Eine Skikarriere ohne Verletzung? Das gibt es fast nie. Fast jede Athletin und fast jeder Athlet blickt auf mehr oder weniger schwere Stürze und Blessuren zurück. Manchmal aber sind die Unfälle gravierender und die Folgen weitreichender. Manchmal beenden Verletzungen sogar Karrieren.
Am Dienstag gab Michelle Gisin ihren Rücktritt bekannt. Rund elf Monate nach ihrem schweren Sturz in St. Moritz, als sie sich Verletzungen an der Halswirbelsäule, am Knie und am Handgelenk zugezogen hatte, sagt sie: «Ich habe realisiert, dass es nun gut ist.» Gisin kann sich nicht vorstellen, nochmals ihr volles Leistungsniveau zu erreichen. Darum hört sie jetzt auf.
In der Geschichte des Schweizer Skisports gibt es zahlreiche Athletinnen und Athleten, die Gisins Schicksal teilen. Die entweder direkt nach einer schweren Verletzung oder aufgrund der Spätfolgen ihres Unfalls aufhören mussten. Wir haben die prominentesten Beispiele zusammengetragen.
Silvano Beltrametti: Ein neues Leben im Rollstuhl
Am 8. Dezember 2001 scheint alles angerichtet für den ersten Weltcupsieg von Silvano Beltrametti. Schon am Vortag fährt der 22-Jährige im Super-G von Val-d'Isère als Dritter auf das Podest. Nun steht die Abfahrt auf dem Programm. Und Beltrametti liegt bei der dritten Zwischenzeit in Führung.
Beltrametti ist schnell unterwegs. 110 km/h zeigt die Tempomessung. Dann passiert es: Er unterschätzt eine Kurve, ist etwas zu spät dran und wird von einer Eisplatte überrascht. Erst gerät er in Rücklage, dann in Vorlage – und statt weiter geradeaus zieht es ihn in Richtung Pistenrand.
Beltramettis Ski durchtrennen die Sicherheitsnetze. Er prallt gegen einen Eisenpfeiler, stürzt auf einen spitzen Stein und bleibt schwer verletzt liegen. Sein Rückenmark wird zwischen dem sechsten und siebten Brustwirbel durchtrennt. Seither ist Beltrametti querschnittgelähmt.
Beltramettis Unfall stösst eine Sicherheitsdebatte an. Kurz darauf werden die blauen Linien eingeführt, die den Athleten helfen, das Gelände besser zu erkennen. Beltrametti selbst geht von Anfang an offen mit dem Unfall um – und wird zum Vorbild für viele andere Menschen mit Lähmungen.
Heute führt Beltrametti mit seiner Frau Edwina ein Hotel in Lenzerheide. In einem Interview mit dieser Zeitung sagte er: «Ich habe ein gutes Leben.»
Roland Collombin: Die Unfallstelle trägt seinen Namen
Roland Collombin war ein wilder Hund – auf und neben der Piste. Das machte ihn zur Antithese von Bernhard Russi. Hinter dem Traum aller Schwiegermütter gewann Collombin 1972 Olympiasilber in der Abfahrt. Dazu kamen acht Weltcupsiege – darunter Erfolge in Wengen und Kitzbühel. Kurz: Der Karriereweg des Wallisers zeigte steil nach oben.
Doch am 8. Dezember 1974 stürzte Collombin in der Abfahrt von Val-d'Isère und zog sich eine Stauchung der Wirbelsäule zu. Ziemlich genau ein Jahr später plante der damals 24-Jährige – wieder in Val-d’Isère – sein Comeback. Schon im Training wollte er seine Ambitionen anmelden und insbesondere beim Topfavoriten Franz Klammer Eindruck hinterlassen.
Diese Episode erzählte Collombin einst der Zeitung «Liberté». Nach dem ersten Training ging er zum Österreicher und sagte: «Hast du gesehen, Collombin ist zurück!» Und am Folgetag, am 6. Dezember 1975, wollte es Collombin richtig krachen lassen. «Ich vergass zu bremsen, ich liess es laufen und war viel zu schnell. Ich wollte einen guten Rang herausfahren.»
Collombin stürzte an der gleichen Stelle wie ein Jahr zuvor. Zwei Tage lang konnte er die Beine nicht bewegen, zwei Rückenwirbel waren gebrochen. Die Lähmungen verschwanden zwar wieder, doch eine Rückkehr in den Skiweltcup war ausgeschlossen. Der Sprung, der ihm zum Verhängnis wurde, erhielt später seinen Namen und ist als Bosse à Collombin bekannt.
Nach seiner Karriere lebte Collombin als Winzer und Hotelier. In diesem Sommer verstarb er mit 75 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung.
Daniel Albrecht: Er kehrte zurück und wurde gestoppt
Es ist ein fürchterlicher Sturz, der sich am 22. Januar 2009 in Kitzbühel ereignet. Daniel Albrecht gerät im Abschlusstraining beim Zielsprung in Rücklage, fliegt mit fast 140 km/h rund 70 Meter weit durch die Luft und prallt mit dem Rücken und dem Kopf auf. Regungslos schlittert er dem Ziel entgegen und wird danach auf die Intensivstation in Innsbruck verlegt.
