Künstliche Intelligenz

Warum der Literaturbetrieb nicht voreilig vor der KI kapitulieren sollte

Ein Literaturskandal erschüttert Frankreich: Ein für den Prix Goncourt nominierter Autor soll seinen Bestseller «fast vollständig» mit Hilfe von künstlicher Intelligenz verfasst haben. Und niemand merkte es.

Der 1988 geborene kanadisch-haitianische Autor Thélyson Orélien hat mit seinem Debütroman «C'était ça ou mourir» («Entweder das oder sterben») einen Bestseller geschrieben, aber dabei offenbar fleissig die KI mitschreiben lassen.

Trotzdem stilisierte man ihn zum Wunderkind. Er erzählt die Geschichte eines Lehrers, der aus seiner von Bandenkriminalität belasteten Heimat Haiti flieht, von Trumps ICE-Truppen festgenommen wird, ehe er in Kanada Zuflucht findet.

Bereits sollen Übersetzungsrechte in über 20 Länder verkauft worden sein. In diesem August erschien das Buch beim renommierten französischen Verlag Grasset und schaffte es auf die Longlist für den wichtigsten französischen Literaturpreis, den Prix Goncourt.

Vor Kurzem aber wurden auf X Anschuldigungen laut, dass der Roman «fast vollständig» mithilfe von KI entstanden sein soll. Daraufhin strich die Académie Goncourt den Autor wieder von der Liste der Preiskandidaten. Doch schwarz auf weiss liegen keine Beweise vor, ob die Vorwürfe zutreffen. Manche vermuten eine politische Schmutzkampagne gegen den schwarzen Autor.

Im Literaturbetrieb zerbricht man sich den Kopf darüber, ob sich ein KI-generierter Roman überhaupt entlarven lässt. Die Programme zur KI-Erkennung liefern jedenfalls keine zuverlässigen Ergebnisse. Sie haben schon die Bibel als KI-Produkt entlarvt. Andererseits können geübte User einen KI-Text so verändern, dass er sich kaum noch als solcher erkennen lässt.

Besonders in Frankreich, aber auch in der NZZ stellt man sich deshalb die Frage: Ist es nicht egal, ob der Mensch allein oder in Kombination mit der Maschine ein Buch schreibt, solange es ein Publikum findet? Dagegen wehrt sich die Zeitung «Le Monde». Beim Lesen von Literatur gehe es um einen Dialog zwischen Autor und Lesepublikum. Letzteres wolle durch einen Menschen künstlerisch bewegt und gerührt werden, nicht durch eine Maschine. Darum soll künftig mit einem Label deklariert werden, wenn ein Buch mit KI verfasst sei.

Der Schriftsteller Pascal Bruckner vertritt im Magazin «Le Point» die konträre Ansicht. Ein solches «KI-frei»-Label erinnere ihn ans Bio-Label, das eine saubere Anbauweise garantieren soll. Er fragt sich, ob sich in Zukunft überhaupt noch ein literarisches Werk frei von KI-Hilfe schreiben lässt.

Zu bedenken sei zudem, so Bruckner, dass kein Text ganz originell ist. Alles sei schon einmal geschrieben worden. Ob ein anderer Mensch oder eine Maschine sich in einen Text einschleicht und ihn mitschreibt, sei unerheblich, solange der Text ankommt. Thélyson Orélien werde als unfreiwilliger Held dieser Literatursaison in Erinnerung bleiben, weil er eine überfällige Debatte über die Zukunft der Literatur lanciert habe.

Ein Held dieser Art will Orélien allerdings nicht sein. Er bestreitet in der Zeitung «Libération», mit der Maschine gedichtet zu haben. Er habe es schon immer geliebt, kreativ zu sein und zu schreiben, und habe keinen Grund, eine KI zu befragen. Seine bekannte Kollegin Virginie Despentes springt ihm bei: Solange es keine zuverlässigen Prüfungsinstanzen zur KI-Erkennung gebe, müsse sich Orélien nicht rechtfertigen.

Tatsächlich ist es schwierig, das redliche eigene Schreiben zu beweisen. Doch eine andere Wahl hat Orélien nicht, um seine Literatur zu retten. Aufrichtigkeit ist nicht nur in der Wissenschaft oder im Journalismus ein hohes Gut, sondern ebenso in der Literatur. Man darf sich dort auch nicht unreflektiert mit fremden Schreibfedern schmücken, selbst wenn es die Feder einer KI ist.

Wenn eine Autorin wie Dorothee Elmiger jahrelang gewissenhaft recherchiert, nach einer eigenen Form und Sprache sucht und Quellen offenlegt, verdient sie mehr Beachtung und Respekt als ein Autor des geringen Widerstands, der nur versiert die KI einzusetzen versteht.

Bestimmt ist alles schon einmal gedichtet worden, und es gibt keine totale Originalität. Aber aussergewöhnliche literarische Zugänge gibt es allemal, hinter denen einzigartig begabte Autorinnen und Autoren stecken, die über viel Sprachkraft verfügen und keinen Aufwand scheuen, um ein eigenständiges Werk zu schaffen. Es trägt also ganz sicher nicht zum Ansehen der zeitgenössischen Literatur bei, wenn man voreilig vor der KI kapituliert und keinen Unterschied mehr macht zwischen Mensch und Maschine.

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