Autoritäre Tendenzen

«Die Demokratie muss an jedem einzelnen Tag verteidigt werden.»

Für Regisseur Raoul Peck ist George Orwells «1984» keine düstere Zukunftsvision, sondern eine politische Wirklichkeit. Sein Film «Orwell: 2+2=5» zeigt, wie die Manipulation von Sprache und Geschichte jederzeit zur Gefahr werden kann.

Wann wird aus zwei plus zwei fünf? In George Orwells Roman «1984» steht die Gleichung für den totalitären Anspruch, sogar offenkundige Tatsachen umzuschreiben. Raoul Peck macht sie zum Titel seines neuen Dokumentarfilms: Der haitianische Regisseur verwebt Tagebuchnotizen, Briefe und Essays des Schriftstellers mit Archivmaterial und Bildern aktueller Konflikte zu einer filmischen Collage. Darin zeichnet er nach, welche politischen Erfahrungen Orwells Schreiben prägten: vom Kolonialdienst in Burma bis zum Spanischen Bürgerkrieg. Am 30. Oktober eröffnete der Film in Anwesenheit Pecks im Zürcher Kino Riffraff den schweizweiten Dokumentarfilmmonat «Let's Doc!». Im Gespräch erzählt der Regisseur auch, was ihn selbst politisch geprägt hat und weshalb er den Kampf für die Demokratie als eine tägliche Aufgabe versteht.

Sie begegneten George Orwell zuerst in der Schule und hielten seine Bücher damals noch für Science-Fiction. Wann änderte sich Ihr Blick auf seine Literatur?

Raoul Peck: Wie die meisten lernte ich Orwell in der Schule kennen: zuerst mit «Farm der Tiere», später mit «1984». Als junger Mensch war ich kein Science-Fiction-Fan. Ausserdem war ich mit einer unmittelbaren Realität in Haiti konfrontiert. Mich beschäftigte, was um mich herum geschah. Erst viel später verstand ich, dass Orwell keine Zukunft erfand: Er analysierte die Welt, in der er lebte. «1984» ist keine theoretische Konstruktion, sondern die Weitergabe einer Erfahrung. Orwell kannte Kampf, Angst, Verrat, Propaganda und autoritäre Regime aus eigener Perspektive.

«1984» schildert eine Gesellschaft, die die Fähigkeit verliert, Wahrheit und Lüge auseinanderzuhalten. Inwiefern erkennen Sie ähnliche Entwicklungen in heutigen westlichen Demokratien? Beginnt dieser Prozess bei der Manipulation der Sprache oder wenn wir uns an offensichtliche Widersprüche gewöhnen?

Das lässt sich nicht ohne Weiteres gleichsetzen; es kommt auf den jeweiligen Kontext an. Grundsätzlich beginnt der Prozess aber sehr früh: wenn Worte plötzlich das Gegenteil dessen bedeuten, wofür sie eigentlich stehen, und Menschen auf offensichtlich inakzeptable Entwicklungen nicht mehr reagieren. Orwell sprach vom Verfall der Sprache. In «1984» zeigt er mit dem «Neusprech», wie Sprache gezielt manipuliert und das kritische Denken eingeschränkt werden kann. Ich erlebte solche Widersprüche schon als Kind in Haiti: Ein amerikanischer Präsident sprach von Demokratie und Fortschritt, unterstützte aber gleichzeitig eine Diktatur. Ich war zehn oder zwölf und fragte mich: Entweder verstehen wir diese Worte unterschiedlich – oder ihr belügt uns. Mit dem, was heute «alternative Fakten» heisst, bin ich gewissermassen aufgewachsen. Deshalb habe ich als Filmemacher mein Leben lang versucht, solche Widersprüche sichtbar zu machen.

In «1984» schränkt das «Neusprech» das kritische Denken ein. Sie zeigen im Film, dass diese Manipulation nicht nur in Dystopien vorkommt, sondern längst in unserer Gegenwart steckt. Wo begegnet sie Ihnen?

Orwell hat uns einen ganzen Werkzeugkasten gegeben, um diese Mechanismen zu verstehen. Ich begegnete ihnen in den Achtzigerjahren, als ich in Berlin Wirtschaft studierte. In einem Marketingkurs lernten wir, wie man Neusprech einsetzt: Wie man ein Produkt umbenennt und das Publikum manipuliert, um mehr Geld zu verdienen. Das ist bereits Neusprech. Es ist nicht etwas, das nur «die Bösen» tun, sondern im System angelegt. Denken Sie an die deutschen Begriffe «Arbeitgeber» und «Arbeitnehmer»: Der eine gibt die Arbeit, der andere nimmt sie. Schon in dieser Rhetorik steckt eine Vorstellung davon, wie die Machtverhältnisse organisiert sind.

Autoritäre Bewegungen müssen Demokratien heute oft nicht mehr durch einen Putsch beseitigen. Sie können Wahlen gewinnen und Institutionen von innen schwächen. Weshalb reagieren demokratische Gesellschaften so träge auf ihren eigenen Zerfall?

