
Entweder man las sie oder man bekam sie erzählt. Selbst wenn Sie, wie die Autorin dieses Textes, in Ihrem Kinderzimmer lieber bedeutungsschwere Literaturzitate an die Wand gehängt haben als einen lebensgrossen Nick Carter als Starschnitt (beides peinlich), entkamen Sie dem Einfluss der «Bravo» nicht.
Anfang der Neunziger erreichte das 1956 gegründete Jugendmagazin mit 1,7 Millionen verkauften Heften und vier Lesern pro Exemplar so viele junge Menschen, wie es in der Schweiz Mitte der Neunzigerjahre Einwohner gab: rund 7 Millionen.

Die «Bravo» war so etwas wie das popkulturelle Hintergrundrauschen für die Boomer und ihre nachfolgenden Generationen X und Y. In Deutschland löste sie mit einer Beatles-Tournee eine Beatlemania aus. Den Neunzigerjahre-Teenies sass die «Bravo» mit den «Bravo Hits»-CDs im Ohr. Das Heft erhob Künstler wie die Kelly Family oder den Elternschreck Bushido in den Mainstream und teilte die Backstreet-Boys-Fans in zwei Lager auf (Team Nick vs. Team Brian).
Und es wirkte selbst aktiv in die Popkultur hinein: Das umgedrehte B im Schriftzug der schwedischen Band Abba war das Ergebnis eines schief gelaufenen «Bravo»-Shootings.
Vieles, was heute Influencer ausmacht, beherrschte die «Bravo» früh: Mit Love Stories, Starschnitten (eine Eigenerfindung) und Fan-Treffs schuf sie Nähe und Community. Der Schweizer Sänger und DSDS-Gewinner Luca Hänni wurde vom Juror Dieter Bohlen einst als prädestinierter «Bravo»-Boy bezeichnet und ist einer der wenigen Schweizer, die in der «Bravo» prominent vorkamen. Er erinnert sich noch gut an den speziellen Interviewstil der «Bravo», der persönlicher gewesen sei als klassische Pressegespräche. «Es ging weniger um Chartzahlen oder Business und mehr darum, wer ich als Mensch bin», so Hänni.

Das Verkaufsargument: Nackte Seelen, nackte Körper
Neben dieser stark inszenierten Star-Nähe funktionierte kaum eine Rubrik ohne die nackten Seelen und die nackten Körper der Leser. Unter Mitarbeitenden hiess es deshalb, der heimliche Chefredaktor der «Bravo» sei der Leser selbst.
Vor allem die vom Sexualwissenschafter Martin Goldstein zu Beginn der 1970er-Jahre gegründete Dr.-Sommer-Sprechstunde prägte die Zeitschrift. Die «Bravo» klärte Jugendliche über Liebe, Sexualität und Pubertät auf. Geschrieben waren die Texte so klein, dass die Elterngeneration das Mitlesen ohne Lesebrille aufgeben musste. Dazu gab es unverpixelte, authentische nackte Körper junger Menschen. Weil die «Bravo» zu positiv über Selbstbefriedigung berichtete, geriet sie sogar ins Visier der deutschen Zensurbehörde.
Waren die Ratschläge in den 1960ern noch der autoritären Erziehungsmoral der Nachkriegszeit verhaftet, nahm das Expertenteam von Dr. Sommer die Fragen der Jugendlichen («Befördern Wechselbäder das Wachstum meines Busens?») endlich ernst.
Fragen zu Identität und Transsexualität wurden hier ab den 1970ern so sachlich verhandelt, dass das für unsere Gegenwart, in der bei jeglicher Form der regenbogenfarbenen, nicht heteronormativen Liebe der Hass hochkocht, schon fast beschämend ist.
Youtube killlte den «Bravo»-Star
Und heute? Mit den Youtube und Tiktok verlor die «Bravo» ihre Monopolstellung. Die behauptete Authentizität der Star-Interviews wirkt heute, wo Stars auf Social Media auf ihren eigenen Kanälen direkt zu den Fans sprechen, nicht mehr glaubwürdig. Heute dümpelt die «Bravo» auf dem Niveau einer mittelgrossen Regionalzeitung (rund 45 000 Exemplare) und erscheint nur noch monatlich.
Das Magazin ist heute zugleich Nostalgie-Objekt und Gen-Z-Blatt. Für die Millennials liegt ein Backstreet-Boys-Poster bei, für die Gen Z gibt’s Tiktok-Stars. Zwar lernt man immer noch richtig zu küssen, aber mit dem Unterschied, dass man dabei angezogen bleibt. Überhaupt liegt der Fokus mehr auf Mental-Health-Themen. Selbstzweifel sind das grösste Geständnis, das Stars abgerungen wird – nicht der aktuelle Beziehungsstatus.
Das kommt Ihnen alles bekannt vor? Es sieht danach aus, als habe die «Bravo» erneut die Zeichen der Zeit erkannt.
So erinnern sich Prominente an ihre «Bravo»-Zeit

