Cancel Culture

Ed Sheeran hat sich entschuldigt – ist er nur der Sündenbock?

Nach Ed Sheerans Entschuldigung zum Macklemore-Rausschmiss wütet der Shitstorm weiter. Aber ist der Sänger wirklich der Bösewicht in diesem Debakel? Schliesslich ist es einfacher, einen Promi zu canceln, als ein System zu ändern.

Promi-Entschuldigungen sind heikel. Meistens ist es noch nicht mal eine echte Entschuldigung, sondern irgendein Wortsalat, der vom PR-Team zurechtgebastelt wird. Nun hat Ed Sheeran es versucht – und frisches Öl ins Online-Feuer gegossen.

Die Entschuldigung

«Normalerweise würde ich den Auftritt nicht so beginnen, aber bevor ich heute Abend einige Lieder spiele, hoffe ich, es ist in Ordnung, wenn ich ein paar Worte zu den jüngsten Ereignissen sage», meinte er zum Start seines Konzertes am vergangenen Wochenende.

«Ich mache Fehler, und es tut mir so, so leid», sagte er. Er wollte nie ein politischer Musiker sein, wurde nun aber mitten in eine wichtige Debatte «über die Meinungsfreiheit und das komplexeste politische Thema der Welt» geworfen.

Dann wandte er sich diesem Thema zu: «Was in Israel am 7. Oktober passiert ist, war schrecklich. Was gerade in Gaza passiert, ist katastrophal, unentschuldbar und unverhältnismässig.»

Sheeran beendete seine Rede mit den Worten: «Dieses Konzert ist immer noch ein Ort, an dem jeder willkommen ist. Jeder hier kann neben Menschen stehen, die andere Ansichten haben, und jeder hier kann neben Menschen stehen, mit denen er nicht in allem übereinstimmt.»

«Ich, ich, ich, bla, bla, bla»

Später griff er erneut zum Mikrofon – um sich für seine Entschuldigung zu entschuldigen: «Ich verstehe, dass hier Kinder anwesend sind und Familien kein Ticket kaufen, um diesen ersten Teil des Auftritts zu hören. Aber das war etwas, das ich sagen musste. Ich hatte das Gefühl, dass es viele Fragen gab. Also vielen Dank, dass ihr sie mitgebracht habt. Und ich entschuldige mich dafür.»

Er redete sich um Kopf und Kragen, erzählte, dass er durch all das Freunde verloren habe, nicht wusste, ob die Tour weitergehen würde, und vergoss sogar Tränen, weil ihn all das so mitnahm: «Die letzte Woche war eine der schlimmsten Wochen meines Lebens.»

Doch die Reaktionen auf Social zeigen wenig Mitleid. «Ich, ich, ich, bla, bla, bla», hiess es – in verschiedenen Ausführungen. Einige hielten ihm seine «unpolitische» Haltung vor. Das sei nicht neutral, sondern bereits politisch.

Die Gegenargumente

Viele brachten das Beispiel der Beatles hervor, dass Musik «schon immer» politisch gewesen sei. Die Band weigerte sich bereits in den 60er-Jahren, bei einem US-Konzert vor einem nach Rassen getrennten Publikum aufzutreten.

Und als Green Day es Anfang der 90er-Jahre gerade in den Mainstream geschafft und mit Pansy Division als Vorgruppe auf Tour wollten, stellten sich Veranstalter ebenfalls quer. Der Grund: Pansy Division waren offen schwul. Doch statt die Vorgruppe rauszuschmeissen, weigerten sich Green Day, ohne sie aufzutreten, und zwangen die Veranstalter in die Knie.

Auch zu sagen, dass «jeder an diesem Konzert willkommen ist», nachdem er Macklemore – auf Befehl von Stadionbesitzern – abgesägt hatte, sorgt für mehr als nur Kopfschütteln.

Die falsche Person im Visier?

Vielleicht wäre es besser gewesen, den Kopf einzuziehen und abzuwarten, bis der nächste Promi-Skandal von einem ablenkt. Denn genau das ist der Punkt.

«Ich sage euch ehrlich: Ich glaube, ihr habt alle die falsche Person im Visier», sagte Aaron Rowe bereits am Freitag auf Instagram. Der Sänger solidarisierte sich nach Macklemores Rauswurf zusammen mit allen anderen Vorbands mit dem Rapper und sagte seinen Auftritt ab.

Natürlich hätte Sheeran «deutlich besser» reagieren können, doch Rowe meint: «Ich höre nur Ed Sheeran dies, Ed Sheeran das – dabei solltet ihr euch eigentlich mit Leuten wie Robert Kraft beschäftigen.» Der Milliardär und Stadionbesitzer, der Ed Sheeran offenbar dazu zwang, Macklemore fallen zu lassen, steht längst nicht so im Fokus. Und das, obwohl er auch in den Epstein-Akten auftaucht.

Hat Ed Sheeran nun bei dem Debakel richtig reagiert? Vermutlich nicht. Ist er darum der alleinige Bösewicht in dieser Geschichte? Auch nicht. Aber es ist für Normalsterbliche um einiges einfacher, mit dem Finger auf Promis zu zeigen, statt die eigentlichen Machtstrukturen anzuprangern und die Politiker und Milliardäre im Hintergrund zur Verantwortung zu ziehen.

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