notifications
Künstliche Intelligenz

Was, wenn künstliche Intelligenz bald die menschliche Kreativität übertrumpft?

Der Romancier Markus Orths entzündet in «Die Enthusiasten» zuerst ein Feuerwerk der menschlichen Fantasie – und fragt sich dann, ob das Ende unserer Kultur droht, wenn die künstliche Intelligenz kreativer wird als wir.
Unterwegs zum Meisterwerk: Wann überflügelt Künstliche Intelligenz die menschliche Fantasie?.
Bild: Getty

Es gibt kaum noch ein Buch ohne Blurbs auf dem Umschlag, also ohne Zitate angesehener Persönlichkeiten, die das Buch zwar in den allermeisten Fällen nicht gelesen haben, aber mit gewinnenden Worten sagen, wie überwältigend und unverzichtbar die Lektüre sei.

Ich halte gerade ein Buch in der Hand und lese auf der Cover-Rückseite den Blurb: «Dieses Buch hätte ich gern selbst geschrieben.» Als Autor ist ChatGPT genannt. Das will was heissen, wenn die Künstliche Intelligenz oder KI einen Roman anpreist, den sie selber gern verfasst hätte.

Da stellen sich gleich zwei Fragen: Ist der Roman derart grandios, dass die KI ihre Unterlegenheit sofort anerkennt und sich danach sehnt, die Urheberin dieses Meisterwerks zu sein? Oder verhält es sich so, dass die KI das Buch tatsächlich unter anderem Namen verfasst hat? Und dann liefert sie einen Blurb, in dem sie vortäuscht, nicht die Autorin des betreffenden Buchs zu sein, sondern nur die Möchtegern-Verfasserin.

Aufstand der menschlichen Fantasie gegen KI

Anstatt lange zu überlegen, was nun zutrifft, beginne ich einfach mit Lesen. Das Buch von Markus Orths heisst «Die Enthusiasten». Es handelt zunächst von leidenschaftlichen Büchermenschen – sie bescheren uns ein  Fantasiefeuerwerk, als wollten sie uns auf jeder Seite davon überzeugen, dass nur der Mensch zu solcher Kreativität fähig ist. So liest sich der Roman zunächst wie ein Aufstand der menschlichen Fantasie gegen die künstliche Intelligenz.

Der feinste, freiste und witzigste Kopf aller Zeiten: Laurence Sterne.
Bild: Getty

Da pilgert wie jedes Jahr eine Gruppe von Besessenen ans Grab des englisch-irischen Schriftstellers Laurence Sterne (1713-1768), Verfasser von «Tristram Shandy». Selbst die kreativsten aller kreativen Geister wie Goethe oder Nietzsche verwiesen auf Sterne, wenn sie den feinsten, freisten und witzigsten Kopf aller Zeiten benennen mussten. Gegen alle moralischen, politischen und sprachpuristischen Korsette wünschte sich Laurence Sterne, «unsere Welt würde lernen, die Leute ihre Geschichten auf ihre eigene Weise erzählen zu lassen.»

Mit gutem Beispiel ging Sterne voran, setzte sich über Normen und Konventionen hinweg. Orths Erzähler Vince Bär gehört zu den Sterne-Enthusiasten und jagt einem der vermeintlich wertvollsten Manuskripte der Literaturgeschichte nach: dem zehnten Buch von «Tristram Shandy» (das allerdings nur in Orths Roman existiert).

Probt den Aufstand gegen KI-Kunst: der deutsche Autor Markus Orths.
Bild: Michael Dahlke/Imago-Images

Auf den ersten 300 Seiten feiert Markus Orths Pageturner die menschliche Fantasie. Dann aber erfährt der Erzähler eine schreckliche Nachricht: Das von ihm sehnlichst gesuchte zehnte Buch von «Tristram Shandy» soll eine Fälschung sein. Ein Grafologe hat offenbar die Handschrift des Dichters perfekt nachgeahmt. «Agnes», eine fiktive künstliche Intelligenz, hat das Buch kreiert.

Ein KI-Experte klärt Vince auf: Es gebe bereits neuronale Netze, die berührende Bilder malen und Bücher im Stile Sternes schreiben können. Die Entwicklung sei viel weiter, als die kenntnislosen Dichter glauben, die sich für unersetzlich halten.

Bald erzeugt KI originäre Kreationen

Inzwischen habe sich die KI-Technik revolutioniert. Dafür gibt es schon ein reales Beispiel: Die KI «AlphaGo Zero» musste beim komplexesten Spiel Go nur die Regeln kennen, um dann in drei Tagen alles über das Spiel zu lernen, wofür der Mensch 3000 Jahre gebraucht hatte. Eines Tages wird KI auch alles über Sprache, Denken und Literatur aus sich heraus lernen und umsetzen können. Und von da ist es kein so grosser Schritt mehr, bis sie originäre Kreationen schafft.

Orths thematisiert auf kluge und doch unterhaltsame Weise die drängenden Fragen zu KI und Literatur: Endet die menschliche Kultur oder gar der Mensch, wenn seine Fantasie von künstlicher Kreativität überflügelt wird? Oder ist KI die einzige Chance, um die Welt zu retten? Wenn Kunst nicht selten ein Überlebensschrei ist, beginnt dann auch die KI zu schreien und zu wüten? Noch ist KI weit von den einhundert Billionen Hirnsynapsen des Menschen entfernt, aber wann wird sie uns «in den Synapsenschatten stellen»?

Markus Orths Roman «Die Enthusiasten» zeigt grossartig auf, was menschliche Kreativität ausmacht und wie Künstliche Intelligenz sich doch immer näher an ihre Fersen heftet.

Markus Orths: Die Enthusiasten. Riman. Galiani, 365 Seiten.

Mehr zum Thema:

Mehr zum Thema:

Mehr zum Thema:

Kommentare (0)