Mit dem «Füdli» voraus in die nächste Runde

Fast hätte Pietro Sighel seinen Vorlauf im Eisschnelllauf über 500 m sogar gewonnen. Sein «Füdli» – das zeigt das Zielfoto – überquert die Ziellinie nur knapp hinter dem Schlittschuh des Gegners. Normalerweise wäre die Fahrt vorwärts auch die richtige Richtung ins Ziel. Doch Sighel wird zur halben Pirouette gezwungen, als ihn ein Gegner nach einem Sturz berührt.
Als Zweiter kommt Sighel trotzdem eine Runde weiter. Erst im Final verpasst er die Medaillen. Sein Stil hat dafür Nachahmer gefunden. Auch Ikuma Horishima übersteht seinen Viertelfinallauf auf der Buckelpiste mit einer Fahrt rückwärts durchs Ziel. Am Ende gewinnt der Japaner Silber.
Der Eismeister begeistert mit dem «Moonwalk»

Es ist eine hohe Kunst, die Mark Callan beherrscht. Sein Trick: kleine Schritte rückwärts – weil sich die Wassertropfen sonst zu unregelmässig verteilen. Callan ist Eismeister im Curling. Und ein absoluter Profi. Beim sogenannten «Pebbling» verleiht der Schotte dem Eis eine Art Gänsehaut.
Ohne diese «Gänsehaut» würden die Steine nicht richtig gleiten. Und darum zaubert Callan seinen persönlichen «Moonwalk» aufs Eis. In den sozialen Medien wird der 61-Jährige dadurch zum Star. Seine Schritte werden mit den Hits von Michael Jackson unterlegt und tausendfach geteilt. Aber eigentlich macht er nur seinen Job – bis zu 17 Stunden täglich.
Augen zu und durch mit Mathis Desloges

Schon am zweiten Tag gibt es bei den Langläufern ein Durcheinander. Der Franzose Mathis Desloges führt im Skiathlon die Spitzengruppe an vor seinem Landsmann Hugo Lapalus und den Norwegern Johannes Kläbo und Martin Nyenget. Bei einem Start/Ziel-Durchlauf gerät er kurz aus dem Konzept, gleitet zu früh in die Kurve und kürzt dabei die Strecke um zwei, drei Meter ab. Am Ende wird er Zweiter. Statt einer Disqualifikation gibt's eine Verwarnung.
Es ist eine Entscheidung mit Fingerspitzengefühl. Rennentscheidend war die Situation nicht. Dennoch gerät der norwegische Boulevard etwas in Wallung, schliesslich war Nyenget nun nur Bronzegewinner. Der Norweger selbst nimmt's locker: «Ich glaube nicht, dass er gross davon profitiert hat.»
Ein Norweger läuft in den Wald

Es ist der vielleicht bitterste Moment in der Karriere von Atle Lie McGrath. Der Norweger führt nach dem ersten Lauf des Slaloms und hat die grosse Chance, Olympiasieger zu werden. Doch dann fädelt er ein. Im Ziel jubelt Loïc Meillard. Der Schweizer gewinnt Gold. Oben auf der Piste wirft Atle Lie McGrath seine Stöcke weg und marschiert in Richtung Wald. Er will allein sein. Minutenlang liegt er im Schnee. McGraths Herz ist gebrochen.
Wenige Tage zuvor – während der Eröffnungsfeier – ist sein Grossvater verstorben. McGrath überlegt, gar nicht zu starten. Doch dann tritt er an. Weil es sein Grossvater so gewollt hätte. Es wird zum Drama. Er sagt: «Es wird lange dauern, es zu verarbeiten. Ich glaube, ich brauche Hilfe dabei.»
Johannes Kläbos Aufwärtssprint geht viral

Der norwegische Langlauf-Dominator Johannes Kläbo ist Rekordgewinner: Sechs Mal gewann er in Tesero olympisches Gold, insgesamt steht er bei elf Olympiasiegen. Doch er ist auch der beste Social-Media-Botschafter, den sich der Langlaufsport vorstellen kann. Nicht, dass er überaus aktiv wäre auf Instagram und Co. Doch sein Aufwärtsspurt, den er beim Sieg im Sprintrennen zeigte, fand sich plötzlich in unterschiedlichsten Formen im Netz. «Er ist so schnell wie ich beim Intervalltraining geradeaus», heisst es da zum Beispiel. 18 km/h schaffte Kläbo beim Aufstieg. Da staunen auch Leute im weltweiten Web, die gar nicht wussten, was Langlaufen ist. Und wir finden: Kläbo könnte seine Siegesserie auf den Tourenski-Sprint ausweiten.
Auf der Suche nach dem Mann fürs Leben

Sophia Kirkby will in Italien nicht nur schnell rodeln, sondern auch die Liebe fürs Leben finden. Vor den Spielen kündigt sie sich selbst als die «begehrteste Junggesellin» im olympischen Dorf an und fordert die Fans in den sozialen Medien auf, sich bei ihr zu melden. «Ich bekomme jeden Tag hunderte von Anfragen. Es ist verrückt», sagt Kirkby der «Bild-Zeitung».
Die US-Amerikanerin trifft sich dann tatsächlich zu ein paar Dates. Den Traumprinzen findet die 24-Jährige allerdings nicht. Dafür reist sie mit zwei olympischen Diplomen nach Hause. Sowohl im Doppelsitzer wie auch im Team belegt Kirkby in den olympischen Rodelrennen Rang fünf.
Ein Hund im Fotofinish