Man muss das historisch begreifen. Viele moderne Institutionen entstanden nach dem Zweiten Weltkrieg. Doch im Westen glaubten die Menschen zunehmend an eine Welt des Konsums und des Glücks, an eine Welt ohne Kriege. Sie übersahen, dass diese Kriege anderswo geführt wurden. Die hässliche Seite des Kapitalismus wurde ausgelagert. Wir haben uns ausserdem daran gewöhnt, Demokratie wie ein Konsumgut zu behandeln: Als hätten wir sie einmal erworben und könnten sie nun in der Tasche behalten. Man gibt alle paar Jahre seine Stimme ab und überlässt den Rest den Politikern. Aber Demokratie besitzt man nicht ein für alle Mal. Bürger zu sein bedeutet, sich einzumischen, sich zu informieren und mitzuentscheiden. Diese Verantwortung haben wir vergessen.

Was müsste man beispielsweise in Deutschland gegen den Aufstieg der AfD unternehmen, ohne die Unzufriedenheit ihrer Wählerschaft zu ignorieren?

Man muss sich engagieren. Jeder Fortschritt war das Ergebnis von Menschen, die auf die Strasse gingen und für ihre Rechte kämpften. Viele AfD-Wähler sind mit ihrer Stellung in der Gesellschaft unzufrieden. Dass sie Populisten folgen, ist eine andere Frage. Es zeigt aber auch das Versagen der Gesellschaft: Wir hätten diese Menschen besser informieren und Antworten auf ihre Probleme finden müssen. Man muss sie ernst nehmen und mit ihnen sprechen, um zu zeigen, dass die AfD keine wirklichen Lösungen anbietet. Wenn alle Ausländer verschwinden, fehlen noch immer Menschen, die sich um die Strassen und die Spitäler kümmern. Demokratie bedeutet, Mehrheiten zu organisieren. Wer zu Hause bleibt und auf Social Media sitzt, wird das nicht schaffen. Man muss eine Gemeinschaft bilden. Das ist Arbeit – und leider leisten sie viel zu wenige.

Orwell schrieb, aus autoritärer Perspektive sei Geschichte etwas, das gemacht und nicht gelernt werde. Weshalb ist die Kontrolle über die Vergangenheit so entscheidend?

Die Vergangenheit ist in Büchern festgehalten, und Bücher sind Wissen. Wenn man Menschen dazu bringen will, Dinge zu tun, die keinen Sinn ergeben, muss man ihnen dieses Wissen nehmen. Man unterdrückt die tatsächlichen Informationen und die Geschichte. Wer nicht mehr auf dieses Wissen zurückgreifen kann, hat es auch schwerer, Behauptungen zu überprüfen und Widersprüche zu erkennen. Das ist kein Zufall: Die meisten Regime gehen zuerst gegen Bücher vor, schränken die Presse ein und unterbinden den freien Austausch von Informationen und Ideen. Bücher sind ein Gegengift gegen Manipulation. Beseitigt man dieses Gegengift, entsteht ein weites Feld, auf dem man den Menschen alles Mögliche in den Kopf setzen kann. So wird es leichter, ihr Bild von der Vergangenheit und damit auch ihr Verständnis der Gegenwart zu kontrollieren.

Orwell warnte davor, die Verbrechen der politischen Gegner zu verurteilen und jene der eigenen Seite zu übersehen. Wie lässt sich das verhindern, wenn die eigene Gemeinschaft sich selbst als Opfer versteht?

Man muss so ehrlich wie möglich sein und sich aus fairen, verlässlichen Quellen informieren. Nehmen Sie Israel: Die meisten Israelis haben keinen unmittelbaren Zugang zu dem, was in Gaza geschieht. Internationale Journalistinnen und Journalisten dürfen nicht unabhängig nach Gaza einreisen. Das Gebiet wird dadurch zu einer Blackbox, über die man spekulieren kann, ohne der Realität zu begegnen. Natürlich sehen sich Israelis als Opfer. Am 7. Oktober waren sie Opfer. Aber das ist nur ein Teil der Geschichte und rechtfertigt nicht alles, was danach geschah. Das gibt einem nicht das Recht zu töten oder selbst einen Völkermord zu begehen. Menschlich ist es verständlich, dass man den Gegner kritischer beurteilt als die eigene Seite. Man rechtfertigt das eigene Handeln mit den eigenen Gefühlen: Ich bin wütend, also ist alles erlaubt. Aber das ist ein Rezept für die Katastrophe.

Nach einem Leben politischen Engagements könnte man mit der aktuellen Weltlage eine ernüchternde Bilanz ziehen. Was gibt Ihnen dennoch Hoffnung für eine bessere Zukunft?

Es ist ein dunkler Moment für mich und viele, die ihr Leben lang gekämpft haben. Allein kann man nicht kämpfen. Man braucht ein Kollektiv, das versteht, dass es Zeit ist, sich zu wehren. Ich war selbst Politiker und weiss, wie lange es dauert, demokratische Institutionen aufzubauen. Zerstören lässt sich vieles in wenigen Tagen. Umso mehr ermutigt mich, was ich in Frankreich und anderswo in Europa sehe: Junge Menschen gehen auf die Strasse. Dass sie sich einmischen und gemeinsam für ihre Rechte und ihre Zukunft eintreten, ist ein starkes Zeichen. Die Demokratie muss an jedem einzelnen Tag verteidigt werden. Viele junge Menschen machen das zurzeit und zeigen, dass die Bereitschaft, für eine andere Gesellschaft zu kämpfen, nicht verschwunden ist. Das gibt mir Hoffnung.

«Orwell: 2+2=5», ab 12. November im Kino. Das Dokumentarfilmfestival «Let's Doc» findet an verschiedenen Standorten in der Schweiz vom 1. - 30. November statt.

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