Leo ist zwanzig und erlebt die Welt anders als andere Menschen. Er ist Autist, kann sich nicht ausdrücken wie andere Menschen und muss seinen eigenen Abläufen und Strukturen folgen, um seinen Alltag zu meistern. Sein Leben ist auch das Leben seiner aufopferungsvollen Mutter Pina. Mit vollem Einsatz kümmert sie sich um ihn, und das gänzlich allein.
Bis sie zusammenbricht und im Krankenhaus an Geräte und Schläuche angeschlossen wird. Auch im Koma träumt sie von ihm und macht sich Sorgen. Sie muss für Wochen auf der Intensivstation liegen. Mit ihrer Abwesenheit müssen sich Pinas Nachbarn widerwillig um Leo kümmern: Die sechzehnjährige Schulabbrecherin Zola, die verwitwete Rentnerin Inge und der schüchterne Eigenbrötler Wojtek.
Zola sieht für sich keine Perspektive und kämpft mit ihren eigenen Problemen. Sie wird von ihrem Umfeld als Rebellin mit Ecken und Kanten wahrgenommen, doch sucht sie insgeheim nach Zugehörigkeit. Inge ist lebensmüde und traut sich nicht mehr zu, ihre eigene Wohnung zu verlassen. Wojtek lebt zurückgezogen und fühlt sich einzig seiner Internetbekanntschaft Jurika nahe, kann ihr aber seine wahren Gefühle nicht zeigen.
Leo reisst alle aus ihren Komfortzonen heraus. Aber niemand ahnt, dass sie alle durch ihn zu einer Gemeinschaft zusammen- und über sich hinauswachsen werden. Die Handlung wird erzählt aus der Sichtweise von Pina sowie ihren Nachbarn und zeigt, wie sie mit dem tiefgreifenden Umbruch in ihren Leben umgehen. Der Einblick in die isolierten Daseinsformen von Zola, Inge und Wojtek versteht sich als trist und unerquicklich, ohne dass es sich schwerfällig liest.
Weil sich die Truppe um Leo kümmert, fühlt sie sich stärker mit ihm verbunden. Sie alle lernen, wie er die Welt wahrnimmt und was ihn glücklich macht. Diese Erfahrung bringt sie dazu, sich auch füreinander zu öffnen, ihre wahren Bedürfnisse anzuerkennen und ihre eigene Identität zu entfalten. Trotz aller Unterschiede eint sie alle ein universelles Bedürfnis: jenes nach Mitmenschen, die sie so akzeptieren, wie sie sind.
Als einzige kritische Anmerkung erscheint mir Wojteks Entwicklung zu kurz. Anders als bei den anderen Figuren, deren Verhalten durch ihren Hintergrund nachvollziehbar wird, erfährt der Leser nie, warum Wojtek ein Eigenbrötler ist. Seine innere Welt birgt genug Tiefe, um sie ausführlicher zu beleuchten.
Alles in allem ein Roman, der ohne Kitsch und trotz ernster Themen Lebensfreude und Hoffnung vermittelt. Das Buch ist besonders für ein breites erwachsenes Publikum geeignet, das warmherzige Geschichten und den «Found-Family-Trope» zu schätzen weiss.
Vera Zischke, «Pina fällt aus», Berlin, Ullstein Buchverlage, 2026, 301 Seiten, ISBN 9783471370063


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