Niemals werde ich sie vergessen: die Frau, die ihre Zähne zur Schonung bloss am Sonntag trägt. Nathalies eigene Zähne waren bereits in ihrer Jugend so marode, dass sie durch eine Prothese ersetzt wurden. Doch das war es nicht, was mich bei der ersten Begegnung mit der jungen, damals zahnlosen Frau erschüttert hat.
Unsere Nachbarin, Mutter zweier Kinder, ist Analphabetin. Ihre Eltern waren Alkoholiker, beide starben früh, die Tochter wurde zu Hause gebraucht, Schulbildung galt als Luxus. Ein soziales Netz oder eine staatliche Stelle, die der dysfunktionalen Familie beigestanden hätte, gab es nicht.
Die Not vererbt sich, sie setzt sich über die Generationen fort. Nathalies Kinder, in der öffentlichen Schule mehr schlecht als recht ausgebildet – mit dem Stigma der Familie belastet –, finden keine Arbeit. Doch das geht in dieser Gegend den meisten ihrer Generation so. Nathalie aber hat Arbeit, sie unterstützt die Ältesten der alten Dorfgemeinschaft.
Selbstversorgung statt Anspruchshaltung
Die Jugend hilft sich zumeist selbst: Aus Mangel an Beschäftigung und Perspektiven beginnen sie zu trinken. Der landeseigene Fusel in riesigen Behältnissen ist hier denn auch nahezu umsonst. Sich politisch für einen wirtschaftlichen Wandel einzusetzen, scheint keine Option.
Das gilt auch für Nathalies Mann, der sich bei der Gemeinde stundenweise und auf Abruf einen lächerlichen Lohn verdient. Die Eier seiner Hühner und Enten, das Gemüse aus dem Garten, haben für das Wohlergehen der Familien wohl einen ähnlich hohen Gegenwert wie die Lappalie in Euro, die er erhält. Nathalies Mann glaubt dem Staat kein Wort mehr, und Wahlen interessieren ihn genauso wenig.
Die wirtschaftsliberale Politik der Zentralregierung ist aus seiner Sicht ganz direkt für die meisten Missstände in der Region verantwortlich: die Schliessung des Postamtes, des letzten – von der Gemeinde betriebenen – Restaurants und des Bahnhofs in der nächsten Stadt, Aubusson.
Nathalie schämt sich, dass es hier so ist, wie es ist. Aber so ist es tatsächlich und nicht erst seit gestern. Sie und rund 700 andere Menschen leben seit mehreren Generationen im Dorf Vallière westlich des Zentralmassivs.
Die Region gilt als eines der strukturschwächsten Gebiete Frankreichs, sie ist Teil der sogenannten Diagonale du vide, der «Diagonale der Leere». Landflucht grassiert seit dem 19. Jahrhundert. Die Abwanderung der Jugend hat zu einer absurd überalterten Bevölkerungsstruktur geführt.
Der Boden ist sauer, weil er aus Granit ist. Die Gegend ist zu wasserreich, um im grossen Stil konkurrenzfähige Landwirtschaft zu betreiben. Wer kann, hält dennoch ein paar Kühe, viel mehr geht nicht. Arbeitsplätze in der Industrie sind kaum noch vorhanden, Bahnlinien werden laufend stillgelegt, lokale Krankenhäuser geschlossen. Der Staat hat seine Investitionen in die Creuse seit Jahren sistiert.
Ein Idyll der Privilegierten
Der Fall von Nathalies Zähnen steht für den Fall Frankreichs. Die Nerven tief im Innern der stolzen Nation sind hier tot. Im Innern des Landes, der sogenannten France profonde, werden Menschen sich selbst überlassen. Zukunft ist ein leeres Versprechen. Frankreich zeigt nicht in Paris sein Gesicht, sondern dort, wo keiner hinsieht. Weit ab von den touristisch geförderten Zentren wie Paris, am Mittelmeer oder Atlantik. Nicht einmal eine Autobahn, die mögliche Touristen einladen würde, den Landstrich zu entdecken, gibt es in der Creuse.
