Fussball-WM

Ittens WM-Traum geht doch noch in Erfüllung: «Hatte Gänsehaut, als Muri anrief»

Trotz starker Torquote im Klub musste er um sein WM-Aufgebot bangen. Doch Cedric Itten hat sich sein Debüt an einem Grossturnier auch dank weitsichtiger Planung verdient.

Cedric Itten ist gerade in Düsseldorf in der Physiotherapie, als der Name Murat Yakin auf dem Handy-Bildschirm erscheint. Sofort unterbricht der Stürmer die Behandlung und eilt aus dem Zimmer. Auf diesen Anruf hat er sehnlich gewartet. Endlich würde er die Antwort erhalten, ob er für seine starken Leistungen in dieser Saison belohnt werden würde. Als er zurückkehrt, brauchen die Therapeuten gar nicht erst zu fragen. Sein Gesicht verrät bereits, was ihm soeben mitgeteilt wurde.

Dabei scheint der Schweizer Nationaltrainer ein gewisses Flair fürs Dramatische zu haben. Yakin fragt den 29-Jährigen zunächst, wie es ihm gehe, wie die Ausgangslage seines Teams vor der abschliessenden Runde sei und welche Überlegungen er sich bezüglich seiner Zukunft mache. Erst dann rückt der Trainer mit der Info heraus, die Itten hören möchte: «Du bist an der WM dabei.»

Es ist ein «sehr, sehr emotionaler Moment» für Itten. Für ihn geht der Traum in Erfüllung, der vor 24 Jahren begann. Der damals 5-Jährige sah seine erste WM, feuerte Brasilien und Stürmer Ronaldo an und bat darauf seinen Vater, ihn in einem Fussballverein anzumelden. Nun ist er selbst beim grössten Sportanlass der Welt dabei.

Im Dienst der Mannschaft

Damit konnte Itten nicht zwingend rechnen. Denn während Yakin den Grossteil seines WM-Kaders schon länger im Kopf hatte, war die Position des Backups für den gesetzten Breel Embolo bis zum Schluss offen. Dass Itten im 26-Mann-Kader nun die Nummer 26 trägt, strahlt denn auch eine gewisse Symbolik aus.

Zwar ist er in den letzten zweieinhalb Jahren stets im Austausch mit den Coaches des Nationalteams, steht auch einige Male im Aufgebot, zu Einsätzen kommt er aber kaum. Im vergangenen September wird er beim Stand von 4:0 gegen Kosovo in der 85. Minute eingewechselt: Es sind Ittens einzige Spielminuten in den letzten 30 Partien des Nationalteams.

Auch bei der WM-Hauptprobe im Frühling ist Itten nicht dabei. Stattdessen bietet Yakin Joël Monteiro auf, der mit einem Treffer gegen Deutschland Werbung in eigener Sache macht. Am Ende entscheidet sich der Trainer aber dennoch für Itten. Bei der Kader-Präsentation erklärt Yakin: «Cedric ist ein Spieler mit grosser Präsenz im Strafraum. Er kennt die Mannschaft, die Abläufe und seine Rolle genau.»

Cedric Itten an der Medienkonferenz im Vorbereitugnscamp in St. Gallen.
Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone

Was er damit meint: Itten beklagt sich nicht, wenn er mehrheitlich auf der Ersatzbank sitzt. Gleichzeitig ist es wertvoll, den 1,90 m grossen Angreifer in der Hinterhand zu haben. Gerade nach einer Saison wie dieser, in der Itten mit 15 Toren und 3 Assists an 54 Prozent der Liga-Treffer seines Teams beteiligt war.

Trotzdem weiss Itten um seine Rolle im Nationalteam und nimmt sie auch an. «Mir ist bewusst, dass Breel gesetzt ist und wir viele gute Offensivspieler im Kader haben», sagt der Basler, der sich als Teamplayer durch und durch bezeichnet. «Ich werde zu jedem Zeitpunkt gut trainieren und parat für den Moment sein, wenn es mich braucht.»

Trotz Vertrauen droht der Abgang

Seit seinem Nationalteam-Debüt im November 2019, als er in den ersten beiden Einsätzen drei Tore erzielte, hat Itten alle drei Grossanlässe verpasst. Immer, wenn es um die Kaderzusammenstellung ging, war Itten nicht in Form, hatte er zu wenig Argumente für sich sammeln können.

Dass es beim vierten Anlauf geklappt hat, liegt auch daran, dass er im vergangenen Sommer einen ungewöhnlichen Weg ging: Er wechselte zu Fortuna Düsseldorf in die zweithöchste Liga Deutschlands. Dies machte er auch ausdrücklich mit der Begründung, beim Nationalteam im Gespräch zu bleiben.

Denn in Düsseldorf erhielt er von Beginn an das Vertrauen, war im Angriff gesetzt und wurde auch sofort in den Spielerrat berufen. «Ich habe vom Verein, innerhalb des Teams und auch von den Fans eine unfassbare Wertschätzung erlebt», so Itten. Umso bitterer ist es für ihn, dass seine Tore den Abstieg in die Drittklassigkeit nicht verhindern konnten. Dieser stand nur zwei Tage nach Ittens WM-Aufgebot fest.

Seine Zukunft lässt Itten wenig überraschend offen. Es scheint aber unwahrscheinlich, dass er bei Fortuna bleibt, zumal er ablösefrei zu haben ist. Unter anderem soll Bundesliga-Aufsteiger Schalke an ihm interessiert sein. Itten sagt bloss, es seien viele Meldungen bei seinem Berater eingegangen. «Konkret besprochen haben wir aber noch nichts.» Jetzt steht sowieso die WM im Fokus. (sda)

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