Plötzlich steht an der Olymipa-Loipe ein prächtiger grauer Hund, genauer gesagt: ein tschechoslowakischer Wolfhund. Er schaut sich um und entschliesst sich dann, den beiden Langläuferinnen nachzuhecheln, die sich in der Teamsprint-Qualifikation gerade ins Ziel kämpfen. Hinter der Ziellinie beschnuppert er die griechische Läuferin Konstantina Charalampidou. Sie sagt später: «Noch nie habe ich so viele Interviews geben müssen.»
Der Hund hat es nicht nur auf die Bildschirme der Welt gebracht, sondern auch auf ein Zielfoto. Nazgul heisst das inzwischen berühmte Tier, es wohnt bei seinem italienischen Herrchen direkt an der Olympia-Loipe. Und es ist ausgebüxt, wie die Schwester des Besitzers der «Bild» später erklärt.
Ein Biathlet will seine grosse Liebe zurück

Sturla Holm Laegreid liess sich in Antholz fünf olympische Medaillen umhängen. Was der norwegische Biathlet damit nicht zurückgewonnen hat, ist «die Liebe seines Lebens», wie er es ausdrückte, nachdem er über die 20 km Dritter geworden war. Diese Liebe habe er betrogen, erklärte er vor den Kameras.
Seine Hoffnung, mit seiner öffentlichen Beichte die Freundin zurückzugewinnen, erfüllte sich fürs Erste aber nicht. «Es ist schwer zu verzeihen», sagte sie. «Er kennt meine Meinung dazu.» Nicht nur ihr schien die Sache unangebracht. Kritik gab es auch, weil Laegreid dem Goldgewinner Johan-Olav-Botn mit seinem medienwirksamen Auftritt die Show stahl. Was uns zur Schlussfolgerung führt: Sogar an Olympia interessiert die Liebe mehr als der Erfolg.
Snoop Dogg bringt uns den Wintersport näher

Er ist eine Ikone der Popkultur: Calvin Cordozar Broadus Junior, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Snoop Dogg. Die Rap-Legende aus Long Beach in Kalifornien prägt auch diese Olympischen Spiele irgendwie mit. Offiziell reist er als sogenannter «Honorary Coach» des US-Teams an. Ein Ehrencoach quasi, vielleicht könnte man auch Maskottchen sagen.
Dass er kein Kind der Alpen ist, sieht man dem 54-Jährigen beim Bobfahren, beim Curling und auf den Ski selbstverständlich an. Für viele Selbstversuche lässt er sich einspannen, immer begleitet von einer Kamera. Dank Snoop Dogg erreicht der Wintersport in den sozialen Medien Menschen, die wahrscheinlich gar nicht registriert hätten, dass in Mailand und Cortina Olympia stattfindet. Ziel also erreicht.
Ein Curler fährt aus der Haut

Der Ausraster ist perfekt, um in den sozialen Medien zum Hit zu werden: Der kanadische Curler Marc Kennedy verliert in der Round Robin gegen Schweden kurz die Fassung, nachdem ihm der schwedische Gegner sagt, er habe den Stein bei der Abgabe zweimal berührt, was einem Regelverstoss gleichkommt. «Wer macht das? Wer? Ich habe das kein einziges Mal gemacht», sagt Kennedy sichtlich temperiert. Es folgt noch das englische F-Wort, das wir unsere Kinder nicht sagen hören wollen.
Im Spirit of Curling, dem Ehrenkodex, heisst es unter anderem: «Curling wird gespielt, um zu gewinnen, nie aber um den Gegner zu erniedrigen.» Ob Kennedy diesen Passus kennt? Nach dem Spiel kursieren Zeitlupen-Videos die deutlich zeigen, dass er zweimal berührt hatte. Unschön, aber halt auch menschlich. Wer ohne Sünde ist, spiele den nächsten Stein ...
Bei Lena Dürr tritt der Worst Case ein

Slalom ist eine Psycho-Sportart. In der Vorbereitung fahren die Athletinnen und Athleten Tausende von Toren. Und im Wettkampf lauert bei jeder Stange ein potenzieller Einfädler. Wie brutal die Disziplin sein kann, zeigt das Beispiel von Lena Dürr. Die Deutsche liegt nach dem 1. Lauf des Olympia-Slaloms auf Medaillenkurs. Nur Mikaela Shiffrin ist schneller als sie. In der Entscheidung tritt aber das ein, was Shiffrin später als «Worst Case» betiteln wird.
Dürr bleibt schon beim allerersten Tor hängen und scheidet aus. Ein Albtraum, ein kleines Drama. Die 34-Jährige nennt es bei Eurosport dann ganz einfach «ein beschissenes Gefühl». Es ist die Fortsetzung einer dunklen Serie. Tage zuvor ist sie im Riesenslalom ebenfalls Zweite zur Halbzeit - verpasst aber die Medaille. Vier Jahre zuvor versemmelt die Münchnerin den Olympia-Slalom von Peking. Damals führt sie sogar nach dem 1. Lauf. Sieben Hundertstel fehlen ihr am Ende für Bronze.
River Walter ist der heimliche Star

Und zum Schluss nochmals etwas aus unserer heimlichen Lieblingssportart, dem Curling. Zu Beginn der Spiele zieht das sogenannte «Curling-Baby» ziemlich viel Aufmerksamkeit mit sich: River Walter, Sohn von Briar Schwaller-Hürlimann und Yannick Schwaller. Eineinhalb Jahre jung ist River Walter.
Fluss und Walter. Vielleicht ist es am Ende auch der Name, der uns fasziniert. Jedenfalls sind zuckersüsse Aufnahmen zu sehen, wie River in der Curling-Halle mit Besen und Steinen spielt. Seine Eltern verpassen im Mixed-Wettbewerb leider die Medaille. Vater Yannick gewinnt im Männerturnier mit seinen drei Teamkollegen doch noch Bronze. Mutter Briar verdrückt auf der Tribüne Tränen. Wetten, dass wir River spätestens 2046 auf dem Rink sehen?



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