Krawall

«So viel Dummheit, so viel Hass»: Frankreich am Rand von Chaos und Revolte

Konsternation nach den Krawallen: Frankreich registriert ein bisher unbekanntes Ausmass an Gewalt, Brandschatzung und Plünderung. Die Regierung macht einen Präsidentschaftskandidaten für mitverantwortlich.

Guillaume Guérin musste die Tränen zurückhalten. «Ein Rathaus, das ist doch das Haus der Republik und des Service Public!», klagte der Bürgermeister der Stadt Limoges, nachdem das Rathaus in Flammen aufgegangen war. «So viel Dummheit, so viel Hass auf unsere Flagge, auf unsere Institutionen, das kann doch nicht sein!»

Aber es war so. Das Bild des in die Flammen stürzenden Rathaustürmchens in Limoges erinnerte an den Brand der Pariser Kathedrale Notre Dame vor sieben Jahren. Diesmal war es Brandstiftung. Entgeistert verfolgte die Nation das Geschehen über die Livesender, wo zu den spektakulären Bildern nur noch von «Chaos» und «Aufstand» die Rede war.

Limoges galt bisher als friedliche Provinzstadt im ländlichen Zentralfrankreich. Doch auch von Pau im Süden bis nach Valenciennes im Norden kam es zu Krawallen, Brandstiftungen und Plünderungen. Vielerorts griffen die Gewalttäter staatliche Symbole an – in Brest und in Marseille eine Polizeiwache, in Angers und Calais das Rathaus, in Bordeaux die Residenz der Präfektur, in Lyon einen Ableger des Tourismusbüros.

Die Ausschreitungen folgten am Samstag landesweiten Demonstrationen von mehr als einer halben Million Gymnasiasten, Studierenden, Gewerkschaftern, Landwirten und Gelbwesten. Die durchwegs friedlichen Umzüge waren sehr stark besucht, dreimal stärker als erwartet; die Organisatoren sprachen gar von 800'000 Teilnehmern. Das war ein politischer Erfolg nach drei Wochen Schülerprotesten. Ihnen hatten sich die seit 2018 aktiven «Gilets jaunes» mit Kaufkraftforderungen angeschlossen.

Elitepolizei aufgeboten – aber zu spät

Doch all dies ging unter in Chaos und Gewalt. Schwarzgekleidete Vermummte griffen die CRS-Bereitschaftspolizei mit sehr mobilen Guerillataktiken an. In Marseille legten sie schon um acht Uhr morgens los; in Paris verwandelten sie den strategisch gelegenen Concorde-Platz zwischen Elysée-Palast und Nationalversammlung in ein urbanes Schlachtfeld. Die nur 4000 Polizisten waren klar überfordert. Die Regierung bot die Eliteeinheiten RAID und CRS8 auf, doch da war es schon zu sät.

Der Präfekt von Limoges, Maurice Barate, berichtete, die Angreifer hätten es auf die «physische Integrität der Polizisten» abgesehen. In Rathäusern sprayten Agitatoren Slogans wie «ACAB» (All Cops are Bastards») an die Wände; sie stürzten die republikanische Marianne-Büste zu Boden. «Wir haben den Hass in ihren Augen gesehen, er war kolossal», sagte der Polizeigewerkschafter Rudy Manna über die Angreifer. Der Mob aus Autonomen und Vorstadtkids wirkte wie entfesselt. Ein anonymer Polizist erklärte einem Radiosender: «Ich bin jetzt 21 Jahre bei der Polizei. Es war das erste Mal, dass wir zurückweichen mussten.»

Kurz vor Mitternacht trat Premierminister Sébastien Lecornu vor die Kameras. Er verwahrte sich gegen den Eindruck, der Regierung entgleite die Kontrolle über die Lage. Als Urheber der Krawalle nannte Lecornu in erster Linie die Ultralinke. Ihren Gruppen hätten sich Randalierer und Plünderer angeschlossen. Vor allem in Marseille und Paris raubten sie Dutzende von Geschäften und Boutiquen aus. Die Polizei nahm 1200 Plünderer und Brandstifter fest. Lecornu kündigte nicht zum ersten Mal ein Gesetz an, das es erlauben soll, die Plünderer und Zerstörer für die materiellen Schäden haftbar zu machen, notfalls auch durch den Entzug der Sozialhilfe an die Eltern.

Die französischen Medien gebrauchten am Sonntag ein neues Vokabular: Die «casseurs» (Schläger) bezeichnen sie nun als «émeutiers» (Aufständische). Pressestimmen werfen den Sicherheitsbehörden vor, sie hätten die zahllosen und sehr expliziten Aufrufe zur Gewalt zum Stichwort «17. Oktober» unterschätzt. Viele Appelle erfolgten unübersehbar unter Signet eines Totenkopfes mit Strohhut, dem Symbol des japanischen Mangas One Piece. Dahinter scharten sich Gymnasiasten, Autonome und Banlieuekids.

Lecornu verteidigte sich und die Polizeibehörden mit dem Hinweis, die «nebulösen» Gruppen der Ultralinken seien «sehr organisiert, methodisch und extrem gewalttätig» vorgegangen. 150 Polizisten hätten Verletzungen erlitten. Wie viele Opfer es auf der Gegenseite gab, sagte er nicht. In Saint-Etienne wurde einem Jugendlichen eine Hand abgerissen, wohl als er eine Polizeigranate aufheben und zurückwerfen sollte.

Dritte Welt in Frankreich?

Der Premierminister griff auch offen die Partei Unbeugsames Frankreich (LFI) von Jean-Luc Mélenchon an. Sie spiele eine «wichtige Rolle» innerhalb der Ultralinken, führte er aus. Der angesprochene Präsidentschaftskandidat reagierte wie üblich auf seine Art. «Was für ein lamentabler Politiker!», griff Mélenchon den Premier an. Lecornu, der «Gehilfe» von Staatspräsident Emmanuel Macron, sei verantwortlich für das Chaos. Er habe es aus Inkompetenz oder Absicht gewirkt, um eine Partei der Ordnung und Autorität lancieren zu können.

Angegriffen wurde die französische Regierung auch aus dem Ausland. Der amerikanische Vizepräsident JD Vance machte die Einwanderung für die Krawalle in Frankreich verantwortlich. «Westliche Liberale» hätten die «Dritte Welt nach Frankreich importiert», stellte er fest. Die Gymnasiasten kündigten derweil an, ihre Proteste nach den Herbstferien fortsetzen zu wollen.

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