Es ist nur eine Anekdote, vielleicht wahr, vielleicht nur gut erfunden. Aber sie sagt einiges über Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt und ihr Verhältnis zum Literaturnobelpreis aus. Frischs Partnerin Marianne hat die Geschichte immer wieder gern erzählt. Es muss Mitte der 60er-Jahre gewesen sein, als die Freundschaft der beiden Schriftsteller wieder aufkeimte.
So entschlossen sie sich zu einer gemeinsamen Reise nach Venedig. Beide hatten sie inzwischen einen Jaguar, aber sie fuhren in jenem von Frisch, was Dürrenmatt bald bereute, denn Frisch fuhr «rasant» und schlecht. Für Dürrenmatt war es der erste Aufenthalt in Venedig. Er war neugierig, und zugleich fürchtete er sich, enttäuscht zu werden, weil die Stadt längst «ein Gegenstand meiner Phantasie» war.
An diesem Morgen wirkten sie angespannt
Es war Oktober, Venedig nicht mehr von Touristen überschwemmt. Doch eines Morgens wirkten beide etwas angespannt und wollten nichts gemeinsam unternehmen. Fast gleichzeitig verliessen sie das Hotel, aber in verschiedene Richtungen.
Beide sollen, so Marianne Frischs Erinnerung, zu einem Kiosk geschlichen sein, damit sie – lange vor der Erfindung der Handys – erfuhren, wer den Nobelpreis erhalten hatte. Wieder keiner von beiden, obwohl sie seit Jahren heiss gehandelte Kandidaten waren: Das Nobelpreis-Archiv, das allerdings nur Akten bis 1975 online zugänglich macht, verzeichnet bei Frisch 25 Nominierungen, bei Dürrenmatt sogar 30. Einmal zumindest wurden sie auch gemeinsam nominiert.
1966 gewann zwar jemand mit deutscher Muttersprache, aber weder Dürrenmatt noch Frisch, sondern Nelly Sachs, die im schwedischen Exil lebte. Sie blieb dann während 40 Jahren (von 1950 bis 1990) die einzige Frau, die den Literaturnobelpreis erhielt.
Auch 1972 ging der Preis an einen deutschsprachigen Autor, aber es war wieder keiner der beiden Schweizer, vielmehr Heinrich Böll. Ihm gönnte Frisch die Auszeichnung schon deshalb, weil Böll viel für Dissidenten in der Sowjetunion tat. Mit dem Nobelpreis bekam seine Stimme noch mehr Gewicht.
Sollte er mit Ehrungen ruhiggestellt werden?
1976 erhielt Frisch den prestigeträchtigen Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Auch sonst wurde er in jenen Jahren mit Auszeichnungen überhäuft. Dem einen oder anderen Kritiker ging diese Art von Heiligsprechung zu weit. Selbst Wohlgesinnte fragten sich, ob Frisch nun mit Ehrungen totgefeiert und ruhiggestellt werde, zumal sich beharrlich das Gerücht hielt, er stehe auch bei der Akademie in Stockholm wieder weit oben. So weit oben, dass ihm, je näher die Bekanntgabe rückte, sogar Statements abverlangt wurden.
Die «New York Times» schickte den bekannten Journalisten Herbert Mitgang los, der in Frankfurt am Main prophylaktisch ein Interview mit Frisch führte. Frisch sagte, wenn er die Wahl hätte, entweder ein weiteres Meisterwerk zu schreiben oder den Nobelpreis zu gewinnen, würde er das Meisterwerk vorziehen. So kam es denn auch: Den Literaturnobelpreis erhielt 1976 der US-Autor Saul Bellow, und Frisch schrieb in den darauffolgenden Jahren das Meisterwerk «Der Mensch erscheint im Holozän».
Immer wieder hörte er oder sein Verlag von zuverlässigen schwedischen Insidern, dass bald auch für ihn der grosse Anruf aus Schweden komme. Zweifelhaft, ob er den Gerüchten überhaupt noch Glauben schenkte. Mitten in der Nacht rief ihn einmal ein italienischer Journalist an, der ihm schon zum angeblich gewonnenen Nobelpreis gratulierte und sofort ein Interview wollte. Frisch habe, wie er seinem Freund Adolf Muschg verriet, geantwortet, dass er lieber zuerst die Bestätigung vom Nobelkomitee abwarten wolle. Schlafen konnte er trotzdem nicht mehr in dieser Nacht.
Noch im Herbst 1990, ein halbes Jahr vor seinem Tod, gaben über 50 namhafte deutschsprachige Kritikerinnen und Kritiker bei einer Umfrage an, dass Frisch für sie der verdienstvollste und aussichtsreichste Kandidat für den anstehenden Literaturnobelpreis sei. An zweiter Stelle folgte Günter Grass, der 1999 tatsächlich in die Kränze kam, an dritter Stelle Friedrich Dürrenmatt.
