
Die grundsympathische Veronica Fusaro geht mit einem grundsoliden Song an den Eurovision Song Contest. «Alice» heisst das Werk und es werden sogar kräftig die Stromgitarren eingestöpselt.
Aber bevor jetzt hier zu grosse Euphorie ausbricht: Das wird nicht reichen für 12 Points von everywhere. Doch, doch, «Alice» ist schon gut, und Fusaro hat auch eine wirklich tolle Stimme. Insgesamt ist das aber alles etwas gar brav. Und selbst wenn bei 2 Minuten 23 Sekunden das Gitarrensolo startet, springt die Energie nicht restlos rüber.
Da will jemand nicht auffallen
Schön ist, wie Sound und Stimme harmonieren. Das leicht angerauchte Stimmorgan und das leicht angedreckelte Rockarrangement ergänzen sich super. Und Fusaro turnt sehr überzeugend vom sehr poppigen Anfang zum dunkleren und wuchtigeren Rockpart. Billie Eilish dürfte Fusaro und Songschreiberin Charlie McClean mindestens ein bisschen inspiriert haben.
Vielleicht krankt «Alice» gerade darum an einer gewissen Austauschbarkeit. Es ist einer jener Songs, die gerne für die Schweizer Quote in die Radioprogramme mit dem unsäglichen «das Beste aus den 80er und 90er»-Gedudel geschmuggelt werden. Dabei haben sie vor allem die Aufgabe zwischen Ed Sheeran, Toto und Bryan Adams das Publikum nach Möglichkeit nicht zu stören. Das kann «Alice» ganz gut.
In einem Musik-Wettbewerb, in dem es explizit ums Auffallen geht, ist das Nichtstören aber jetzt nicht der Unique-Selling-Point, was unbedingt angestrebt werden sollte. Und selbst mit dramatischem Licht, Lederjacke und Ventilatoren für die Flatterhaare ist das sehr weit weg vom Overdrama-Pop, der sich auf den ESC-Bühnen dieser Erde Siegeschancen ausrechnen kann.
Wir rollen das Feld von hinten auf
Positiv-trotzig könnte entgegengehalten werden, dass das eventuell ein Zeichen sei: für Musik und gegen Klamauk. Das wäre eine hehre Absicht, aber würde die Eurovision-Musikwelt jetzt auch nicht nachhaltig verändern. Oder zumindest dann nicht, wenn die anderen nicht auch mitmachen. Und, das ist keine sonderliche mutige Prognose: Das werden sie nicht machen.
Böse-trotzig könnte der Alice-Move auch als Schutzschild vor weiteren ESC-Austragungen gedeutet werden. Nicht zuletzt wegen der andauernden Israel-Debatte ist der Anlass komplett politisch aufgeladen. Und neben dem erwünschten Volksfest gibt es auch viel Unerwünschtes, mit dem sich die Organisatoren herumschlagen müssen. Demonstrationen, Ausschlussdebatten und Pfeifkonzerte. Sollen sich doch besser die Norweger oderwerauchimmer damit herumschlagen.
Um versöhnlich zu enden: Es könnte auch einfach klassisches Schweizer Understatement sein. Wir sind immer dann am besten, wenn uns nicht alle auf dem Radar haben. Sollen die anderen sich in Glitzerkostüme stürzen und in Falsett-Stimmen über zugekokste Gummibärchen rappen und dazu Brunfttänze aufführen. Wir, also Veronica Fusaro, rumpeln dann im allgemeinen Trubel an all den anderen Kandidaten, Kandidatinnen und Kandidatsmenschen vorbei und holen uns die 12 Points.
Genau so wird es werden.



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