Wenn Sandro Aeschlimann ins Tor darf, dann wird der Sieg erwartet. Dann droht keine Gefahr. Dann scheint alles klar. Gegen Lettland, gegen eine Mannschaft mit lediglich einem NHL-Profi im Aufgebot und mit einer Nummer 2 aus der höchsten deutschen Liga im Tor, ist die Frage nicht: Wer gewinnt? Sondern nur: Wie hoch gewinnt die Schweiz? Mit zwei, drei oder vielleicht gar fünf oder sechs Toren. An Ende werden es vier sein.

Aber so einfach wie das Schlussresultat vermuten lässt, war es nicht. Der phasenweise begeisternde Sturmlauf zum zweiten Sieg ist zwei Drittel lang ein Geduldsspiel. Es braucht mehr als 30 Minuten und 30 Schüsse bis zur Erlösung mit dem 2:1 nach 30 Minuten und 10 Sekunden im Powerplay.
Ohne Schrecksekunden ging es nicht. Postwendend auf das 1:0 folgt der Konter zum 1:1. Und dieser Treffer zeigt, warum Sandro Aeschlimann auf diesem Niveau nicht zur Nummer 1 taugt. Wieder fehlt dieser letzte Zentimeter Grösse. Wieder kommt das Ducken einen Augenblick zu früh und der Puck zischt oben ins Netz. So wie es in der Meisterschaft halt auch hin und wieder der Fall ist. Aber der zweite Gegentreffer in der Schlussminute ist unhaltbar.

Dominanz garantiert nichts. Wer im Eishockey die Scheibe hat, besitzt noch lange nicht die Hoheit über das Schicksal. Die Einbahnstrasse Richtung gegnerisches Tor ist nicht immer die Via Triumphalis, die direkt zum Sieg führt. Manchmal endet sie im Kreisverkehr der Zweifel und nach zwei Dritteln resultieren aus 34:11 Torschüssen bloss zwei Treffer und am Ende sind es bei 43:22 Abschlussversuchen nur vier Tore. Wenn zehn Feldspieler in der gegnerischen Zone beschäftigt sind, dann prallt der Puck immer irgendwo an einem Stock, einem Schlittschuh, einem Bein ab. So war es gegen Lettland.
Die Schweiz hat die Zwischenprüfung bestanden
Am Ende ist es ein Pflichtsieg. Und doch haben die Schweizer in dieser Partie etwas Wertvolleres gezeigt, als es die letztlich ungenügende offensive Brillanz vermuten lässt. Sie haben eine weitere Zwischenprüfung auf dem Weg zu höheren Zielen bestanden.
Wahre Klasse zeigt sich nicht in den Spielen, in denen alles leichtfällt. Sondern dann, wenn es nicht gleich so läuft wie erwartet und der Puck einfach nicht den Weg nehmen will, den er nehmen sollte, nehmen müsste.
Die Schweizer haben sich nie frustrieren lassen. Nicht nach den vergebenen Chancen. Nicht nach dem Ausgleich. Sie sind einfach durchmarschiert. Unbeeindruckt fehlenden Glück im Abschluss. Unbeeindruckt vom Gegentor zum 1:1. Mit der Gewissheit einer Mannschaft, die weiss, dass es am Ende doch reichen wird.
Die National-League-Stars besiegeln den Erfolg
Den Bann zum 2:1 bricht Timo Meier. Der offensive Titan aus der NHL. Solche Tore werden von ihm erwartet. Den Erfolg besiegelten die Stars aus unserer National League. Doppel-Torschütze Damien Riat wird zum besten Spieler der Partie gewählt.

Das ist die wichtigste Erkenntnis dieses Abends: Früher hätten solche Spiele die Schweizer aus der Bahn geworfen. Früher hätte ein unerwarteter Gegentreffer Zweifel gesät. Man hätte begonnen, den Sieg erzwingen zu wollen.
Heute, nach zwei WM-Finals hintereinander ist alles anders. Diese Mannschaft hat gelernt, mit schwierigen Situationen umzugehen und doch einen Weg zum Sieg zu finden. Und nach mühseligen zwei Dritteln folgen im Schlussdrittel doch noch die klare Überlegenheit und die Effizienz die erforderlich sind, um höhere Ziele zu erreichen. Auch die interne Kommunikation funktioniert: Eine Offside-Position vor dem 4:2 wird von Video-Coach Benoit Pont erkannt, die Coaches Challenge führt zur Annullierung des zweiten Treffers der Letten (55. Minute). Nordamerikaner nennen solche Siege «character wins». Siege des Charakters.
Und genau das ist dieses 4:2 gegen Lettland. Ein Sieg des Charakters eines Teams mit der Reife zum Titelanwärter. Das hat auch etwas mit der Ruhe von Nationaltrainer Jan Cadieux zu tun.



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