Ein Starkritiker setzte sich für Frisch und Dürrenmatt ein
Ich habe verschiedene mit der Schwedischen Akademie verbundene Kenner befragt, warum weder Frisch noch Dürrenmatt den Preis je erhielten, obwohl beide während Jahrzehnten nahe dran waren. Standen sie einander im Weg? Wollte man nicht den einen von beiden bevorzugen? Warum gab man den Preis nicht beiden zugleich? 1966 hatte man mit Nelly Sachs und Samuel Joseph Agnon auch zwei prägende jüdische Stimmen zusammen ausgezeichnet.
Der Starkritiker Marcel Reich-Ranicki gehörte zu den Fachexperten, die der Schwedischen Akademie Namen vorschlagen konnten. Er bestätigte mir, sowohl Frisch als auch Dürrenmatt empfohlen zu haben. Erfolglos. 2005 gestand mir Knut Ahnlund, 30 Jahre lang Mitglied der Schwedischen Akademie, in einem Interview, dass «viele der ganz Grossen ewige Kandidaten bleiben».
Oft würden Opportunismus und blosse Trendschnüffelei verdienstvolle Namen verhindern. Einen genauen Grund, warum weder Dürrenmatt noch Frisch den Preis erhielten, konnte er nicht nennen. Ihnen sei einfach jedes Mal ein Mitbewerber vorgezogen worden, «dessen Wahl als dringlicher erachtet wurde». Ganz ähnlich sei es dem US-Power-Couple Philip Roth und John Updike ergangen. Das Nobelkomitee verkam zwischendurch zur skandalumwitterten «Bühne für Selbstdarsteller», so Ahnlund. Man nobilitierte oft die moralisch Genehmen, nicht die Begnadeten.
Dürrenmatt wie Frisch litten auch ohne Nobelpreis darunter, dass sie sich vor lauter Ruhm kaum noch frei bewegen konnten. Man bekomme die Preise nachgeworfen, wenn man sie gar nicht mehr brauche, waren sie beide überzeugt. Und sie misstrauten manchen ihrer hochgefeierten Werke. Dürrenmatt sprach noch im Alter davon, er habe sein Erfolgsstück «Der Besuch der alten Dame» nie geliebt, auch nicht die Hollywood-Adaption mit Ingrid Bergmann und Anthony Quinn.
Auch Frisch mochte vor allem seine unscheinbaren Texte wie das Stück «Triptychon» oder die im deutschen Sprachraum zuerst schnöde behandelte Erzählung «Der Mensch erscheint im Holozän». Er hielt es mit Rilke, der einmal sagte, Ruhm sei nur die «Summe der Missverständnisse», die sich um einen Namen ranken.
Der Bestseller «Mein Name sei Gantenbein», der ihm viel Geld und Prestige einbrachte, verleidete ihm ebenso wie die weltweit gespielten Stücke «Biedermann und die Brandstifter» und «Andorra». An der Premierenfeier zu «Andorra» ging dann auch seine Freundschaft mit Dürrenmatt für ein paar Jahre in die Brüche, weil dieser jedem, der es hören mochte, die Mängel des Stücks erläuterte, was Frisch nicht entging.
Nahmen sie den Literaturnobelpreis wirklich so ernst, wie ihnen nachgesagt wurde? Dürrenmatt lässt in der Komödie «Der Meteor» einen Literaturnobelpreisträger auftreten, der sagt: «Der Nobelpreis gab mir den Rest. Ein Schriftsteller, den unsere heutige Gesellschaft an den Busen drückt, ist für alle Zeiten korrumpiert.»
Frisch wiederum witzelte in einem Brief: «Sie fragen, was der Nobelpreis bedeutet. Da ich auch schon in die engere Wahl gezogen worden bin, will ich Ihnen unter vier Augen sagen: Ich warte das ganze Jahr auf den Nobelpreis, hin und wieder spaziere ich oder trinke einen Wein, ich schlafe auch, um nicht an den Nobelpreis zu denken, ferner arbeite ich usw., und wenn ich mir vorstelle, dass ich ohne den Nobelpreis sterben sollte, so möchte ich, offen gestanden, lieber nicht sterben. So steht es mit dem Nobelpreis für alle Schriftsteller in der Welt, und das sind sehr viele, leider kann jedes Jahr nur einer von ihnen erlöst werden.»
Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch starben ohne Erlösung aus Schweden. Damit sanken die Chancen drastisch, dass nach Carl Spitteler 1919 und Hermann Hesse 1946 wieder ein Literaturnobelpreis in die Schweiz gehen würde.






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