» Ein erhöhtes Risiko sieht er nur bei einer sehr kleinen Gruppe mit schweren Psychosen, besonders bei wahnhaften Störungen. Beim Täter von Kerzers vermutet Haller eine solche Psychose. Diese ist aber so selten, dass sie kriminalstatistisch nicht signifikant ist.
Rückschau-Verzerrung
Nach einer Tat erscheint die Biografie eines Täters plötzlich voller Warnsignale. Beim Amokläufer von Aarau etwa ein sehr zurückgezogenes Leben, kaum soziale Kontakte, keine geregelte Arbeit, mehrere Waffen. Kriminologe Dirk Baier sagt: «Man kann sich vorstellen, dass sich der Täter über Jahre hinweg von der Gesellschaft und den Menschen distanziert hat.» Vor der Tat fiel das jedoch niemandem so auf. Seine Nachbarn fanden ihn bloss «sonderbar». Im Nachhinein erscheinen einzelne Auffälligkeiten bedeutungsvoll, weil man das Ende der Geschichte bereits kennt. Grübelt man weiter, beschleicht einen der unheimliche Gedanke: Ich kenne doch auch sonderbare Typen, was schlummert in denen? Nur: Viele Menschen leben zurückgezogen, haben psychische Probleme oder besitzen Waffen; die allerwenigsten von ihnen werden je gewalttätig.
Ist die Häufung von Tragödien in diesem Jahr einzigartig, die Bedrohungslage verschärft? Es ist ein seltsamer Zufall, dass der Amoklauf von Aarau gerade in die Zeit fiel, als manche Zeitungsredaktion Rückblicke auf das Katastrophenjahr 2001 vorbereitete. Dieses nahm vor 25 Jahren mit 9/11 seinen Lauf, mit den Anschlägen auf das World Trade Center in New York.
Kurz darauf, am 27. September 2001, erlebte die Schweiz ein unfassbares Verbrechen: Friedrich Leibacher erschoss im Zuger Kantonsrat 14 Menschen und anschliessend sich selbst. Und am 24. Oktober starben beim Brand im Gotthard-Strassentunnel elf Menschen. Hinzu kam ein wirtschaftliches Drama: das Grounding und der Kollaps der nationalen Fluggesellschaft Swissair.
Gerhard Pfister: «2001 war fundamentaler»
Der Begriff «Katastrophenjahr» war geboren. Er hält sich bis heute – und auch für 2026 ist er bereits gefallen. Aber passt der Vergleich? Mitte-Nationalrat Gerhard Pfister, der 2001 das Attentat im Zuger Kantonsratssaal überlebte, sagt: «Der Katastrophenherbst 2001 war fundamental, einschneidender.» Damals hätten sich die Schweiz und der Westen insgesamt in Sicherheit gewiegt – die Berliner Mauer war gefallen, der Kalte Krieg vorbei, der ewige Frieden schien ausgebrochen. «Die damaligen Ereignisse trafen uns unvorbereitet und erschütterten die Gesellschaft tiefgreifend.» Ein Gefühl der Unverwundbarkeit und die Nahbarkeit der Politik seien verloren gegangen – dauerhaft.
Nach dem Zuger Attentat wurden Parlamente stärker gesichert und der Zugang zum Bundeshaus eingeschränkt. In Flugzeugen und an Flughäfen kamen strengere Kontrollen hinzu. Als sich islamistische Attentate häuften, begann man auch in der Schweiz, selbst bei Dorffesten Betonpoller aufzustellen.
Pfister stellt bei vielen Menschen einen Effekt der Gewöhnung fest. Ereignisse wie die von Kerzers oder Aarau würden schneller wieder aus den Schlagzeilen verschwinden. Er sagt zudem: «Die heutige Gesellschaft ist resilienter geworden.» Trotz oder gerade wegen der Pandemieerfahrung. Würden bei manchen älteren Menschen sichtbare Massnahmen wie Poller oder Zugangsschleusen eher Ängste hervorrufen als das Sicherheitsgefühl verstärken, sei das bei jüngeren Menschen anders: «Sie kennen gar nichts anderes.»
Obwohl die Schweiz 2001 ein Stück ihres Selbstverständnisses als Insel der Sicherheit verloren habe, sieht Pfister einen unschätzbaren Wert, der bis heute geblieben sei: die Freiheit der Kinder. «Kaum irgendwo sonst auf der Welt gehen Kinder allein zur Schule, bewegen sich frei im Quartier und spielen unbeaufsichtigt.» Er hoffe, dass die Schweiz sich genau das bewahren könne.





