Nachruf auf Gerold Späth

Mit seinem Debütroman katapultierte er sich in die erste Garde der Schweizer Literatur – nun ist er tot

Mit Gerold Späth starb einer der Grossen der Schweizer Literatur. Seine Sprachkraft war einzigartig. In seinen Werken interessierte er sich für die Abgründe hinter idyllischen Fassaden.

Gerold Späth stellte ich mir immer als glücklichen Menschen vor. Ich traf ihn ein paar Mal. Jedes Gespräch mit ihm war höchst anregend. Er lebte damals einen Teil des Winterhalbjahres in Italien, einen Teil des Sommerhalbjahres verbrachte er in Irland. So musste er nicht zu viel Zeit in seiner Heimat Rapperswil verbringen.

Mit dem Städtchen verband ihn eine Hassliebe. Er prangerte es in seinen Romanen als «Spiessbünzen», «Barbarswila», ja sogar «Molchgüllen» an. Doch allmählich schuf er einen eigenständigen literarischen «Kosmos», der weit über das reale Rapperswil hinausreichte, das ihm zu lärmig geworden war. Dort konnte er nicht mehr schreiben.

Die Spottnamen für die Stadt zeigen schon, was seine Werke auszeichnete. Bei ihm kam eine barocke Fabulierlust zum Ausdruck, die er mit Kritik an der selbstgerechten Schweiz verband. Er stammte aus einer Orgelbauerdynastie, und die Musikalität war ihm deshalb auch in der Sprache immer wichtig. Man bezeichnete ihn als Schweizer Rabelais oder Boccaccio. In den Gesprächen mit ihm, bei denen ich den irischen Whisky schätzen lernte, winkte Späth gleich ab, wenn er solch nett gemeinte Zuschreibungen hörte.

Man verglich ihn mit Günter Grass

Gelten liess er aber den Vergleich mit Günter Grass, mit dem er befreundet war, solange jedenfalls, bis herauskam, dass Grass in der Waffen-SS gewesen war. Nach diesem viel zu späten Bekenntnis habe er die Beziehung abgeklemmt, sagte Späth. «Mir hatte Grass wie vielen anderen diese Lebenslüge verschwiegen.»

Zu Gerold Späths Hauptwerken gehören «Unschlecht» oder «Commedia». «Unschlecht» ist wie Grimmelshausens «Simplicissimus» ein einzigartiger Schelmenroman. Mit diesem international gefeierten Erzähldebüt katapultierte er sich 1970 auf Anhieb in die erste Garde der Schweizer Literatur.

Noch mit 80 Jahren schrieb er mit «Alyeska» einen Erzählband, in dem ein Paar beschliesst, «Urlaub» voneinander zu machen und nochmals zu etwas Neuem aufzubrechen. Auch Gerold Spät selbst brach in seiner Literatur immer wieder zu neuen Ufern auf, probierte neue Formen aus.

Neben dem Schreiben liebte er das Fischen

Es gebe aber schon auffällige Konstanten in seinen Werken, betonte er einmal in einem Gespräch. Immer wieder tauchen das Wasser, der See, natürlich besonders der Zürichsee, und das Fischen auf. «Ich fische gern in Irland, wo das Wasser meist sehr sauber ist. Ich habe auch schon in Alaska Lachse gefischt.» Berufsfischer habe er allerdings nie werden wollen. Er sei ein Nachmensch, und als Fischer müsse man früh aus dem Bett. Für den Nachtmenschen war der Beruf des Schriftstellers besser geeignet.

Späth liebte es in seinen Texten, zuerst gemütliche Szenerien und idyllische Kulissen zu entwerfen, hinter denen dann Doppelmoral, Gewalt und Abgründe sichtbar wurden. Die Geschichte «Familienpapiere», die 1984 als beste deutschsprachige Kurzgeschichte ausgezeichnet wurde, beginnt mit einer harmlosen Plauderei zwischen einem Geistlichen und einem Amerikaauswanderer, der in die Schweiz zurückkehrt. Und plötzlich gesteht der Rückkehrer, wie er Freude daran habe, Menschen umzubringen. Der Geistliche möchte den Gewalttäter überführen und untersucht dessen dunkle Machenschaften. Am Ende hat er seinerseits mörderische Gedankenspiele im Kopf.

«Ich sehe überall Abgründe», sagte mir Gerold Späth, «und von diesen Abgründen muss ich erzählen, weil sie sonst verborgen bleiben. Alle Menschen haben ihre Abgründe.» Die Schicht zwischen dem schönen, zivilisierten, gepflegten Leben und dem Unheimlichen sei dünn. «Der Lack ist sehr schnell weg in unserer verrückten Zivilisation. Die Welt ist ein Narrenschiff.»

In den letzten Jahren erschienen zwar beständig Bücher von ihm, aber er verabschiedete sich immer mehr aus dem Literaturbetrieb. Diese vorherrschenden «Bauchnabelschauen» in der deutschsprachigen Literatur interessierten ihn nicht mehr. Er hat sich stets geweigert, das Computerzeitalter anbrechen zu lassen. Stattdessen schrieb er bis zuletzt von Hand mit einem Bambuskiel. Am 14. Oktober, zwei Tage vor seinem 87. Geburtstag, ist Gerold Späth gestorben.

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