Albrecht erleidet ein schweres Schädel-Hirn-Trauma. Rund drei Wochen liegt er im künstlichen Koma. Als er aufwacht, kann er sich an nichts erinnern. Er kennt seine Eltern und seine Freundin nicht. Er weiss nicht, dass er ein Skistar ist. Vieles muss er in der Folge von Grund auf lernen.
Trotzdem schafft es der Walliser zurück in den Weltcup. 682 Tage nach seinem Unfall bestreitet er den Riesenslalom in Beaver Creek und fährt auf den 21. Rang. Zu alter Stärke findet Albrecht allerdings nicht mehr zurück. Meist verpasst er die Qualifikation für die zweiten Läufe. Im November 2012 verletzt er sich im Abfahrtstraining in Lake Louise am Knie. Die Trainer und der Verband stoppen seine erneuten Comebackpläne und streichen ihn aus den Kadern. Am 6. Oktober 2013 tritt Albrecht zurück.
Heute hält Albrecht Vorträge, ist als Berater tätig und baut Holzhäuser. In einem Interview mit CH Media sagte er über das Ende seiner Karriere: «Die Ärzte sagten nein, ich sagte ja. Ich hatte keinen Bock mehr zu kämpfen.»
Mauro Caviezel: Doppelbilder machen ihm zu schaffen
Die Karriere von Mauro Caviezel ist geprägt von Verletzungen. Zwar gewinnt er im Winter 2019/20 die kleine Kristallkugel im Super-G. Doch der Weg dorthin ist steinig. Einmal bricht er sich das Wadenbein, ein andermal reisst die Achillessehne, mehrmals kugelt er die Schulter aus.
Doch die Verletzung, die er sich am 7. Januar 2021 in einem Training in Garmisch zuzieht, ist anders. Caviezel erleidet ein Schädel-Hirn-Trauma und hat in der Folge mit Doppelbildern zu kämpfen. Zwar wagt er noch im selben Jahr im WM-Super-G einen Comebackversuch, doch im Rennen verpasst er ein Tor und scheidet aus. Danach bricht Caviezel die Saison ab.
Caviezel lässt in der Folge nichts unversucht, um nochmals als Skiprofi zurückzukehren. Auch alternative Behandlungsmethoden probiert er aus. Und tatsächlich: Ende November 2022 steht er in Lake Louise wieder am Start eines Weltcuprennens. In der Abfahrt scheidet der 34-Jährige aus, am Tag darauf stürzt er im Super-G und zieht sich eine Gehirnerschütterung zu. Im Januar 2023 tritt Caviezel zurück und sagt: «Es geht mir zwar gut, aber leider nicht gut genug, um wieder in den Skirennsport einzusteigen.»
Lara Gut-Behrami: Das geplante Ende kam zu früh
Das Karriereende hatte Lara Gut-Behrami zwar bereits geplant. Trotzdem durchkreuzte auch bei ihr eine Verletzung einen Abschied nach Drehbuch.
Die Olympischen Spiele in ihrer Wahlheimat Italien sollten ein letztes Highlight in der Karriere der Tessinerin werden. «Das wäre doch ein schöner Abschluss», sagte sie im Interview mit dieser Zeitung. Doch ein Trainingssturz im November 2025 machte diesen Plan zunichte. In Copper Mountain zog sich die 34-Jährige einen Totalschaden im linken Knie zu.
Lange blieb offen, ob Gut-Behrami noch einmal zurückkehren wird. Aus ihrem Umfeld hiess es, sie trainiere hart für ein Comeback. Doch es kam anders. Im August dieses Jahres gab sie ihren Rücktritt bekannt. In einer Abschiedsbotschaft erklärte sie: «Trotz fast 20 Jahren Spitzensport, trotz Stürzen und Verletzungen habe ich keine wiederkehrenden Schmerzen. Auch deshalb weiss ich, dass nun der richtige Zeitpunkt gekommen ist, nicht mehr darauf zu bestehen, um jeden Preis Grenzen zu erreichen.»
Anny Rüegg: Ein Baum zerstörte ihren Olympiatraum
Im Jahr 1934 gewann sie in St. Moritz WM-Gold in der Abfahrt. Ein Jahr später doppelte Anny Rüegg in Mürren im Slalom nach und wurde zur Doppel-Weltmeisterin. An die Olympischen Spiele 1936 in Garmisch-Partenkirchen reiste sie deshalb als Favoritin. Doch drei Tage vor Beginn der alpinen Skiwettkämpfe stürzte Rüegg im Training und prallte gegen einen Baum. Die dadurch erlittenen Verletzungen beendeten ihre internationale Karriere. 2011 verstarb die Bündnerin mit 99 Jahren.









Kommentare
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien, die Kommentare werden von uns moderiert.
Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare geschrieben.