Karin Keller-Sutter, 62, Bundesrätin
«Die ‹Bravo› war für mich eine Quelle für Bilder. Ich war und bin ja ein grosser Beatles-Fan. Ich habe also alle Beatles-Fotos herausgeschnitten und aufbewahrt. Ich hatte ganze Alben mit Bildern. Gekauft habe ich das Heftli jeweils mit meinem Sackgeld. Weil das nicht immer reichte, habe ich mich manchmal mit einer Schulfreundin abgewechselt und wir haben geteilt.»

Christoph Simon, 54, Kabarettist und Autor
«Die ‹Bravo› vermittelte mir Grundkenntnisse zu Liebe, Sex und Zärtlichkeit, ohne die ich die Altherrenwitze in Vaters ‹Playboy› (versteckt unter Urlaubskatalogen im Nachttischchen) nicht verstanden hätte.»

Cédric Wermuth, 40, Co-Präsident SP
«Die ‹Bravo› war für mich verboten. Meiner Mutter war das Heft zu kommerzialisiert. Deshalb musste ich es immer heimlich im Skilager oder bei Freunden lesen. Ich hatte als fussballbegeisterter Bub immerhin die ‹Bravo Sport› abonniert. Das ging.»

Margrit Stamm, 76, Erziehungswissenschaftlerin
«Die ‹Bravo› war für mich genial, weil sie bei uns zu Hause verboten war. Es gab immer ein, zwei Kinder in der Klasse, die sich das Heft gekauft hatten und es herumreichten. Die ‹Bravo› musste ich dann heimlich unter der Bettdecke lesen. In mancher Hinsicht verdanke ich der ‹Bravo› und Dr. Sommer einen guten Teil der sexuellen Aufklärung, die es bei uns nicht gab. Und schon gar nicht in der Schule.»

Lisa Brunner, 40, Kabarettistin
«Die ‹Bravo› war für mich quasi das gesunde Instagram der 90ies. Selbst konnte ich zwar nichts posten, dafür bewertete mich auch niemand. Im Gegenteil: ‹Wenn Angelo Kelly mich sehen könnte, er würde sich bestimmt direkt in mich verlieben!» Schliesslich trug ich artig Plateau-Schuhe und braunen Lip-Liner!›»

Bänz Friedli, 61, Kabarettist und Autor
«So verheissungsvoll wie verboten war mir die ‹Bravo›, sie war im bildungsbürgerlichen Elternhaus verpönt. Neidisch bewunderte ich den Suzi-Quatro-Starschnitt über dem Bett des Melkers auf dem nahen Hof. Und aufgeklärt wurde ich ja dann doch von Dr. Sommer. Weil alle anderen die Rubrik gelesen hatten.»

Sina, 60, Musikerin
«Mit 12 Jahren hing der Starschnitt einer der ersten deutschen Boybands (‹The Teens›) in meinem Zimmer. In den Sänger Robbie war ich unsterblich verliebt und ihren grossen Hit von 1978, «Gimme Gimme Gimme Gimme Gimme Your Love›, kann ich heute noch auswendig.»

