Das Ende der Reise verkündet Michelle Gisin zu Hause. Auf über 3000 Metern über Meer, auf der Gipfelstation des Titlis, hoch über ihrer Heimat Engelberg. Um 11 Uhr an diesem Dienstagmorgen verkündet sie: «Es ist ein bedeutender Tag in meinem Leben, weil ich den Skirennsport verlasse. Es ist schön, dass ich dies am Ort feiern kann, wo ich als kleines Mädchen mit Skifahren begonnen habe.»
Gisin tritt zurück vom Spitzensport. Knapp ein Jahr nach ihrem verhängnisvollen Sturz in St.Moritz. Halswirbelsäule, Handgelenk, Knie – alles war kapput. Und doch hatte die 32-Jährige Glück im Unglück, sie hätte querschnittgelähmt sein können. «Die letzten zwei Wochen waren sehr intensiv und turbulent. Ich konnte mit vielen Menschen, die mir viel bedeuten, über meine Zukunft reden. Es war ein langer Prozess – aber am Ende ist mir klargeworden: Ich habe alles erlebt.»

Im September begibt sie sich zu Fuss zurück an die Unfallstelle auf der Piste in St.Moritz. «Das hat mir gutgetan. Und in diesem Moment habe ich gemerkt: ja, es ist gut. Ich verspüre eine grosse Dankbarkeit für meine Gesundheit und all die tollen Momente, die ich in meiner Karriere erleben durfte.»
Damit verliert die Ski-Schweiz knapp drei Monate nach dem Rücktritt von Lara Gut-Behrami eine weitere Spitzenathletin. Die Tessinerin verpasste nach einem Trainingssturz Ende November 2025 ebenfalls die gesamte Saison. Auch sie liess ihre Rückkehr offen, bis sie wieder vollständig genesen war.
Gisin wollte sich mit ihrer Entscheidung, wie die Zukunft aussieht, bewusst Zeit lassen. Sie wollte abwarten, wie ihr Körper auf die ersten Schneetage reagiert. Doch nun ist ihr klargeworden: «Vermutlich hätte ich es wieder auf 95 Prozent gebracht – aber nicht auf 100.» Diese Erkenntnis hat den Rücktritt zur Folge.
Gisin gewann zweimal Olympia-Gold
291 Weltcuprennen bestreitet Gisin in ihrer Karriere. 22 Mal steht sie auf dem Podest. Sie gehört zum erlauchten Kreis von Athletinnen, die in sämtlichen Weltcup-Disziplinen Podestplätze herausgefahren hat. Als letzte Disziplin erreicht sie den Podestplatz in Kranjska Gora im Januar 2021. «Dieser Moment bleibt mir als der schönste meiner Karriere in Erinnerung. Zum Glück habe ich ihn ausgiebig gefeiert.»
An Grossanlässen gewinnt Gisin fünf Medaillen. Dabei ragen die Olympischen Spiele 2022 heraus, als sie Gold in der Kombination und Bronze im Super G holt. Auch ein Weltcuprennen entscheidet sie für sich, am 29. Dezember 2020 den Slalom am Semmering.

Zukunft: Studium an der Uni Luzern
Und nun also der Schritt in die ungewisse Zukunft. Wobei einiges schon aufgegleist ist. Denn schon bevor sie ihren Zukunftsentscheid gefällt hat, begann Gisin an der Universität Luzern ein Studium. «Ich habe da den Anschluss bereits ziemlich geschafft. Das schöne ist: Ich bin ich an der Uni. Und es ist total egal, ob ich schnell Ski gefahren bin.» Gisin studiert Politik, Philosophie und Wirtschaft. Überhaupt tue es ihr gut, sich kognitiv zu beschäftigen. «Ich bin immer noch daran, meine Oberstübchen mit dem Hochdruckreiniger auszuspülen», sagt sie.
Und auch auf der die Ski-Bühne tritt Gisin weiter auf. Einfach in einer anderen Rolle. An der Heim-WM in Crans Montana im nächsten Februar wird im Zielraum die Interviews mit den Stars führen. Überdies möchte sie ihren Mann Luca de Aliprandini so häufig es geht als Zuschauerin an die Weltcup-Riesenslaloms begleiten.
Und sie selbst? Das Skifahren bleibt für Michelle Gisin eine Herzensangelegenheit. Einfach nicht mehr als Rennfahrerin. «Ich freue mich, künfitg einfach dort skifahren zu können, wo ich es gerade möchte.»




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