Jede Protestbewegung braucht ihren Slogan. Jener der Schülerproteste in Frankreich lautet: «Bismillah, c'est les ténèbres!» Übersetzt heisst das ungefähr: «Im Namen Gottes, es ist die Finsternis!»
Zu sehen ist der Spruch mittlerweile überall, wo protestiert wird: auf Plakaten, als Graffiti an Wänden und in den sozialen Medien. Sogar die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg verwendete ihn, als sie vergangene Woche an einer Demonstration im Pariser Vorort Saint-Denis teilnahm. Im Internet finden sich Tausende Videos mit «Bismillah»-Tags. Und selbst in Belgien und Italien, wo es ebenfalls zu Demonstrationen kommt, wird der Spruch gerufen.
Doch was bedeutet der düster klingende Satz? Steckt dahinter eine religiöse Botschaft?
Jugendsprache ad absurdum geführt
«Bismillah» ist Arabisch und bedeutet «im Namen Gottes». Musliminnen und Muslime verwenden die Formel häufig, bevor sie etwas tun – auch bei alltäglichen Dingen wie Essen oder Trinken. In Frankreich hat «Bismillah» zudem Eingang in die Jugendsprache gefunden, ähnlich wie das arabische «Yallah» für «Los gehts!».
«C'est les ténèbres» wiederum bedeutet wörtlich «Es ist die Finsternis». Umgangssprachlich kann damit ausgedrückt werden, dass etwas im Chaos versinkt oder völlig aus dem Ruder läuft.
Zusammen ergibt «Bismillah, c'est les ténèbres» allerdings kaum einen Sinn. Und genau darin liegt der Witz.
Das erste Mal taucht der Spruch in einem Screenshot einer Unterhaltung auf dem Online-Dienst «Snapchat» auf. Ein Benutzer mit dem Namen «Mamadou» bittet dort darum, in eine geschlossene Gruppe aufgenommen zu werden, wo Jugendliche ihre Proteste koordinieren:
«Salut!
Bismillah c’est les ténèbres.
C’est quand le blocus wallah mon frangin.»
Übersetzt heisst das etwa: «Hallo! Im Namen Gottes, es ist die Finsternis. Wann ist die Blockade ich schwöre mein Bruder.»
Versehen wurden die Nachricht noch mit zwei Emojis mit algerischer Flagge und dem Versprechen, alles kaputtzumachen (inklusive Schreibfehler «On vas [sic] tout casser»).
Für die Jugendlichen war schnell klar, dass es sich dabei um einen verdeckten Ermittler handeln muss. Denn derart unsinnig und unbeholfen den Jugendslang imitierend kann nur ein Polizist daherreden. Die Nachricht wurde als Karikatur dessen verstanden, wie sich Behörden offenbar die Sprache französischer Jugendlicher vorstellen.
Belegt ist diese Geschichte allerdings nicht. Ob hinter dem Account tatsächlich ein Polizist steckte, ist bis heute unklar. Ebenso wenig ändert der Spott etwas daran, dass es bei den Protesten zu Gewalt und schweren Ausschreitungen gekommen ist.
Der Screenshot aber entwickelte ein Eigenleben. «Bismillah, c'est les ténèbres» wurde zum Internet-Meme und schliesslich zum satirisch-inoffiziellen Schlachtruf auf der Strasse. Die Botschaft dahinter ist weniger religiös als spöttisch: Ihr glaubt zu wissen, wie wir reden – aber ihr versteht uns nicht.