Chris von Rohr, 74, Musiker
«Ich las die ‹Bravo› damals vor allem wegen all den Stories über meine Lieblingsbands. Später fanden wir als Band mit Krokus selbst dort statt. Mein absolutes Highlight war, als mir jemand den goldenen Otto, die höchste Auszeichnung dieser Zeitschrift, zukommen liess. Er gehörte Nastassja Kinski und steht heute auf meinem Steinway-Flügel.»

Beat Schlatter, 65, Kabarettist, Schauspieler, Drehbuchautor
«In der ‹Bravo› interessierte mich als Teenager einzig die Doppelseite mit dem Aufklärungsbericht und den leicht bekleideten Verliebten. Geld für die ‹Bravo› hatte ich nie. Die betagte Kioskfrau am Bahnhof im Dorf war hinter dem Kiosk zusätzlich für die Toiletten zuständig. Mein Freund Adi ging jeweils zur Kioskfrau und sagte ihr, dass auf der Toilette etwas defekt sei. Als die beiden nach hinten gingen, um nachzuschauen, kam ich von der anderen Seite hervor und stibitzte das neuste Heft.»

Philipp Bregy, 48, Mitte-Präsident
«Die ‹Bravo› war für mich wie ein Überraschungs-Ei für Teenager. Nicht selten erfuhr ich Überraschendes. Aufgeklärt hat sie mich zwar nicht, aber doch das Gefühl vermittelt, alle anderen seien frühreif. Und die Poster von Muriel Baumeister und Franziska van Almsick sorgten für Diversität in meinem Fussballzimmer.»

Simone Meier, 56, Schriftstellerin
«Die ‹Bravo›? War in den 1980ern vor allem eins: Haare! Madonna, Sandra, Cyndi Lauper, Kim Wilde, Kate Bush hatten alle diese verzupften Frisuren à la Huhn im Wind mit Haarspray. So wollten wir sein. Und die Jungs hiessen George Michael, Limahl oder Morten Harket, waren blond und supersauber geföhnt und trugen diese irritierenden weissen Socken.»

Tanja Frieden, 50, Ex-Snowboarderin und Olympiasiegerin
«Die ‹Bravo› war für mich ein Sinnbild dafür, wie progressiv ich aufwuchs. Stars waren nie meine grossen Vorbilder. Das waren meine Eltern und die Natur. Aber wenn die ‹Bravo› da war, las ich sie von A bis Z. Besonders die offenen Aufklärungsseiten fand ich prickelnd. Happy Birthday, ‹Bravo›!»

Milena Moser, 63, Schriftstellerin
«Die ‹Bravo› war für mich ein erstes Ausbrechen aus dem intellektuellen Elternhaus, aber auch eine Flucht aus der Enge der Dorfschule, in der ich keinen Platz unter den beliebten Mädchen finden konnte. Ich bewarb mich damals für einen «Star-Treff» mit der Band Sweet. Ich sehe noch meinen handgeschriebenen Brief mit Herzchen und Peace-Zeichen vor mir. Es hat dann leider nicht geklappt.»

Milan Milanski, 36, Comedian
«Britney Spears und Christina Aguilera haben die Vorder- bzw. Rückseite meiner Zimmertür geziert. Ich kam durch die ‹Bravo›, die ich von meinem älteren Bruder regelmässig geklaut habe, früh mit der Rubrik Dr.Sommer in Kontakt. Ich habe jedoch als 9-jähriger gerade mal die Hälfte davon verstanden, ganz zur «Freude» meiner Eltern: Die durften mir dann leicht beschämt erklären, was denn jetzt genau dieses ‹Onanieren› ist.»

Laura de Weck, 45, Autorin
«Vor ein paar Jahren erzählte mir eine Freundin und Sexualtherapeutin, dass sie nun für das Dr.Sommer-Team der Bravo arbeite. Ich war hingerissen. »Dr. Sommer» stand leibhaftig vor mir. Wie ein Teenager hörte ich den ganzen Abend nicht auf, ihr Fragen zu stellen. Aufklärung ist nie zu Ende, und die ‹Bravo› hoffentlich auch nicht.»


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