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Kolumne «Stadtwärts»

Der geheimnisvolle Schatz vom Veloraum

Wochenlang blieb eine 10er-Note unbehelligt liegen. Bis sie eines windigen Tages verschwand.
Die 10er-Note im Veloraum.
Bild: std

Die aktuelle Weltlage verleitet mich in schwachen Stunden dazu, vor allem das Schlechte im Menschen zu sehen. Doch dann gibt es auch Handlungen oder Ereignisse, die zeigen, dass nicht alles den Bach heruntergeht – seien diese noch so scheinbar unbedeutend. Solch eine kleine Episode hat sich im Velo- und Töffraum unserer Wohnsiedlung ereignet.

Auf einmal lag da, gut sichtbar auf einem Gefährt nahe des Eingangs, eine 10er-Note. Natürlich, reich wird man damit nicht, aber brauchen kann man Geld immer. Ich widerstand jedoch dem Impuls, die Note einzusacken. Die Person, die das Geld vergessen oder verloren hat, hat es vielleicht nötiger als ich.

Am nächsten Morgen lag die Note immer noch da. Ebenso in den folgenden Tagen. Meine Frau und Kinder hatten sie mittlerweile auch entdeckt – und zahlreiche weitere Personen. Doch die Note blieb unbehelligt liegen, was mich erstaunte. Gerade für Kinder stellen 10 Franken durchaus einen substanziellen Betrag dar – und an Ideen, was sie damit anstellen können, mangelt es ihnen keineswegs. Doch auch sie widerstanden dem Impuls, sich die Note zu schnappen.

So ging es wochenlang weiter. Jeden Tag, wenn ich aufbrach und wieder nach Hause kam, begrüsste mich der «güldene Schatz vom Veloraum». Immer wieder kam mir der Gedanke: «Greif doch zu.» Innerlich versuchte ich bereits, die Entführung des Schatzes mit Karma zu rechtfertigen. Ungefähr so: «Ich habe doch gerade die Waschküche gefegt, ich habe mir das Geld verdient.» Und brachte es dann doch nicht über mich, die Note zu nehmen – so wie alle anderen auch.

Dann, eines Tages, geschah das Unvermeidliche und die Note verschwand. Wohin, ist es ungeklärtes Geheimnis. Hat jemand dem Impuls doch nachgegeben? Oder war die Person, die die Note liegengelassen hatte, wochenlang in den Ferien und konnte diese wieder an sich nehmen, als sie nach Hause kam? Am besten gefällt mir folgendes Szenario: Am Tag, als der Schatz verschwand, war es stürmisch. Demnach öffnete jemand die Türe zum Veloraum, der Wind kam herein und trug die Note in kreisförmigen Bewegungen – wie diesen Plastiksack im Film «American Beauty» – hinfort.

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