SP und Grüne wünschen sich für die Stadt Luzern ein autonomes Kulturzentrum. Die beiden Parteien träumen von einem «unkommerziellen und selbstbestimmten Raum für Begegnung und Austausch jenseits von Konsumzwang, normativen Erwartungen und institutionellen Vorgaben». So steht es in einem Postulat, das sie im Luzerner Stadtparlament eingereicht haben. Anders ausgedrückt: Alle sollen dort tun und lassen können, was ihnen gefällt. Und die Stadt? Die soll dafür geeignete Räumlichkeiten zur Verfügung stellen, so die Forderung.
Doch der Stadtrat winkt ab. In seiner Antwort auf das Postulat macht er klar: Wer Geld oder Räume von der Stadt will, muss auch bereit sein, gewisse Bedingungen der Stadt zu akzeptieren, zum Beispiel in Form einer Leistungsvereinbarung. Ein völlig selbstverwaltetes Kulturhaus ohne jegliche Vorgaben auf einem städtischen Areal – das sei nicht realistisch. Der Stadtrat schreibt: «Die Bereitstellung von Räumen durch die öffentliche Hand ist mit finanziellen Leistungen sowie mit Verantwortung für Sicherheit, Gleichbehandlung, Zugänglichkeit und den sorgfältigen Umgang mit öffentlichen Mitteln verbunden.»
Nun ist es ja überhaupt nicht so, dass es in Luzern keine Plattformen für alternative Kultur gäbe. Zu nennen sind insbesondere Neubad, Südpol und Treibhaus. Diese haben zahlreiche Angebote und Veranstaltungen abseits des kulturellen Mainstreams. Davon profitieren explizit auch die im Postulat erwähnten «queeren Communities, FINTA*-Kollektive, migrantischen Initiativen sowie weitere selbstorganisierte Gruppen».
Doch SP und Grünen geht es wohl gar nicht so sehr um den Inhalt, sondern vielmehr um die Form. Selbst das Neubad – das alternative Kulturzentrum par excellence – ist ihnen womöglich zu bürgerlich geworden, weil es vernünftigerweise eng mit der Stadt zusammenarbeitet, die das alte Hallenbad zur Verfügung stellt. Dafür verpflichtet sich das Neubad, ein attraktives, vielfältiges Kulturangebot zu schaffen, von dem breite Bevölkerungsschichten – auch Minderheiten und Menschen mit schmalem Portemonnaie – profitieren. Kein Wunder, ist das Neubad aus dem städtischen Kulturleben nicht mehr wegzudenken.
Doch ein blosser «Kulturort» ist SP/Grünen zu wenig. Das von ihnen geforderte Kulturzentrum solle sich explizit auch als «politischer Raum» verstehen. Das ist entlarvend. Es versteht sich von selbst, dass dieser Raum ausschliesslich für linke Politik reserviert wäre. Oder wie es in anderen Städten zuweilen der Fall ist, gar als Biotop für linksradikale und gewaltbereite Kreise, die dort unter Schirmherrschaft der öffentlichen Hand demokratische Grenzen bewusst überschreiten. So sorgen Orte wie die Berner Reitschule oder die Zentralwäscherei Zürich immer wieder für Negativschlagzeilen. Logisch, dass der Luzerner Stadtrat darauf wenig Lust hat.
Hinzu kommt: Sowohl die Reitschule als auch die Zentralwäscherei und weitere Zentren wie das Progr (Bern) oder die Rote Fabrik (Zürich) sind nicht einfach regelfreie Räume, die in völliger Autarkie funktionieren. Sie alle müssen – als Gegenleistung zur Unterstützung durch die Stadt – Vorgaben in Sachen Organisationsstruktur, Programmgestaltung und Zugänglichkeit erfüllen. Das galt im Übrigen auch für das einstige Kulturzentrum Boa in Luzern. Auch wenn sie nicht immer eingehalten werden, so sind die Richtlinien schwarz auf weiss festgehalten und öffentlich einsehbar.
Ausgerechnet in Luzern befindet sich allerdings eine Institution, die all diese Punkte vermissen lässt. Die Rede ist vom Kulturzentrum «Räzel» im ehemaligen Stellwerk der Zentralbahn am Freigleis. Das «Räzel» ist aus einer Hausbesetzergruppe hervorgegangen. Diese besetzte 2018 eine Remise bei der Museggmauer – und zog erst ab, als die Stadt ihr mit dem alten Stellwerk ein neues Lokal zur Verfügung stellte. Die Gruppe «Räzel» nutzt das Stellwerk nun seit sieben Jahren in weitgehender Anonymität. Weder die Aktivitäten noch die Köpfe hinter der Gruppe sind der Öffentlichkeit bekannt – genauso wenig wie allfällige Vorgaben seitens der Stadt. Solche mit Steuergeldern unterstützte «Black boxes» sind problematisch – und auf keinen Fall braucht es weitere solche Orte in Luzern. Die Stadt selbst schweigt zum «Räzel» übrigens beharrlich. Licht ins Dunkel bringen wird wohl erst das Öffentlichkeitsprinzip, das die Stadt im nächsten Frühling einführen will.




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