Als Kind durfte ich nie in den Europa-Park. Während meine Freunde sich nach den Ferien mit Geschichten über ihre Entgrenzungserfahrungen auf der Achterbahn überboten, fuhren meine Familie und ich auf dem Weg zu meiner deutschen Oma am flächenmässig grössten Freizeitpark Europas einfach vorbei. Vielleicht hingen meine Eltern zu sehr den konsumkritischen Ideen ihrer Generation an. Vielleicht scheuten sie sich vor der Reizüberflutung. Ich habe sie nie danach gefragt.
Ich hingegen nahm mir vor, meinen Kindern das zu ermöglichen, was mir in meiner Jugend versagt geblieben war. Vier deutsche Vergnügungsparks in einer Woche wollten wir besuchen. Dass wir dazwischen einen Halt beim Schloss Neuschwanstein einlegen würden, schien mir stimmig. Schliesslich hatte sich Walt Disney, der Gründervater der modernen Themenparks, das Fantasieschloss des bayrischen Regenten Ludwig II. für seinen ersten Park in Kalifornien kulturell angeeignet. Und meinen Kindern konnte ich zeigen, was passiert, wenn ein erwachsenes Kind mit viel Geld und Einfluss sich in seinen Fantasiewelten so sehr verliert, dass seine Behausung zu einem Disneyland für Richard-Wagner-Fans wird.
Legoland: Verschmelzung mit der Marke
Für Tag eins nehmen wir uns das Legoland Deutschland bei Günzburg vor. Auf dem 43 Hektaren grossen Parkgelände wurden mehr als 58 Millionen Legosteine verbaut. Man kann als Schweizer hier Luzern en miniature bewundern und sich über die echten Spinnweben an der Kapellbrücke amüsieren. Man kann sich von Achterbahnen durchschütteln lassen oder an Jahrmarktbuden für obszön viel Geld Plastikenten angeln.
Herzstück des Parks ist eine nachgebaute Lego-Fabrik, in der die bunten Steine vor den Augen der Fans in Form gepresst werden und aufs Fliessband fallen. Bei über vierzig Grad Raumtemperatur und hoher Luftfeuchtigkeit mit viel Schweissgeruchanreicherung bauen sich Kinder und Erwachsene hier ihre Lego-Männchen zusammen. Für einen Aufpreis gibt es eine Namensaufprägung. Die Personalisierung des Erlebnissees, sie ist ein wichtiger Faktor im Themenparkgeschäft geworden. Die Brand, so die Absicht der Betreiber, soll Teil der DNA des Parkbesuchers werden.
Der deutsche Kultursoziologe Sacha Szabo hat Themenparks wie Lego einmal mit dem verglichen, was der französische Philosoph Michel Foucault eine Heterotopie nennt: in sich abgeschlossene Räume, in denen die Regeln und Werte der übrigen Gesellschaft gespiegelt, aufgehoben oder kompensiert werden.
Peppa Pig Park: Ein Traum aus Kunstwiese, Plastik und Pastell
Nirgendwo kann man das besser erkennen als im Peppa-Pig-Park. 2024 wurde er für Kleinkinder zwischen 2 und 5 gleich neben dem Legoland-Gelände eröffnet - ein Traum aus Kunstwiese, Plastik und Pastell. Wie das Legoland betreibt den Park die britische Firma Merlin Entertainments, die Touristen weltweit mit ihren Sea-World-Aquarien ein standardisiertes Schlechtwetterprogramm liefert.
Schon beim Betreten merke ich: Diese geordnete, mir durch unzählige Youtube- und Vorlesestunden einverleibte Welt ist meine neue Wellnessoase. Die pastelligen Töne des Dekors stimmen mich milde. Versteckte Lautsprecher spielen in jeder Ecke des Parks leise das Peppa-Wutz-Lied in unendlichen Variationen. Normalerweise macht mich diese Melodie latent-aggressiv. Hier ist es Flughafen-Easy-Listening, das mir verspricht, dass heute nichts mehr Schlimmes passiert.
Viele Eltern liegen, erschöpft von 36 Grad Hitze, auf dem mit Baldachinen überspannten Kunstrasen. Mein vom Legoland überspanntes Ich kann hier auf dem Rücken eines Plastik-Dinos sanft-schaukelnd durch eine Kraterlandschaft reiten. Dazwischen fotografieren wir unsere fünfjährige Tochter, wie sie die Plastikfiguren von Peppa Wutz, Luisa Löffel und Co. der beliebten britischen Kinderserie innig umarmt.
Der Soziologe Max Weber, für den dieser perfekt durchgeplante Themenpark vermutlich ein Paradebeispiel gesellschaftlicher Rationalisierung gewesen wäre, hätte die Begeisterung meiner Tochter wahrscheinlich als Erlebnis von Ausseralltäglichkeit erklärt: jener magischen Ausstrahlung, die für Menschen manchmal sogar von Dingen ausgeht. Meine Tochter jedenfalls hält der Kostüm-Peppa beim Meet & Greet die Hand so ehrfürchtig hin wie einem britischen Royal.