Aber darf ich das denn überhaupt behaupten? Als Beobachterin und Nutzniesserin dieser atemberaubend schönen Gegend habe ich fast 20 Jahre dort gelebt. Statt Schweizer Hochpreisniveau war hier das Leben schier umsonst. Statt Schweizer Dichtestress herrscht hier der freie Blick über weites Grün. Und als Regierungsform funktioniert das Regime des Wilden Westens erstaunlicherweise ganz probat. Sheriff ist der, der am meisten Kühe besitzt, denn les vaches limousines isst man in Paris oder Bordeaux besonders gerne.
Wer hier leben will oder leben muss, schwankt zwischen Resignation und Protesthaltung. Sind Wahlen im Dorf, ist die Parteizugehörigkeit egal, dann zählt das Gesicht. Doch bei Wahlen auf nationaler Ebene entscheidet man sich immer öfter gegen Macron. Weil Menschen verzweifelt nach einer politischen Orientierung und einer politischen Kraft suchen, wechselte die Creuse in jüngster Vergangenheit wiederholt die Farbe: von Macron über die radikale Linke bis hin zur extremen Rechten.
Immer öfter aber erhält das Rassemblement National Sukkurs. Bei den vergangenen Parlamentswahlen errang mit Bartolomé Lenoir (35) erstmals ein vom RN unterstützter Kandidat das einzige Mandat des Départements in der Nationalversammlung. Den RN zu wählen, gilt als Ausdruck des Gefühls, von der politischen Elite in Paris im Stich gelassen worden zu sein.
Zu erschöpft für den Barrikadenkampf
Statt Ortstafeln stehen hier Eichenwälder. Statt Verkehrsschildern die Hochmoore. Und über allem prangt der sternenübersäte Nachthimmel. Die Natur nimmt sich den Platz, den ihr die Menschen überlassen. Die Biodiversität infolgedessen ist enorm, für Ornithologen ein Elysium.
Und ach, Wildschweine gibt es natürlich auch, sie lärmen in den Wäldern und auf den Feldern wie die Vögel. Genau wie Fasane dürfen sie lokale Jäger anfüttern, damit sie im Herbst den städtischen Schlossbewohnern, die hier wochenweise ihr Erbe nutzen, feist und angstfrei vor die Flinte laufen.
Wildschweine trifft man allenthalben in dieser Gegend, Menschen kaum. In der Creuse leben sieben Menschen auf einem Quadratkilometer, in der Schweiz sind es rund 220. Ich bin sicher, dass keiner und keine meiner französischen Bekannten in den letzten Tagen auf den Barrikaden gestanden haben wird.
Auch nicht am 17. Oktober in der prunkvollen ehemaligen Hauptstadt des königlichen Porzellans, die lediglich rund 80 Kilometer von Vallière entfernt liegt. Jugendliche Randalierer haben in Limoges das Hôtel de Ville, das Rathaus, in Brand gesetzt und wohl unwiederbringlich beschädigt. Das einst repräsentative Gebäude befand sich in pitoyablem Zustand, seit fast zehn Jahren sollte die Fassade umfassend saniert werden. Erfolg war nicht zu sehen, die meiste Zeit standen die Arbeiten still.
Dem Rathaus erging es wie vielen offiziellen Bauten der Stadt. Limoges hat grosse wirtschaftliche Schwierigkeiten, die Innenstadt spricht Bände: Im historischen Kern reihen sich geschlossene Geschäfte an unbewohnte Altbauwohnungen an zerfallene Gebäude, die nicht mehr benutzbar sind. Die Zahl der leer stehenden Wohnungen, das meldet die Stadt, hat sich in den letzten Jahren versiebenfacht. Jeder vierte Jugendliche und junge Erwachsene ist ohne Arbeit. Das Limoges der Brandnacht vom 17. Oktober war nur noch ein Schatten seines früheren Selbst.
Weder Nathalie noch die Mehrheit meiner Creuser Freunde waren bei den Protesten in der Stadt. Was Nathalie betrifft, meine ich sogar, sie habe ihr Dorf noch nie weiter als bis zum nächsten Krankenhaus in Aubusson verlassen. Und hätte sie es doch getan und wäre sie nach Limoges gereist und hätte sie dort tatsächlich die Faust erhoben – ich meine, ich würde anerkennend nicken. Anerkennend für ihren Widerstand, mit dem sie ihrem Dorf die Treue hält und dennoch auf eine Veränderung zum Guten hofft.




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