Von allen wichtigen Autoren der zeitgenössischen Schweizer Literatur hat keiner eine derart polarisierende Herkunft wie Christoph Geiser: Sein Grossvater mütterlicherseits war der umstrittenste Diplomat der jüngeren Schweizer Geschichte: Hans Frölicher. Dieser war im Zweiten Weltkrieg Gesandter in Berlin. Als solcher trug er zur Einführung des judenfeindlichen «J-Stempels» bei.
Dem mutigen Schweizer Theologiestudenten Maurice Bavaud, der mit seinem Attentat auf Hitler scheiterte, verweigerte Frölicher jede Hilfe. Bavaud wurde 1939 in einem Geheimprozess vom Nazi-Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und hingerichtet. Über diese abgründige Familiengeschichte hat Geiser verschiedentlich geschrieben.
Weniger bekannt ist, dass Geiser väterlicherseits eine jüdische Grossmutter hatte. Im neuen Buch «Die Spur der Hasen» erinnert er an sie, über die man in der Familie höchst ungern sprach. Sie hiess Rochle Helene Saizeff. Der Nachname ist vom russischen Wort für «Hase» abgeleitet. Sie stammte aus einer wohlhabenden Familie in Belarus.
Die Tochter wurde von der Familie enterbt
Viele jüdische Russinnen studierten um 1900 Medizin an Schweizer Universitäten, vor allem in Bern und Zürich, weil die Bestimmungen im Zarenreich frauenfeindlich und antisemitisch waren. In Bern bemühte sich ein Kommilitone namens Geiser um Rochle Saizeff. Schliesslich kam es zur «Liebesheirat», doch die Ehe verlief unglücklich. Ihre standesbewusste Familie akzeptierte keinen Goi, also Nichtjuden. Die abtrünnige Tochter wurde enterbt und für tot erklärt.
Es kam zur Scheidung und bald darauf zur psychiatrischen Internierung von Rochle Saizeff. Eingeliefert wurde sie 1923 nach drei Suizidversuchen. Man drängte sie ins Abseits, ihr Ex verleugnete sie. Der Schriftsteller erinnert sich, dass auch sein Vater nie über die russische Mutter sprach und seine jüdische Herkunft ignorierte.
Nur ein Lebenslauf und vereinzelte Habseligkeiten und psychiatrische Diagnosen haben sich von ihr erhalten. Sie sah sich als «Verfolgte» in der Schweiz, wie Geiser schreibt, soll aber auch gesagt haben: «Ich bin Medea!» Als wollte sie sich gegen die patriarchale Ordnung auflehnen. Ihre psychischen Leiden waren real, nicht nur Erfindungen eines feindlichen Umfelds, das sie zur «Verrückten» erklärte und ruhigstellen wollte. Sie, die ausgebildete Ärztin, die nie praktizierte, benötigte ärztliche Hilfe und geriet an Schweizer Kollegen, die in der Hitlerzeit die Rassenhygiene unterstützten.
Von einem Martyrium zum anderen
Christoph Geiser geht in seiner Spurensuche auch der Frage nach, was seine Grossmutter erwartet hätte, wenn sie zu ihrer Familie in die inzwischen entstandene Sowjetunion zurückgekehrt wäre. Es wäre wohl ein noch viel schlimmeres Martyrium gewesen. In der Ortschaft Gorki in Belarus, aus der sie kam, wüteten die Deutschen wie überall grausam. SS-Schergen trieben am 7. Oktober 1941 gegen 2200 Jüdinnen und Juden zusammen und massakrierten sie.
Geiser webt in seinem Buch Berichte des ehemaligen Museumsleiters von Gorki ein, den er in Israel ausfindig machte und der ihm erzählte, wie die von den Deutschen erschossenen Erwachsenen noch ihre Kinder hielten, so dass sie mit ihnen «lebendig in die Gruben» fielen. Nachdem die Gruben zugeschüttet waren, «muss es noch lange Zeit einige lebende Menschen gegeben haben, die atmeten».
Auch Angehörige seiner Grossmutter fielen den deutschen Massakern zum Opfer. Sein anderer Grossvater Hans Frölicher genoss derweil Empfänge bei Nazibonzen, statt sich wenigstens in bescheidener Form für die Opfer des NS-Terrors einzusetzen. Diese Gegensätze in seiner Familiengeschichte arbeitet Christoph Geiser in seinem eindringlichen Buch literarisch überzeugend heraus.
Christoph Geiser: Die Spur der Hasen. Eine Grablegung. Nachwort von Caspar Battegay. Secession, 153 Seiten.




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