Ein Walzer ist schuld, dass es die Old Time Jungle Cats gibt. Genauer: das Fehlen eines Stücks im Dreivierteltakt. Im Frühling 1956 spielt eine Luzerner Tanzkapelle im Löwengarten für einen Tischfussballclub. Die Gäste verlangen unablässig Walzer, den Musikern gehen die Stücke aus. Nach dem Auftritt ziehen sie die Konsequenz: Schluss mit Tanzmusik, her mit dem Jazz.
70 Jahre später erzählt Walter Schmid die Geschichte noch immer detailreich. Der Klarinettist ist heute 87 Jahre alt. Mit 14 trat er der Stadtmusik bei, mit 17 tauschte er das strenge Notenlesen gegen den Jazz. «Das ist das, was mich fasziniert an dieser Musik. Dass ich frei musizieren kann.»
Den Namen «Old Time Jungle Cats» steuerte der Vater des damaligen Schlagzeugers bei. Bereits am 6. Oktober 1956 standen die Jungjazzer im grossen Saal des alten Kunst- und Kongresshauses Luzern. Schmid erinnert sich an einen «Bombenerfolg». Bald folgten sonntägliche Jazzmatineen, erst an der Baselstrasse, später im Opera und schliesslich in der Dachhalle des Astoria.
«Wir waren schon ein wenig die Progressiven»
Es ist eine Aufbruchszeit. Der Jazz Club Luzern holte internationale Grössen an die Reuss, doch ausserhalb der Stadt klangen Trompete und Klarinette noch ungewohnt. Als die Cats 1958 in Willisau spielten, sorgten sie laut Schmid für Staunen. «Und wir waren natürlich schon ein wenig die Progressiven.» Elvis Presley eroberte derweil die Jugendzimmer. Die Cats hielten sich an Louis Armstrong.
Dessen All Stars sind bis heute ihr Kompass: swingender Dixieland, klare Melodien, Dialoge zwischen Trompete, Posaune und Klarinette. «Tiger Rag», «When the Saints Go Marching In» oder «Bei mir bist du schön» gehören in diese Welt. Schmid liebt besonders die Improvisation. Bei einer CD-Aufnahme musste er Soli wiederholen, und spielte sie jedes Mal anders. Der Aufnahmeleiter verzweifelte.
Publikumswünsche werden stets berücksichtigt
Das Repertoire wächst, wenn einer einen Titel vorschlägt und die anderen Gefallen daran finden. Vor allem gilt: «Wir machen die Musik, woran wir Freude haben.» Und die Gäste sollen sie ebenfalls haben. Wer zu den Jungle Cats kommt, will keinen Modern-Jazz-Feldversuch. Er will Swing, der in die Beine fährt. Dass eine Band nach Publikumswünschen spielt, ist für Schmid keine Kapitulation, sondern Respekt für die Konzertbesuchenden.
Die Besetzung bleibt erstaunlich beständig. Heute spielen Ceo Benedetti Trompete, Roland Hirsiger Posaune, Walter Schmid Klarinette, Hansueli Ammann Klavier, Urs Wyrsch Bass und Stefan Salzmann Schlagzeug. Benedettis Vater Alceo prägte den Sound jahrzehntelang, auch als Sänger mit verblüffender Louis-Armstrong-Stimme. Nach dem Tod des Schlagzeugers Renato Koch 2014 kam Salzmann hinzu.
Treue Fans bis nach England
Es sind sechs Freunde, keine Berufsmusiker. Im Alltag standen oder stehen Unternehmer, so ein Zahnarzt oder ein Instrumentenbauer, neben ihren Instrumenten. «Wir haben ein sehr gutes Amateur-Niveau», definiert Schmid. Internationale Auftritte führten sie dreimal nach England, dazu nach Deutschland, Frankreich, Österreich und Spanien. In London trat Schmid mit einer roten Life-Guard-Uniform auf. Jahre später fragte ein Zuhörer, weshalb er sie diesmal nicht trage. Treue Fans in ganz Europa.
Für eine Fernsehkarriere fehlte den Cats weniger das Talent als die Zeit. Alceo Benedetti Senior trat in der Rudi-Carrell-Show als Louis-Armstrong-Imitator auf. Schmid hätte mitreisen sollen, konnte aber seinen Betrieb nicht eine Woche lang verlassen. Also spielte die Band ihre Begleitung auf Band ein.
Schmids Agentur entwickelte Werbekampagnen. Zugleich engagierte er sich für den Tourismus. Von 1993 bis 2012 präsidierte er das Tourismus Forum Luzern, dessen Aufbau er mitprägte. 2012 erhielt er den Tourismus-Award für sein Lebenswerk. Auch jenseits der Bühne hat Schmid Luzern geprägt.
Am Freitag, 30. Oktober, feiert die Band im Stadtkeller ihr Jubiläum. Die Frage nach einem Bandleader-Nachfolger nimmt Schmid mit Humor: «Bandleader kommt von Leiden.» Dass 70 Jahre genug seien, lässt er zumindest als Musiker nicht gelten. «Nein, nein, nein. Das geht weiter.» Die Walzer gingen 1956 aus. Der Swing noch lange nicht.







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