
Geboren wurde er im französischen Sèvres vor Paris, aufgewachsen aber ist Arthur Fery im Südwesten Londons, wenige Minuten vom All England Club entfernt. «Es ist unwirklich, jetzt hier zu spielen.» Wobei ihm der Sport in die Wiege gelegt wurde: Mutter Olivia war selbst Tennisspielerin, Vater Loïc ist Präsident beim FC Lorient, dem französischen Erstligisten, wo der Schweizer Nationalgoalie Yvon Mvogo unter Vertrag steht.
Als Jugendlicher sass Fery ab und zu im Publikum, verfolgte unter anderem die Spiele von Roger Federer. Nun war es umgekehrt. Der Schweizer, mit seinen acht Erfolgen im Einzel immer noch Rekordsieger bei den Männern, schaute von der Royal Box aus zu, wie das «Fery-Tale» seine Fortsetzung fand, als der Brite mit gegen den Paris-Finalisten Flavio Cobolli in den Halbfinal einzog, wo er auf French-Open-Sieger Alexander Zverev trifft.

Am Finaltag hat Ferry Geburtstag
Fery ist erst der zweite Spieler in der Geschichte Wimbledons, der es mit einer Wildcards bis in den Halbfinal geschafft hat. Der andere heisst Goran Ivanisevic, der das Turnier vor 25 Jahren auch gleich gewann. Anders als Fery, der davor erst drei Partien in Wimbledon gewonnen hatte, war der Kroate kein unbeschriebenes Blatt. Er stand davor schon dreimal im Final und zweimal im Halbfinal, ehe sein Traum vom Sieg in Erfüllung ging.
Nachdem mit Jack Draper und Emma Raducanu die grössten britischen Hoffnungen ihre Teilnahme kurzfristig hatten absagen müssen, verliebt sich das Königreich gerade in einen gebürtigen Franzosen. Zuletzt drückte Königin Camilla auf dem Centre Court die Daumen.«Sie hat nach dem Spiel auf mich gewartet. Sie hat mir gratuliert. Ich sagte ihr, wie gross die Ehre war, vor ihr zu spielen.» Und dass er hoffe, auch am Sonntag noch einmal auf dem Platz zu stehen – an seinem 24. Geburtstag. Gewinnt er tatsächlich das Turnier, wäre das Märchen an Kitsch kaum zu überbieten.

Zverev bezwingt Angstgegner
Doch die Hürde im Halbfinal dürfte deutlich höher sein. Nachdem er in Paris endlich seinen ersten Grand-Slam-Titel hat feiern können, spielt Alexander Zverev auch in Wimbledon befreit auf. Zuvor war der Deutsche dort noch nie weiter als in den Achtelfinal gekommen. Im vergangenen Jahr scheiterte er in der Startrunde und sprach von mentalen Problemen.
Nun machte der 29-Jährige selbst mit seinem Angstgegner Taylor Fritz kurzen Prozess und setzte sich diskussionslos in drei Sätzen durch. Gegen den Amerikaner hatte Zverev die letzten sieben Spiele allesamt verloren. Auch er weiss, was ihn am Freitag erwartet, wenn er den Centre Court betritt: ein Publikum, das sich die Forsetzung des Fery-Märchens wünscht.

Djokovic fordert Sinner heraus
Reizvoll ist auch die Affiche im anderen Halbfinal, wo Titelverterteidiger Jannik Sinner auf den siebenfachen Sieger Novak Djokovic trifft. Sinner hat bisher keinen unwiderstehlichen Eindruck hinterlassen und musste in der Startrunde einen 1:2-Satzrückstand wettmachen. Körperlich scheint der Italiener aber gut erholt von seinem Hitzekollaps bei den French Open.
Diesbezüglich gibt es bei Novak Djokovic Fragezeichen, nachdem er im Viertelfinal gegen Félix Auger-Aliassime bei einem packenden Fünfsätzer 5:15 Stunden auf dem Platz gestanden war und sein bislang längstes Spiel in Wimbledon bestritten hatte. Wobei die Kraft reichte für ein Tänzchen, das er für seine beiden Kinder auf der Tribüne auf den Rasen legte.

Auf der Jagd nach Federer
Seit 2023 jagt er einem Grand-Slam-Titel hinterher. Der 25. Erfolg würde ihn zum alleinigen Rekordhalter im Einzel machen. Bislang teilt er sich diesen mit der Australierin Margaret Court. Schon heute gilt der Serbe als bester Spieler seiner Generation und als erfolgreichster der Geschichte. Jedes der vier Grand-Slam-Turniere hat er mindestens dreimal gewonnen.
Siebenmal gewann der Serbe in Wimbledon, zuletzt 2022. Seither verlor er nur gegen die zwei Besten der Gegenwart: 2025 im Halbfinal gegen Jannik Sinner, 2023 und 2024 im Final gegen Carlos Alcaraz. Nur Roger Federer steht mit acht Titeln noch vor dem 39-Jährigen, der seit 2023 auf seinen 25. Grand-Slam-Titel wartet, was ihn zum alleinigen Rekordhalter im Einzel machen würde. Bislang teilt er sich diese Bestmarke mit Margaret Court.
Wie zum Jahresbeginn im Halbfinal der Australian Open in Melbourne geht Sinner als Favorit ins Duell mit Djokovic. Der 25-Jährige Südtiroler gewann zwar 12 Ballwechsel mehr, aber das Spiel in fünf Sätzen. Einmal mehr war Djokovic im Spiel der Momente dann der Bessere, wenn es wirklich zählte.

Kommentare
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien, die Kommentare werden von uns moderiert.
Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare geschrieben.