Kolumne «Stadtwärts»

Unter uns Touristen: Was die Kapellbrücke mit Zeitungslesen zu tun haben

Als Tourist/in lieber Sehenswürdigkeiten fötelen oder sich doch eher unter die Einheimischen mischen? Beides hat seine Tücken.

Mit Interesse las ich letzte Woche einen Artikel über das Podium «Luzerns Overtourism-Debatte – ist regenerativer Tourismus die Antwort?» Dort sprach auch Bill Reed, ein Pionier des regenerativen Tourismus, wie ich gelernt habe. Er sagte unter anderem, dass Luzern «Essenz hat», nur würden wir diese nicht ehren. «Kapellbrücke interessant, See schön, aber das ist alles, was ich von Luzern sehen muss. Sorry.»

Wer kann es ihnen verdenken: Touristinnen und Touristen machen Selfies vor Luzerns Wahrzeichen.
Bild: Dominik Wunderli

So etwas will man nicht hören. Wobei ich – etwas kleinlich – anmerken möchte, dass er das Löwendenkmal vergessen hat. Auch wenn sich mir bis heute nicht ganz erschliesst, warum alle Welt dorthin pilgert und ein Selfie macht. Das aber nur so nebenbei. Grundsätzlich stimme ich Reed zu – viele Touristinnen und Touristen kommen nur wegen dieser wenigen Attraktionen, kaufen womöglich noch eine Uhr, und ziehen weiter.

Regenerativ? Kaum. Schlimm? Auch nicht. Denn ich bin keinen Deut besser. Als ich das einzige Mal Pisa besuchte, musste es der schiefe Turm sein. Logo. Ergreifend, wenn man live davorsteht. Womöglich geht es den Touris vor der Kapellbrücke ähnlich? Den Rest von Pisa fand ich mässig prickelnd. Wir suchten rasch das Weite und landeten im nahen Lucca. Weniger spektakulär, dafür entspannter, wir fühlten uns wie Einheimische.

Da kommt mir in den Sinn: Vor über 30 Jahren erzählte mir ein damaliger Arbeitskollege, dass er sich in einer fremden Stadt stets wie «ein Local» verhalten wolle. Insbesondere, wenn es an Attraktionen mangele. Er sitze dann in ein Pärkli und lese ein Lokalblatt. Smartphones waren noch nicht erfunden. Ich stelle mir gerade vor, wie Horden von Touristen LZ lesend im Vögeligärtli sitzen. Gut für uns, zweifellos. Und doch ist es vielleicht nicht schlecht, dass Luzern mit der Kapellbrücke ein ikonisches Bauwerk hat.

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