Nidwalden

Impfverantwortliche des Kantons: «Ein digitaler Impfausweis wäre ein wesentlicher Fortschritt»

Im vergangenen Jahr wurden im schulischen Rahmen über 200 Impfungen gegen HPV durchgeführt. Im Interview erklärt die Impfverantwortliche, Mirjam Donzé, die Stärken und Herausforderungen des Impfprogramms.

Im Kanton Nidwalden können sich Mädchen und Jungen gemäss den Empfehlungen des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) im Alter von 11 bis 14 Jahren im Rahmen des kantonalen HPV-Impfprogramms gegen HPV impfen lassen. Zusätzlich übernimmt der Kanton die Kosten der HPV-Impfung für Nidwaldner Frauen und Männer bis zum vollendeten 26. Lebensjahr.

Welche Bedeutung hat die Impfung gegen das humane Papillomavirus aus Sicht des Kantons Nidwalden im Rahmen der öffentlichen Gesundheitsvorsorge?

Mirjam Donzé: Im Kanton Nidwalden wird die Impfung gegen das humane Papillomavirus (HVP) seit 2008 im Rahmen der öffentlichen Gesundheitsvorsorge angeboten; seit 2015 steht sie auch Jungen zur Verfügung. Die HPV-Impfung wurde von Beginn an erfolgreich in das schulische Impfprogramm integriert. Dieses gut etablierte System hat sich bewährt. Die Gesundheitsverantwortlichen im Kanton Nidwalden waren von Anfang an vom Nutzen der HPV-Impfung überzeugt, was heute durch zahlreiche Studien bestätigt wird.

Wie läuft das HPV-Schulimpfprogramm in Nidwalden konkret ab – und welche Rolle übernehmen dabei Schulen, Eltern sowie Kinderärzte und Jugendärztinnen?

Das HPV-Schulimpfprogramm in Nidwalden folgt einem klar strukturierten Ablauf – von der Information bis zur Durchführung der Impfung.

Zu Beginn stellt die Impfverantwortliche die erforderlichen Informationsunterlagen zur Verfügung. Die Schulen, insbesondere die Schulsekretariate, unterstützen die Organisation der Impfaktion durch die Koordination der Termine und die Weiterleitung der Unterlagen an die Lehrpersonen. Diese geben die Unterlagen in Papierform an die Schülerinnen und Schüler zur Mitnahme nach Hause ab; eine digitale Verteilung ist derzeit nicht möglich. Zudem sammeln die Lehrpersonen die unterzeichneten Einwilligungserklärungen sowie die Impfausweise jener Kinder ein, für die eine Impfung gewünscht wird. Auf eine generelle Einforderung sämtlicher Impfausweise wird verzichtet, da damit in der Vergangenheit negative Erfahrungen gemacht wurden. Eine zentrale Rolle kommt den Eltern zu: Eine Impfung erfolgt ausschliesslich mit ihrer schriftlichen Einwilligung.

In Einzelfällen wenden sich Eltern zur Beratung an Kinder- und Jugendärztinnen bzw. -ärzte. Da diese das Schulimpfsystem kennen und teilweise selbst schulärztlich tätig sind, können sie die Eltern fundiert beraten und gegebenenfalls zur Teilnahme am schulischen Impfangebot ermutigen. Die Impfung erfolgt direkt vor Ort in der Schule, die dafür geeignete Räumlichkeiten zur Verfügung stellt. Dieses Vorgehen ermöglicht eine effiziente und niederschwellige Umsetzung des Impfangebots. Kinder und Jugendliche bis zum vollendeten 26. Altersjahr, die nicht im Rahmen der schulischen Impfaktion geimpft werden möchten, können die Impfung alternativ in einer Arztpraxis durchführen lassen. Grundsätzlich wird die Impfung im schulischen Setting bevorzugt, da sie einfacher zu organisieren ist und eine höhere Reichweite ermöglicht. Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzte kennen ihre Patientinnen und Patienten gut und können individuell beurteilen, ob eine Impfung im schulischen Rahmen oder in der Praxis sinnvoller ist.

Wie viele Jugendliche haben sich im Jahr 2025 im Kanton Nidwalden gegen HPV impfen lassen?

