Buchtipp

Auch im Alter kann man die eigene Identität neu entdecken

Seraina Sattler und Anna Six porträtieren in ihrem Buch zehn Menschen, die zeigen, wie vielfältig das Älterwerden sein kann.

Im Buch «Anders alt» von Seraina Sattler und Anna Six erzählen zehn Menschen, was sie durchs Altwerden gewonnen oder verloren haben und was sie noch vorhaben. Die Porträts dieser Personen räumen auf mit der Vorstellung, dass im Alter nur noch Rückzug und Routine bleiben. Auch in späteren Jahren kann das Leben bewegt und interessant sein. Die zehn porträtierten Menschen sind sehr unterschiedlich. Sie befinden sich in verschiedenen Lebenssituationen und haben unterschiedliche Vorstellungen davon, wie sie ihr Alter verbringen möchten.

Eine der Personen ist Heidi, die sich erst mit fast 70 Jahren als Transfrau outete. Sie lebte in einem Körper, der nicht ihren Gefühlen entsprach, und entschloss sich zur radikalen Befreiung. Ihre Geschichte zeigt, dass es auch im Alter möglich ist, die eigene Identität neu zu entdecken und zu sich selbst zu stehen. Heute setzt sich Heidi für die Sichtbarkeit von Transfrauen ein.

Victor wiederum bekam mit 70 Jahren die Diagnose Krebs und seine Lebenserwartung wurde mit einem halben bis zu einem Jahr prognostiziert. Durch eine Lebertransplantation konnte der Krebs besiegt werden. Heute ist Victor 83 Jahre alt und tritt als Nacktdarsteller auf. Seine Geschichte zeigt, dass auch ungewöhnliche und mutige Entscheidungen im Alter möglich sind.

Eine andere porträtierte Person ist Karin. Sie ist vielseitig engagiert und lebte lange als Single. Mit Mitte siebzig verliebte sie sich in einen deutlich jüngeren Mann und musste sich mithilfe der Polizei wieder von ihm lösen. Auch Fritz erzählt von seinem Leben. Er ist siebzig Jahre alt und hat seinen Bauernhof dem Sohn übergeben. Fritz hilft immer noch auf dem Hof mit. Es sei schön, er müsse nichts mehr – er dürfe, meint der pensionierte Bauer. Am meisten ist er bei seinen Kühen im Stall anzutreffen.

Die Geschichten handeln nicht nur von positiven Erfahrungen. Die Menschen erzählen auch von Verlusten, schwierigen Entscheidungen, Krankheiten, Veränderungen und der eigenen Endlichkeit. Gleichzeitig berichten sie davon, was sie durch das Älterwerden gewonnen haben: mehr Gelassenheit, neue Erfahrungen, Dankbarkeit, Selbstvertrauen und die Freiheit, Dinge auszuprobieren, die früher vielleicht nicht möglich waren. Dadurch wird deutlich, dass ein erfülltes Leben nicht automatisch mit dem Ende des Berufslebens oder dem Eintritt ins Pensionsalter aufhört.

Die porträtierten Personen zeigen, dass man auch im späteren Leben neue Dinge beginnen, Träume verwirklichen, Beziehungen verändern und sich selbst weiterentwickeln kann. Die zentrale Aussage des Buches ist, dass es kein «richtiges» Alter gibt. Jeder Mensch erlebt das Älterwerden anders und kann seinen eigenen Weg finden.

ISBN: 978-3-03969-068-8; Christoph Merian Verlag, 2026

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