Nahost

Die arabischen Parteien zählen zu den Siegern in Israel – ein Buch zeigt die Abgründe ihrer Wähler

Wie erleben Palästinenser den Alltag im jüdischen Staat? Adania Shiblis Roman «Täuschung» erzählt von Menschen, die lieber schweigen, als aufzufallen.

Obwohl noch nicht alle Stimmzettel ausgezählt sind, gibt es bislang zwei Sieger bei der Wahl in Israel: Der eine ist Benjamin Netanyahu, dessen Likud-Partei die meisten Sitze holte. Seine grösste Konkurrentin, die zentristische Yashar-Partei des früheren Generals Gadi Eisenkot, liegt zurück.

Gewonnen haben aber auch die arabischen Parteien. Bislang hatten sie in der Knesset nur 10 Sitze, nun werden es wohl 19 sein. Sie profitierten von einer hohen arabischen Wahlbeteiligung. Würde Eisenkot mit den arabischen Parteien zusammenspannen, könnten sie die Herrschaft Netanyahus beenden. Doch Eisenkot hatte vor der Wahl eine Koalition kategorisch ausgeschlossen. Er wolle nur mit Partnern zusammenarbeiten, die Israel als jüdischen und demokratischen Staat anerkennen und die Hamas als Terrororganisation einstufen.

«Die Sprache hat mich verlassen»

Wie aber ticken die Menschen wirklich, die in grosser Zahl die arabischen Parteien wählten? Davon erfährt man viel im neuen Roman der 52-jährigen palästinensischen Schriftstellerin Adania Shibli, die aus einer Beduinenfamilie stammt und einen israelischen Pass besitzt. Für Aufregung sorgte vor drei Jahren ihr Roman «Eine Nebensache». Sie sollte dafür in Deutschland einen Literaturpreis erhalten, doch die Jury bekam kalte Füsse.

Im aufgeheizten Klima nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 warfen ihr deutsche Kritiker vor, sie stelle Israelis pauschal als anonyme Vergewaltiger und Mörder dar und verkläre alle Palästinenser zu Opfern. Das war masslos übertrieben. Shibli sagte gegenüber CH Media: «Meine Seele ist seit einigen Tagen, in denen in Palästina-Israel ein anderes Ausmass an Grausamkeit zutage getreten ist, vor Verzweiflung gelähmt, und die Sprache hat mich verlassen.»

Und um arabisch-israelische Menschen, die die Sprache verlassen hat, geht es in ihrem neuen Roman «Täuschung». Shibli erzählt darin von einem palästinensischen Geschwisterpaar, das sich in Israel durchschlägt. Beide bleiben ohne Namen. Er ist ein junger Mann, der wegen aufrührerischer Sprayereien eine Gefängnisstrafe absitzen muss und danach immer mehr verstummt. Er hilft der Mutter, die Falafel verkauft, oder arbeitet als Strandreiniger.

Eines Abends, als er am Meer sitzt, kommt er mit einer Israelin ins Gespräch. Er täuscht sie, indem er sich mit jüdischen Namen vorstellt. Erst nach den Umarmungen verrät er ihr seinen wahren arabischen Namen. Sie steht auf und geht. Shibli kontrastiert diese Szene mit einem ähnlichen realen Fall, in dem ein Mann wegen «Vergewaltigung mittels Irreführung» zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Im Buch zeigt die junge Frau den Protagonisten aber nicht an.

Seine Schwester studiert derweil an einer israelischen Uni, kann aber wegen mangelnder Hebräischkenntnisse den Vorlesungen anfangs kaum folgen. Also verstummt auch sie. Da das Arabische und das Hebräische Ähnlichkeiten aufweisen, kommt es immer wieder zu Missverständnissen. Einmal hört sie, wie eine Kommilitonin in ihrer Gegenwart auf Hebräisch sagt, Araber seien «anständig». Sie lächelt dankbar, hat aber einen Laut nicht richtig verstanden. Eigentlich sagte die Kommilitonin: «Araber sind miese Typen.» Die Stärke des eindringlichen Romans liegt genau in solchen Szenen, in denen sich der Konflikt zwischen arabischen und jüdischen Israelis ganz konkret zeigt.

In der Tiefgarage findet sie ihre innere Ruhe

Da ist eine «Bestie der Verstörung», die die weibliche Hauptfigur zu verschlingen droht. Man meidet sie meist, aber sie isoliert sich auch selbst. Oft findet sie nur in der Tiefgarage der Uni ihre innere Ruhe. Mit der Zeit beherrscht sie die hebräische Sprache. Ihr Geld muss sie nicht mehr nur als Putzhilfe verdienen.

Sie kann einfache Arbeiten in einer Hilfsorganisation für israelisch-palästinensische Projekte erledigen. Allerdings zweifelt sie an deren Nutzen. Friede lasse sich nicht durch die Verbesserung der Lebensbedingungen oder durch gemeinsame Kulturprojekte erreichen. Vielmehr müsse die Unterdrückung der arabischen Israelis enden, die viel zu oft unter «Kolonial- und Besatzungsbedingungen» leben. Doch auch das traut sie sich nicht, laut zu sagen.

Adania Shiblis Roman spielt vor drei Jahrzehnten, als sie selbst so alt war wie ihre Hauptfiguren. Damals hofften noch viele auf eine Befriedung des palästinensisch-israelischen Konflikts oder gar auf eine Zweistaatenlösung. Seit jener Zeit haben sich beide Seiten radikalisiert. Dennoch müssen sie weiter zusammenleben. Immerhin haben die arabischen Parteien bei der Wahl versucht, ihrer Stimme auf demokratischem Weg Gehör zu verschaffen.

Adania Shibli: «Täuschung». Roman. Aus dem Arabischen von Hartmut Fähndrich. Hanser, 204 Seiten.

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