
So viele Scheinwerfer waren noch nie auf den Schweizer Komponisten Dieter Ammann gerichtet, so glamourös war noch keine seiner Preisverleihungen. Am Sonntag ist Dieter Ammann Protagonist einer Show, bei der Tenorkönig Jonas Kaufmann und Geigensternchen Esther Abrami auftreten, derweil die Schauspielerin Désirée Nosbusch moderiert. Ammann erhält in Berlin den Opus Klassik, wird für die Aufnahme «glut – music for orchestra» als «Komponist des Jahres» geehrt.
Mit dem Beklatschen geht es kurz darauf in Zürich weiter, ist Ammann diese Saison doch Creative Chair des Tonhalle-Orchesters Zürich. Viele seiner Werke werden gespielt. Leider keine Uraufführung. Warum aber ist Ammanns Werkliste so erstaunlich schmal? Dieser Komponist ist ein Grübler, ein strenger Perfektionist: Er komponiert langsam. Am Ende aber stehen da Werke, die kraftvoll, bisweilen mit überbordendem Furor am Innersten des Menschen rütteln,
Bei musikalischen Triumphen jubelt der Biograf
Was alles in diesen Werken steckt und wie sie entstanden sind, hat der Musikwissenschaftler Felix Diergarten in langen Gesprächen mit dem Aargauer Komponisten, mit Komponistenkollegen, Journalisten, Ammanns Ehefrau und Freunden ergründet. So systematisch und analytisch Diergarten bisweilen schreibt, gerät das Buch doch nie ins Stocken. Und wenn es zu Triumphen kommt, wie etwa beim Siegeszug des spektakulären Klavierkonzertes von Ammann, darf auch von Biografenseite her gejubelt werden.
Dank der Gesprächsform in den biografischen Teilen bleibt das Buch naturgemäss nah an Ammann: Der Komponist wird Mensch. Das geht bis zu seiner Krankheit. Ammann leidet an Fibromyalgie, an chronischen Schmerzen im ganzen Körper. Ammanns Tag beginnt mit dem Schlucken von Tabletten.
Man darf ihn als Spätzünder bezeichnen
Diergarten zeigt auch die Umwege und Zufälle auf, die Ammann an die Akademie für Schul- und Kirchenmusik nach Luzern brachten. Dort wurde er zum Komponisten – wann aber das war, weiss Ammann selbst nicht. Er erhielt zwar ab 1991 erste Kompositionsaufträge, aber in seinem Selbstbild war er noch kein Komponist.

Auch später will er keine Wendepunkte in seinem Werdegang sehen. Und so darf man ihn vielleicht ganz einfach als Spätzünder bezeichnen. Dieser späte Beginn gab ihm allerdings wohl auch die Sicherheit, ziemlich rasch eine eigene Handschrift zu entwickeln. Und ein Selbstverständnis.
So wenig vorgezeichnet sein Weg war, so wild und nahe am Absturz waren damals auch sein Leben und seine Beziehungen. Privat allerdings gab es durchaus einen entscheidenden Wendepunkt. 1993 kam mit seiner späteren Ehefrau Yolande fester Boden in sein Leben.
Allerdings floss auch dann noch viel Champagner. Der führte offenbar sogar dazu, dass Ammann in Leipzig bei einem Konzert von Udo Lindenberg am Keyboard sass. Allein für diese Geschichte lohnt es sich, das Buch zu lesen. Viel wichtiger aber werden ab 1997 die Begegnungen mit seinem Mentor, Lehrer und Freund Wolfgang Rihm (1952–2024), dem grossen deutschen Komponisten.
Kann man vom Komponieren leben?
Selbst wer unbedingt wissen will, ob man denn «davon» leben kann, leben vom Komponieren, wird in den biografischen Teilen Antworten finden. Der Abdruck eines handschriftlichen Gesuchs ans Aargauer Kuratorium im Jahr 2011 zeigt deutlich auf, wie es ist, als «Langsamschreiber», Musikhochschul-Professor und Vater einer fünfköpfigen Familie über die Runden zu kommen.
Wer später nachliest, was genau für Ammann dieses Komponieren bedeutet, nämlich den eigenen musikalischen Kosmos zu erschaffen, versteht seine Langsamkeit: Hat Ammann einen Takt komponiert, weiss er nicht, was danach passiert. Kein Partitur-Schritt ist bei ihm selbstverständlich.
So zerschlug sich auch der Auftrag, eine Oper für ein berühmtes Opernhaus zu schreiben, obwohl man Ammann vier Jahre Zeit dafür gab. Und so wird die Hoffnung, Ammann werde nach seiner Emeritierung schneller und mehr schreiben, wohl vor allem eines bleiben: Hoffnung.
Neben vielen anderen Zeitungen zitiert der Biograf Diergarten immer wieder auch die «Luzerner Zeitung», die den Werdegang von Ammann emsig nachzeichnete. Kein Wunder, ist doch Luzern Ammanns zweite Heimat geworden. Die Stadt wurde für ihn zum Ort der Arbeit und der Triumphe: Am Vierwaldstättersee unterrichtet Ammann seit vielen Jahren, im KKL wurden seine Werke aufgeführt: Zuerst beim Luzerner Sinfonieorchester – «Boost» schon im Januar 2001 -, später am Lucerne Festival, wo er 2014 Composer in Residence und ein guter Freund von Intendant Michael Haefliger wurde.
Die heftige Kritik der «Frankfurter Zeitung»
Die Zeitungskritiken, oft nur ein paar Zeilen über grosse Werke, werden von Diergarten jeweils äusserst sorgfältig ergänzt, ja zu seitenlangen Analysen erweitert. So ist dieses Buch auch ein grosses Nachschlagewerk für das Oeuvre Ammanns geworden. Auch die seltene Kritik an Ammann – etwa die scharfe der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» über eine Aufführung von Ammanns Triptychon am Lucerne Festival 2022 – nimmt Diergarten auf. Allerdings nicht, ohne seinen Protagonisten zu verteidigen.
Nun ist es an den Zürcher Kritikern, über Ammann zu schreiben. Das Tonhalle-Orchester spielt bereits im November zwei Orchesterwerke, später das hinreissende «Violinkonzert». Bei der Uraufführung 2013 schrieb ich: «23 Minuten zum Jubeln – die Geigerwelt wird noch davon hören.»
Karten gibt es für alle Tonhalle-Konzerte noch genügend. Unmöglich ist es, nun noch für die Opus Klassik-Gala am Sonntag einen Platz zu finden. Aber wir Sterblichen dürfen zu Hause auf dem Sofa Platz nehmen und den Fernseher anstellen.
Konzerte:
Tonhalle Zürich: 4.–6.11. «Turn» (Orchesterwerk)
7. 11. «Core» (Orchesterwerk)
13./14.1. 2027 «glut» (Orchesterwerk)
26./27. 2. 2027 «unbalanced instability» Konzertsatz für Violine und Kammerorchester
27./28. 5. 2027 «Le réseau des reprises» (Grosses Ensemble)
TV:
Opus Klassik, So 11. 10., 22.15 Uhr, ZDF (zeitversetzt)
Buch:
Felix Diergarten: Der Klang ist die Geschichte – Dieter Ammann und seine Musik: 213 S., Baerenreiter-Verlag.



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