Queen of Everything

«Ich will endlich Rentnerin werden!» – Erika Stuckys Vorbild ist Queen Elizabeth

Sie nennt sich «Queen of f*cking everything». Vor der amerikanisierten Walliser Künstlerin Erika Stucky ist nichts sicher. Ein ganz besonderes Familienalbum gibt sie erst jetzt preis.

Sie jodelt für Jazz-Hörer, swingt das Akkordeon, tritt im Schauspiel und in der Oper auf. Erika Stucky (63) ist das vielseitigste Mischwesen der Schweizer Kultur. Ihre Walliser Wurzeln und die kalifornische Prägung machen sie zum letzten Hippie in Wort, Ton – und im Bild. Denn Stucky fotografiert auch, seit Kindertagen. Am Festival Images Vevey präsentiert sie erstmals ihr audiovisuelles Familienalbum. Ein Gespräch zwischen den Sprachen.

Dieses Jahr ist ein Stucky-Jahr! Im Frühling erhielten Sie den Zürcher Kunstpreis . . .

Ein wunderbares letztes Amtstelefon von Corine Mauch . . .

. . . am Wochenende stellen Sie der Öffentlichkeit in Vevey Ihr Familienalbum vor. Zur Auswahl standen Ihnen Ihre 40'000 Fotografien und Filme aus 44 Jahren. Weshalb die Zahl 44, wann startete Ihre Karriere?

Vor 44 Jahren wurde ich zum ersten Mal für meinen Gesang bezahlt. Für mich gilt: Me isch dänn Profi, wenn mä zahlt wird! Vor 44 Jahren habe ich für das Musical Hair, in dem ich sämtliche Frauenrollen sang, meine erste Gage bekommen. Im Wallis feiert man gerne Schnapszahlen.

Was war zuerst da, ihr Leben on the road oder die Fotografie?

1967 habe ich mit Daddys Kodak an der Baker Beach fotografiert. Das Bild ist in meinem neuen Buch: Es war ein Nude Beach, ein Nacktstrand, doch als fünfjähriges Mädchen schämt man sich, wenn die Eltern blutt sind. Also habe auf die Fotos für die Eltern Kleidlis gemacht, damit ich sie meinen Freundinnen zeigen kann. Am Baker Beach wurde 1986 das Festival «Burning Man» erfunden, ich habe dort als Jugendliche Schultern gestreift mit «The Mamas and the Papas», «Santana» den «Beach Boys», alles völlig normal.

Sie sprechen oft von Ihrem Vater . . .

Ich erwähne ihn seit Jahrzehnten immer wieder. Beim aktuellen Buchprojekt schreibe ich am Schluss: «Danke Daddy, dass Du diese Kamera in die Hand dieses kleinen Mädchens gelegt hast.» Er hat mir auch seine Super 8- Kamera gegeben und hat gesagt, mach! Ein Walliser Metzgersohn, der sich freute, Amerikaner zu sein. Er hat die Filme der alten Philomene nachhause nach Mörel geschickt. Er sagte mir immer: «Erika, it’ s movie, move!» Dann mussten wir tanzen, aber sonst hat er nichts inszeniert, denn er dachte nicht künstlerisch. Trotzdem war er der Mann, der mir das Gerät in die Hand drückte.

Später als Kunststudentin hatten Sie selbst grosse Ambitionen im Umgang mit dem Bild.

Natürlich in der Schauspielschule und der Jazzschule spricht man darüber und sieht sich im Kino alles an. Komm’ wir machen ein bisschen wie Klaus Kinski oder wie «Nosferatu». Ich vertone seit 1985 auf der Bühne meine eigenen Filme. Für mich war ich immer Fotografin und Filmerin! Nur die Leute haben immer die Sängerin in mir gesehen.

In Vevey gibt es nun im ehemaligen Frisiersalon des Grandhotels «Des Trois Couronnes» ein «House of Stucky», ein Pop Up mit «Mini Yodels». Mit Ausstellungen und in Ihrem Buch bekommt das fotografische Werk erstmals einen eigenständigen Aufritt . . .

Ich sehe nichts als eigenständig, für mich fliesst immer alles ineinander. Ich hatte nicht Ängste, meine eigenen Filme zu vertonen oder meine eigenen Kostüme zu schneidern. It’s all one. Vielleicht ist das das Unverschämte, Amerikanische, das ich von den amerikanischen Lehrerinnen und Freundinnen mitbekam: « You can do anything you wanna do, you can be anything you wanna be.” Das habe ich geglaubt, und es ist heute noch sehr drin in mir! Die Ausstellung in Vevey ist allerdings tatsächlich die erste seriöse Schau, wo es nur um die Fotos geht. Ich dachte mir, komm’, jetzt feiern wir einmal die Fotografin!

So etwas entscheiden Sie aus der Hüfte und allein für sich?

Die Türen in Vevey, in Lausanne im Theatre Vidy und in Rennes geöffnet hat mir die Jazz-Spezialistin Carine Zuber. She knows everybody. Mein anderer Komplize ist der Grafiker Fokke Hoekman in Berlin, er hat das Buch mitgestaltet. Er macht seit Anfang alle CD-Hüllen und Poster von mir. Als ich für das Buch 40 000 Bilder sichtete, fiel mir auf, wie sehr mich die Zeit am Baker Beach geprägt hat. Ich glaube sogar, jetzt kann ich in Ruhe pensioniert werden, jetzt isch guet.

Erika Stucky überlegt sich in den Ruhestand zu treten? Das wird der Text zu einem neuen Song.

Im September bekomme ich meine Rente, das ist mein erster fester Monatslohn. Ich mache noch diesen einen Schub von Ausstellungen und Tourneen. Ab 2029 wird dann pensioniert, ich schwimme im Zürisee und gebe wie Queen Elizabeth selig Interviews in 20 Minuten Slots für alle. Sogar Churchill erhielt nicht mehr Zeit. Ich will doch endlich Rentnerin werden!

Dépendance Hotel «Des Trois Couronnes», Images Vevey, 5. bis 27. September. Stucky ist anwesend Donnerstag bis Samstag 13.30 Uhr/, 15:15 Uhr/, 17:17 Uhr.

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