Der britische Ex-Premier Boris Johnson hatte die beliebte Kinderfigur vor führenden Wirtschaftsvertretern 2021 mit den Worten «a Picasso-like hairdryer» beschrieben und als grössten Kreativexport Grossbritanniens gelobt. Dass das Schweinchen Peppa ihr kleines Königreich in Deutschland ausgerechnet auf einem Gebiet errichtet hat, auf dem die deutsche Luftwaffe während des Zweiten Weltkriegs Bomben, Granaten und Panzerfäuste produzierte, hätte Johnson bombensicher zu einer weiteren Pointe verholfen.
Johnson pries das Peppa-Pig-Land in seiner Rede auch wegen seiner «very safe streets» und seiner «well-disciplined school». Womöglich fand der als impulsive Chaot verschriene Ex-Premier im Peppa Pig-Land genau das, was auch mein vom Chaosprinzip des Lebens häufig überfordertes Ich so für diesen Park einnimmt: Jene überschaubare Ordnung, die Foucault als Heterotopie der Kompensation bezeichnet hat: Draussen ist die Welt widersprüchlich und schwer kontrollierbar. Drinnen, im nach eigenen Regeln funktionierenden Park, ist sie sauber arrangiert und funktioniert besser als die Wirklichkeit.
Ob Johnson sich deshalb genauso vor Achterbahnen ängstigt wie ich (der Kontrollverlust bereitet mir Angst), ist nicht überliefert. Für andere Menschen sind Achterbahnen die Realitätsflucht schlechthin. Statt geordnete Welten suchen sie nach einer intensiven Erfahrung, welche das eigene Leben in den Hintergrund rückt. Wer bitte denkt beim Verlust der räumlichen Orientierung noch an den Streit mit seinem Vermieter?
Einmal wird die simulierte Perfektion im Peppa Pig-Land an diesem Nachmittag dann trotzdem empfindlich gestört. Bei der langen Schlange, die sich vor dem Meet-and-Greet mit Peppa Wutz gebildet hat, kann eine junge Mutter ihr Kleinkind nicht vom Weinen abhalten. Plötzlich brüllt sie entnervt: «Schau dich um, Noah, siehst du hier unglückliche Kinder? Also sei bitte glücklich!» Sogar die teure Hotelrechnung stellt sie dem Kleinen rhetorisch in Rechnung.
Den Soziologen Szabo, der viel über Erlebnisparks geforscht hat, verwundert diese Szene nicht: Aus der Forschung zur Glücksratgeberliteratur wisse man, dass viele Menschen heute der Meinung sind, Glück müsse erwirtschaftet und bewirtschaftet werden. «Wer Erlebnisse ökonomisch optimieren will, kommt automatisch vom Alltags- in den Erlebnisstress», so Szabo. In solchen Momenten zeige sich in diesen Parks auch, wie viel Inszenierung in der Welt vom perfekten Peppa-Wutz-Familienglück steckt. Als am späten Nachmittag die Abfalleimer in der Hitze zu stinken beginnen, zeigt sich, dass selbst diese perfekt arrangierte Gegenwelt die Wirklichkeit nicht vollständig draussen halten kann.
Playmobil-Funpark: kein Adrenalin-Kick, dafür Spielplatz
Im Playmobil-Funpark im bayrischen Zirndorf, den wir kurz darauf besuchen, gerät man weniger unter Stress: Der Park gibt bei seiner Benutzung keine Dramaturgie vor und erinnert mit seinen Klettergerüsten und Wasserspielen mehr an die Abenteuerspielplätze, wie sie in den 1970er-Jahren populär wurden. Die Idee dahinter: Man will das Kind aus dem engen Korsett vorgegebener Spielwelten befreien und seine Kreativität anregen.
Der verstorbene Unternehmer Horst Brandstätter, der Playmobil während der Ölkrise lancierte, wollte mit seinen Plastikfiguren möglichst offene Spielwelten schaffen. Im Park wird auf die üblichen Adrenalin-Kicks von Fahrgeschäften verzichtet. Stattdessen können die Kinder die fast leere Playmobil-Burg selbst erobern und mit ihren Ideen bevölkern oder – wie unsere Töchter – die Haare der lebensgrossen Meerjungfrauen frisieren.
Nach Park Nummer drei hatte unsere Familie genug, sodass wir den direkten Weg nach Hause antraten und an Park vier, dem am Bodensee gelegenen Ravensburger Spieleland, ähnlich konsequent vorbeifuhren wie meine Eltern damals am Europa-Park. Vielleicht hatten sie damals weniger kulturpessimistische Vorbehalte, als ich ihnen unterstellt habe. Vielleicht waren sie einfach nur müde.
Lektüreempfehlung: Sacha Szabo: Rausch und Rummel. Attraktionen auf Jahrmärkten und in Vergnügungsparks. Eine soziologische Kulturgeschichte. Transcript Verlag.





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