Im Jahr 2025 wurden in Nidwalden insgesamt 208 Impfungen gegen HPV im schulischen Rahmen durchgeführt sowie zusätzlich 120 Impfungen in Arztpraxen verabreicht. Darin enthalten sind auch Impfungen im Rahmen der HPV-Impfaktion für Personen bis 26 Jahre. Eine geschlechtsspezifische Auswertung ist nicht verfügbar.

Das HPV-Programm richtet sich an Personen zwischen 11 und 26 Jahren und ist im Rahmen des kantonalen Programms kostenlos. Wie wichtig ist diese Niederschwelligkeit für die Impfquote?

Die kostenlose Abgabe der Impfung im Rahmen des kantonalen Programms trägt wesentlich dazu bei, den Zugang zum Impfangebot für die Bevölkerung sicherzustellen. Ebenso wichtig ist die organisatorisch speditive Durchführung der Impfungen direkt vor Ort in der Schule. Dadurch werden Hürden wie Terminvereinbarungen oder zusätzliche Arztbesuche vermieden, was die Teilnahme erheblich erleichtert. Insgesamt tragen die Kostenfreiheit als auch die niederschwellige Durchführung wesentlich dazu bei, die HPV-Impfquote nachhaltig zu steigern.

Viele Eltern und Jugendliche sind bei der HPV-Impfung noch unsicher. Welchen Fragen begegnen Sie besonders häufig?

Eine der häufigsten Fragen betrifft den Zeitpunkt der HPV-Impfung: Ein Teil der Eltern nimmt das vom BAG empfohlene Impfalter ab 11 Jahren als früh wahr, da das Thema Sexualität aus ihrer Sicht in diesem Alter bei ihrem Kind noch keine unmittelbare Rolle spielt. Deshalb möchten sie wissen, ob die Impfung gegen HPV auch später noch über das kantonale Impfprogramm möglich ist. Seit der Corona-Pandemie wird zudem häufiger nach der Art des Impfstoffs gefragt. Viele Eltern möchten wissen, ob es sich bei der HPV-Impfung um einen mRNA-Impfstoff handelt.

Impfungen, wie gegen HPV, werden im Kanton Nidwalden direkt an Schulen durch Schulärzte und Schulärztinnen durchgeführt. Welche Herausforderungen gab es bei der Umsetzung – und was sind die wichtigsten Learnings für andere Kantone?

Als «Learning» für andere Kantone lässt sich festhalten, dass das Nidwaldner Modell stark von der überschaubaren Grösse und den gewachsenen Strukturen profitiert. Ob sich dieses System in grösseren Kantonen ebenso effizient umsetzen lässt, können wir zu wenig beurteilen.

Welche Unterstützung wünschen Sie sich bei Schulimpfprogrammen?

Aus unserer Sicht wäre ein digitaler Impfausweis auf dem Mobiltelefon mit integrierter Erinnerungsfunktion ein wesentlicher Fortschritt. Eine solche Lösung könnte die Impfplanung und -koordination deutlich vereinfachen und die Durchimpfungsrate positiv beeinflussen. Angesichts der bisherigen Erfahrungen, insbesondere im Zusammenhang mit der Problematik rund um «meineimpfungen.ch», besteht hier seit Längerem ein klarer Handlungsbedarf.

Gibt es eine Botschaft, die Ihnen im Zusammenhang mit der HPV-Impfung besonders wichtig ist?

Eine zentrale Botschaft ist aus meiner Sicht die bessere Erreichbarkeit der Jugendlichen. Digitale Lösungen, beispielsweise in Form einer App, könnten hier einen deutlich grösseren Effekt erzielen als klassische Informationsbroschüren. Über eine solche App liessen sich Jugendliche gezielt ansprechen – etwa mit Verlinkungen zu weiterführenden Informationen, Social-Media-Inhalten oder Erinnerungsfunktionen. Dadurch könnte die Aufklärung zeitgemäss, niederschwellig und näher am Alltag der Zielgruppe erfolgen. Dies würde einen wichtigen Beitrag leisten, um das Verständnis für die HPV-Impfung zu fördern und die Impfbereitschaft zu erhöhen.

Das Interview stammt vom Gesundheitsamt des Kantons Nidwalden und wurde für die Publikation in der «Nidwaldner Zeitung» zur Verfügung gestellt.

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