Was bleibt nach diesem Sonntagabend?
Ein gelangweilter Forensiker hat wohl dieses Drehbuch geschrieben. Ich fühlte mich im realitätsfernen Schauermärchenland. Da werden alte, ungelöste fetischistische Ritualmorde an wehrlosen Dementen oder Kindern im Rollstuhl aufgerollt. Dass diese Morde auf ein narzisstisches Trauma wegen einer lieblosen, gerne gelbe Schals tragenden Mutter zurückzuführen sind, ist schon arg zusammenfantasiert. Aber dieser fabelhafte Andreas Lust! Der spielt den frühdementen, immer psychotischer werdenden und deshalb unerhört rührenden Ex-Polizisten Matthias Vogel. Vogel ist übrigens nicht der Täter. Andreas Lust ist ein Schauspielereignis. Wegen ihm werde ich diese haarsträubende Story gleich ein zweites Mal anschauen.
Wird dieser «Tatort» mein Leben verändern?
Nein, wer ist schon naiv? Wer wie ich aus der eigenen Familie weiss, wie letzte Lebensjahre in einer Pflegeinstitution sein können, kennt die ganze Gefühlspalette. Weder die einsame Kommissarin noch die müden Pflegerinnen machen mir Lust auf einen Berufswechsel.
Wann hätte ich beinahe zum Smartphone gegriffen?
Nie! Diese Story mag zwar haarsträubend sein, aber im ständigen Dämmerlicht ist sie visuell so anziehend und symbolstark, dass das Zuschauen ein ästhetisches Vergnügen ist. Und zum Glück taucht dieser Andreas Lust als Matthias Vogel dauernd auf (siehe oben).
Welche Sätze bleiben hängen?
«Wenn mir das passiert, erschiess mich einfach.» Dieser Satz sagt die kecke Kommissarinnen-Mutter zu Kommissarin Charlotte Lindholm. Nein, dement zu werden kommt für diese ruppige, selbstbestimmte alte Dame nicht in Frage. Aber klar: Diesen Satz hat wohl jeder schon mal leichtfertig für sich gedacht.
Was erzählt uns dieser «Tatort» über die Gegenwart?
In diesem deutschen Heim für Demente arbeiten überwiegend Migrantinnen oder Polinnen auf Abruf. Denn zu solchen Löhnen mache ja keine Deutsche diese Arbeit, sagt die Heimleiterin einmal bitter. In der Schweiz ist die Lage ja auch nicht viel anders.
König in Gelb. Sonntag, 20.05 Uhr, SRF 1
Bewertung: 4 von 5 Sternen






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