Bibi Blocksberg war Vieles, was ich mich als Kind nicht zu sein getraute: Sie war unangepasst, hatte eine klare Haltung, die bei «Mathe ist doof» nicht aufhörte. Ich liebte die kleine Hexe mit ihrem Besen Kartoffelbrei für ihren Gerechtigkeitssinn, der sie in jeder Hörspielfolge ins Handeln und Straucheln brachte. Über Bibi und ihre Freundinnen lernte ich Frauensolidarität, da war die Girl Power noch nicht erfunden. Und ja, ihre Bekannte, die geschwätzige, aufdringliche Reporterin Karla Kolumna, war an meiner späteren Berufswahl nicht ganz unschuldig.
Wenn ich Anfang der 1990er-Jahre eine Kassette aus meiner Bibi-Blocksberg-Sammlung in meinen roten Kassettenrekorder legte, war das für mich wie für viele Mädchen jener Jahre ein Hexenflug in den Raum der Möglichkeiten. Später, als Teenager, würden wir in TV-Serien mit anderen Kleinstadthexen («Sabrina – Total verhext!», «Charmed») die grimmige Hexe aus den Grimm’schen Märchen endgültig hinter uns lassen.
Verunsicherte Männer, starke Frauen
Meine 7-jährige Tochter hört sich auf Spotify gerade durch alle (!) 164 Bibi-Folgen und ich höre mit. Was mir dabei auffällt: Die 1980 von der österreichisch-britischen Autorin Elfie Donnelly erfundene Teenager-Hexe ist im Vergleich zu den Connies und Leo-Lausemäusen dieser Welt erstaunlich gut gealtert . Das liegt auch an der Regenbogen-Kleinfamilie aus Menschenvater Bernhard, Hexenmutter Barbara und Hexentochter Bibi. Trotz klassischer Rollenverteilung – Barbara ist Hausfrau, Buchhalter Bernhard verdient das Geld – wirkte die Familiendynamik wie ein umgekehrtes Patriarchat. Vater Bernhard darf die Frauen als Anhang an öffentliche Hexenveranstaltungen begleiten - solange er den Mund hält. Seinen Frauen gegenüber wirkt der trottelige Bernhard ähnlich verunsichert wie manche Männer bei heutigen Debatten über toxische Männlichkeit. Konflikte um die Rollenverteilung werden wortreich, aber respektvoll ausgetragen.
Auf TikTok wird die kleine Hexe von der Marketingabteilung des deutschen Kiddinx-Verlags, der seit 1988 die Nutzungsrechte an der Teenager-Hexe hält, deshalb erfolgreich als feministische Marke aufgebaut. 55 400 Follower hat der Account, der seit 2024 kleine Clips aus den Bibi-Blocksberg-Zeichentrickserien postet. Unterlegt sind die Szenen mit neu eingesprochenen Statements zu Frauenthemen wie Depressionen oder PMS. Auf Social Media viral gegangene Audiospuren und Songs von Künstlerinnen wie der feministischen Rapperin Shirin David verankern die für immer 13-jährige Bibi in der Gegenwart und bei der Gen Z und nutzen gleichzeitig den Nostalgieeffekt bei den Millennials. In einem aktuellen Clip kommentiert die Reporterin Karla Kolumna die Fussball-Weltmeisterschaft mit den Worten: «Die Frauennationalmannschaft ist ja schon Fussballweltmeister. Und ich sehe keinen Grund, warum Männer nicht das Gleiche leisten können wie Frauen.»
Starke Zivilgesellschaft und hohes Bewusstsein für Umweltthemen
Für die 76-jährige Elfie Donnelly kommt das nicht von ungefähr. «In den 1980er-Jahren habe ich mich stark in der Frauenbewegung engagiert. Meine alleinerziehende Mutter brachte mir bei, mich nicht von Männern finanziell abhängig zu machen», sagt sie. Ihr Männerbild sei lange negativ geprägt gewesen, und so sind die Träger des Y-Chromosoms auch im Blocksberg-Universum keine Sympathieträger: der wie ein Autokrat regierende Bürgermeister, die Unternehmer und Immobilien-Mogule sind Klischees, die sich problemlos gewissen Akteuren der Gegenwart überstülpen liessen. Denn das Image des cis-Mannes der Gegenwart steckt ja mindestens genauso in der Krise.
Als Gegenkraft wirken Bibis Hexkraft, ihr Optimismus und die solidarische Gemeinschaft. In kaum einer anderen populären Kinderserie ist die Zivilgesellschaft so präsent wie in Bibis Welt. Auch das, so Donnelly, sei biografisch erklärbar: «Ich wurde in einem linken Milieu sozialisiert, mein Grossvater war Kommunist.» Kaum eine Folge, in der nicht gegen fehlgeleitete Gelder der öffentlichen Hand protestiert oder ein paar Bäume vor einem Bauprojekt gerettet werden müssen. All diese Themen gehen mit der Klimajugend und dem Internetaktivismus von heute gut zusammen.
Möglicherweise sind Bibi und die Gegenwart also auch deshalb ein so guter Match, weil die progressive 1980er-Jahre-Einstellung ihrer Autorin mittlerweile im Mainstream verankert ist und ihr klischiertes Männerbild mit der Manosphere von heute gut zusammengeht.
Die Marke bleibt ein starker Player auf dem Kinderbuchmarkt. Im Herbst veröffentlicht Donnelly, die keine Bibi-Blocksberg-Folgen mehr schreibt, ein Prequel: einen Roman über die wilde Jugend von Bibis Mutter Barbara. Vielleicht erfahren wir dann, warum Barbara Blocksberg diesen Langweiler Bernhard überhaupt geheiratet hat.




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