Typisch Hirschhorn. In seinem jüngsten Werk im Bündner Kunstmuseum kommen vor: sehr üppig Klebeband sowie sehr üppig Karton in Form von 45 Kartontafeln. Darauf zu sehen sind aus der Sammlung des Künstlers Unmengen an Zeichnungen, Collagen, Briefwechsel, Fotos.
Die Tafeln illustrieren alles, was im Kosmos Hirschhorn Relevanz hatte und hat: Menschen, Gedanken, Lektüren werden collagiert, inszeniert und miteinander in Bezug gesetzt.
Man denkt sich diese 45 Bilder als Seiten eines Buches - und das ist er dann: Der ureigene«Bilderatlas» des Thomas Hirschhorn, die Ausstellung «My Atlas» in Chur. Die überbordende Schau zeigt Hirschhorns Entwicklung als Schriftsetzer und Grafiker in den 1980er Jahren, seine Politisierung in den Strassen von Paris bis hin zu seinen jüngsten sozialpolitischen Aktionen.
Die umstrittenste ist unvergessen: Anlässlich der Ausstellung «Swiss-Swiss-Democracy» der Kulturstiftung Pro Helvetia im Centre Culturel Suisse 2004 urinierte einer von Hirschhorns Performern (pantomimisch) auf ein Foto des damaligen Bundesrats Christoph Blocher. Das Schweizer Parlament wertete die Handlung als Verunglimpfung und kürzte als Strafmassnahme das Jahresbudget von Pro Helvetia einmalig um eine Million Franken.
Die Ausstellung in Chur gibt der Pinkel-Posse kein besonderes Gewicht, denn das Werk funktioniert wie der Künstler selbst. Er will politische Zusammenhänge sichtbar machen und den Betrachter damit konfrontieren. Die Auslegeordnung besitzt dieses Mal unbestritten Mehrwert: Hirschhorn erklärt Hirschhorn - und wer könnte das besser als er.
Herr Hirschhorn, «My Atlas» ist die (Kunst)-Geschichte des Thomas Hirschhorn und das Storyboard eines sozialpolitischen Aktivisten. Was sehen Sie, wenn Sie darauf blicken?
Thomas Hirschhorn: Ich sehe den Versuch, etwas in eine Form zu giessen.
Dieses «Etwas» ist Ihr Pfad als Künstler. Auf welche Wegstrecke sind Sie besonders stolz? Auf welcher sind Sie vielleicht falsch abgebogen? Auf welcher Etappe sehen Sie Lücken?
Ich vermisse nichts, denn «My Atlas» ist ein offenes, unvollendetes Bildsystem. Ich werde mögliche Lücken füllen, und ich werde weiter daran arbeiten und diese Arbeit erweitern.
Ihre Arbeit 2004 in Paris 2004 war also kein Irrweg? Seitdem gelten Sie als «Schweizer Skandalkünstler». Wie ist Ihr Blick heute auf die Reaktionen der politischen Schweiz damals?
Ich habe die Ausstellung «Swiss- Swiss-Democracy» in bester Erinnerung. Es war erst mein drittes «Präsenz und Produktion»-Projekt, wo ich jeweils immer vor Ort bin. Wir haben vieles produziert, und es ist uns gelungen, unserer Präsenz produzierend eine Form zu geben. Auch denke ich, dass wir versucht haben, ernsthaft den Begriff Demokratie zu diskutieren, und das war tatsächliche ‹Produktion'. Sehr viele Menschen besuchten «Swiss- Swiss-Democracy». Viele besuchten uns mehrmals, einige jeden Tag. Der von Schweizer Medien selbsthysterisch organisierte «Skandal» war lächerlich und beruhte auf wirklich nichts. Er hat uns vor Ort jedenfalls nicht bei der Arbeit «Kunst» gestört.
Nach Chur eröffnen Sie in Neapel mit «Post» eine Ausstellung mit Ihren Beiträgen auf Social Media. Geht mir der Trivialisierung von Kunst nicht auch Bedeutung verloren?
Die Ausstellung «Ex-Voto-Tombola» zeigt Arbeiten, die Posts, die ich auf meinem Instagram-Account veröffentlicht habe. Jede Arbeit ist auf der Rückseite nummeriert und kann für 1000 Euro erworben werden, jedoch ohne sie zu kennen. Man muss dafür ein Los ziehen und erhält per Zufall die entsprechende Arbeit. Die «Tombola» soll die Post-Arbeiten entdigitalisieren und zugleich popularisieren.
Die Schweiz steht erneut vor einer besonderen Abstimmung, die Ihrem besten Feind, Christoph Blocher Aufmerksamkeit verschafft. Gibt es ein Thema mit Bezug zu dieser Debatte, zu dem Sie gerne einen künstlerischen Beitrag realisieren würden?
Ich möchte den Begriff der «Positiven Neutralität»» schöpfen.
Was heisst das konkret?
«Positive Neutralität» leitet sich ab von «Positiver Diskriminierung» und ist eine positive, pro-aktive Form der Neutralität. Der Begriff «Neutralität» wurde in der Vergangenheit zu oft passiv, opportunistisch, gewinnlerisch benutzt und erklärt. Neutralität als Haltung wurde angewandt, um keine Position zu beziehen, um nicht einen Preis bezahlen zu müssen, um sich auf keine Seite zu schlagen - und vor allem um selbst keinen Schaden zu nehmen. Der Begriff Neutralität hat aber gerade deshalb Schaden genommen.
Die Schweizer Neutralität mag Kratzer haben. Kennen Sie eine überzeugendere Alternative?
Die «positive Neutralität», wie gesagt. Das heisst: Man muss grundsätzlich für den Schwächeren Position beziehen und sich immer programmatisch auf die Seite des weniger Starken schlagen. Nicht anders als man sich auch in der Öffentlichkeit verhält, wenn man in der Bar, in der Metro oder auf der Strasse für den Schwächeren oder die Schwächere einspringt. So wird der Begriff «Neutralität» nicht mehr als Entschuldigung für eine interessensorientierte Haltung verstanden. Die «positive Neutralität» steht für Einmischung, für Hoffnung und Umbruch.
Thomas Hirschhorn: Bündner Kunstmuseum Chur, bis 6.12. Der Leitfaden zur Ausstellung ist gratis



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