Seit 80 Jahren sitzen wir auf unseren anderthalb Literaturnobelpreisen. Bei Carl Spitteler ist die Sache eindeutig: Er war Schweizer, kam aus Liestal und starb in Luzern. Wohl nirgends war die Überraschung, dass er 1919 den Preis erhielt, grösser als in der Schweiz selbst. Denn man kannte von ihm eigentlich nur eine Rede, gehalten zu Beginn des Ersten Weltkriegs 1914, als er für die Neutralität und gegen Nationalismus eintrat.
Nach dem Zweiten Weltkrieg ging die Auszeichnung wieder in die Schweiz, an den Deutschen Hermann Hesse, der aber die meiste Zeit seines Lebens im Tessin verbrachte und seit 1924 Schweizer Bürger war. Deshalb zählt die Schwedische Akademie ihn offiziell zur Schweiz, auch wenn die Deutschen das anders sehen.
Nach dieser Logik könnte allerdings auch die Wahl von Elias Canetti 1981 als Schweizer Nobelpreis gewertet werden, denn Canetti lebte damals und für lange Zeit in Zürich. Doch das Nobelkomitee listet ihn unter seinem Geburtsland Bulgarien und unter Grossbritannien auf, da er vor den Nazis nach England geflüchtet war und die britische Staatsbürgerschaft besass.
Endlich kommen Frauen regelmässig zum Zuge
Wie stehen die Chancen, dass der Preis 2026 endlich wieder einmal in die Schweiz geht? Nachdem jahrzehntelang nur Männer ausgezeichnet wurden, bemüht sich das Nobelkomitee seit einiger Zeit, immer schön abzuwechseln, mal ein Mann, mal eine Frau. Letztes Jahr war der ungarische Autor László Krasznahorkai an der Reihe. Also dürfte dieses Jahr eine Frau dran sein.
Lukas Bärfuss, dem sonst die grössten Chancen einzuräumen wären, muss noch warten. Wenn er noch ein weiteres Meisterwerk vorlegt, dürfte er in Zukunft ein ernst zu nehmender Kandidat sein.
Es gibt eine Schweizer Favoritin
Und die Schweizer Schriftstellerinnen? Wer ist so herausragend, dass die schwedischen Akademiemitglieder anbeissen könnten? Da ist besonders ein Name zu nennen: Fleur Jaeggy. Sie wird weltweit gefeiert, selbst der «New Yorker» oder die britische Literaturzeitschrift «Granta» widmeten ihr Stories. Sie ist im internationalen Literaturbetrieb bestens vernetzt und in 27 Sprachen übersetzt. Jaeggy war mit dem bedeutenden italienischen Verleger und Autor Roberto Calasso verheiratet und erhielt zahlreiche Auszeichnungen.
Gegen sie sprechen ihr recht schmales Oeuvre und ihr hohes Alter. Sie ist schon 86, und die letzten Preise konnte sie wegen ihrer fragilen Gesundheit nicht mehr persönlich in Empfang nehmen. Die Schwedische Akademie zeichnete mit der Britin Doris Lessing allerdings schon eine 87-Jährige aus, die aber nach Schweden reisen und ihre Preisrede halten konnte.
Neben Fleur Jaeggy hat sich in den letzten Jahren Dorothee Elmiger mit sehr eigenständigen Büchern empfohlen. Für «Die Holländerinnen» erhielt sie im letzten Jahr den Deutschen und den Schweizer Buchpreis. Sie ist jedoch erst 40 und damit noch nicht im typischen Nobelpreisalter, das bei Mitte 60 liegt. Auch sie müsste zuerst mit weiteren Spitzenwerken international auffallen. Deshalb ist wohl zu befürchten, dass der Anruf des Literaturnobelkomitees auch 2026 kein Schweizer Handy klingeln oder vibrieren lässt.
Einmal vorausgesetzt, die Schwedische Akademie entscheidet sich dieses Jahr tatsächlich für eine Frau, dann schwingt bei den Buchmachern die 73-jährige Chinesin Can Xue oben aus, deren Familie einst der Kulturevolution zum Opfer fiel. Zum Favoritinnenkreis zählen auch die 62-jährige Mexikanerin Christina Rivera Garza und die 86-jährige Kanadierin Margaret Atwood. Oft genannt wird zudem die Russin Ljudmila Ulitzkaja, die sich in der Opposition gegen Putin engagiert.


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