Analyse

John Lennon hilft der SVP

Die Neutralitätsintiative hat einen neuen Alliierten in ihren Rängen mobilisiert. Doch die SVP setzt auf den falschen Beatle.

Wer Neutralität verbreitet, will nicht in die Nato, dafür will er den Frieden. Um diese Botschaft nachklingen zu lassen, haben Anhänger der Iniriative einen jungen Mann mit Nickelbrille, langem Haar und ernstem Gesicht auf ihre Flyers montiert. «Give Peace a Chance», steht neben dem Antlitz von John Lennon, darunter wird gegen die Nato und für die Neutralität geworben. Die Iniriative einer Partei portiert, der SVP, die Waffen an kriegsführende Länder exportieren möchte und deren ehemaliger Boss die Apartheid in Südafrika millionenfach finanzierte; ein Friede mit Zähnen gewissermassen.

Die Kombination des ehemaligen Beatle mit der rechtsnationalen Partei überrascht aus mehreren Gründen, und man kann verstehen, dass die Bewegung für Neutralität in den Flyer inzwischen zurückgezogen hat ä; si wollte am letzten Freitag 200‘000 von ihnen verteilen. Dagegen sprechen mehrere Umstände.

Mit Politik hatte Lennon nichts am Hut

Erstens ist John Lennon seit bald 46 Jahren tot, er wurde vor seinem Haus, dem Dakotagebäude am Central Park in Manhattan, von einem derangierten Fan mit vier Pistolenschüssen ermordet. Mark Chapman, der junge Mörder, wartete auf Polizei und Ambulanz, las weiter in Salingers «Fänger im Roggen» und sitzt seither lebenslänglich im Gefängnis.

Zweitens war die Schweiz für Lennon bestenfalls eine Ski-Unterlage, hier gespielt haben die Beatles nie.

Vor allem drittens misstrauten Lennon und seine Mitmusiker der Politik reflexartig. Sie hatten in der Arbeiterstadt Liverpool gelernt, dass auf die Politiker kein Verlass ist, und als sie berühmt wurden, wollten englische Politiker dauernd Autogramme oder ein Bilder von ihnen - und zogen neunzig Prozent ihrer Verdienste als Steuern ein. In den USA weigerten sich die Musiker gegen politischem südstaatlichen Widerstand, vor einem segregierten Publikum aufzutreten.

Viertens fürchtete sich John Lennon davor, als er und Yoko Ono sich vor den Fans im Manhattan in Sicherheit gebracht hatten, jederzeit aus den USA ausgeschafft zu werden. Das FBI überwachte sie, der republikanische Präsident Richard Nixon hasste sie, und selbst der eifersüchtig gewordene Elvis Presley intrigierte bei einem Besuch im Weissen Haus gegen sie.

Lennon war alles andere als neutral

Was die Neutralität betrifft, wusste John Lennon vermutlich gar nicht, was die meint, weil ihn Politik nicht interessierte. Und sogar wenn er von der Revolution sang, blieb er ambivalent: «Count me in/out» sang er auf seinem aufrührerisch klingenden, aber zweifelnd getexteten Song. Und zog sich damit den Zorn marxistischer Gruppen zu und der afroamerikanischen Sängerin Nina Simone.

Vor allem war John Lennon alles andere als neutral, stattdessen von seinen eigenen Widersprüchen zerrissen. «Give Peace a Chance» und Beschwörungen wie «War Is Over» erwiesen sich als infantile Slogans, für die John Lennon von der Kriegsreporterin Gloria Emerson kritisiert wurde. Emerson, ein Beatles-Fan, hatte für die «New York Times» aus Vietnam berichtet und war 1969 für das Interview mit John Lennon nach New York zurückgekehrt. Dort warf sie John und Yoko vor, mit ihren Plakaten und Bed-Ins in Luxushotels bloss Platten verkaufen zu wollen. «Ihr habt euch lächerlich gemacht», schleuderte sie Lennon ins Gesicht, «und glaubt ja nicht, ihr hättet ein einziges Leben gerettet.»

Psychoanalytisch gesehen lässt sich John Lennons Zwischenfrömmigkeit als Reaktionsbildung bezeichnen, wie Sigmund Freud einen der Abwehrmechanismen genannt hat: die Umkehrung einer Haltung aus unbewusster Angst vor deren Konsequenz. Denn seitdem Johns geliebte Mutter von einem betrunkenen Polizisten überfahren wurde - er kam dann frei - und er später seinen besten Freund Stuart Sutcliffe verlor, neigte der Beatle zu trunkenen, amphetaminbefeuerten Schlägereien. In Hamburg soll er einen Matrosen beinahe totgeschlagen haben. Später kommentierte Lennon die Sechziger mit splitternd zynischen Bemeerkungen und konnte auch die Beatlemania nicht ausstehen. No chance, no peace.

Warum nicht die Toten Hosen auf einem AfD-Flyer?

Damit vertrat er charakterlich, musikalisch und gesanglich das genaue Gegenteil seines Freundes und Rivalen Paul McCartney, darum wurden die Beatles auch so gut. Zusammen vollzogen sie «eine Begegnung von Wahrheit und Schönheit», wie es der englische Musikwissenschaftlicher Ian MacDonald formuliert hat.

Man versteht ja, dass die Neutralitätsverwalter verzweifeln, weil ihnen eine Niederlage droht. Aber John Lennon als Wappenträger aufzubieten ergibt ungefähr so sehr Sinn, wie wenn die Toten Hosen mit einem Slogan der AfD auf Tour gehen würden.

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