Tour de France

Schlau, selbstlos oder arrogant? Tadej Pogacar spielt mit Gegnern Katz und Maus

Favorit Tadej Pogacar drückt der Tour de France bisher seinen Stempel auf. Am Donnerstag dürfte er die Karten auf den Tisch legen. Dennoch machen sich seine Konkurrenten Hoffnung.
Tadej Pogacar kontrolliert die Tour de France bisher.
Bild: AP / Mosa'ab Elshamy

Lieber Erholung statt Gelb

Nur ein Tag, nachdem er sich ins Maillot Jaune hatte einkleiden lassen, musste Tadej Pogacar das begehrteste Textil im Radsport schon wieder abgeben und rutschte auf den vierten Rang ab. Knapp acht Minuten Rückstand beträgt sein Rückstand im Gesamtklassement neuerdings. Bis weit in die zweite Woche der Rundfahrt dürfte es dort kaum grosse Verschiebungen geben. Der vierfache Sieger ist zurückgebunden.

Grund zur Sorge? Im Gegenteil, es ist: eiskaltes Kalkül. Pogacar verlor Gelb mit Absicht – und gewann dafür anderthalb Stunden Zeit für die Erholung. So viel nehmen Siegerehrung und Medienarbeit für den Führenden in Anspruch. «An einigen Tagen bedeuten diese Verpflichtungen viel Stress», sagt Pogacar. 55 Mal schon trug der 27-jährige Slowene das Maillot Jaune. Nur vier Fahrer durften sich dieses noch öfter überstreifen lassen.

Nach einem Tag gab Pogacar das Maillot Jaune bereits wieder ab.
Bild: Bild. AP / Mosa'ab Elshamy

Geschenk an Teamkollege Del Toro

Sowieso spielt Pogacar bisher Katz und Maus mit seinen Gegnern. Im Teamzeitfahren in Barcelona zum Auftakt fuhr seine Equipe zwar nur auf den dritten Rang. Weil er auf dem letzten Abschnitt mit dem Anstieg zum Hausberg Monjuïc und danach zum Olympiastadion die beste Zeit fuhr, übernahm er das gepunktete Trikot für den besten Bergfahrer. «Die gute Nachricht ist: Ich habe Kletterbeine», sagt er danach lakonisch.

Auch der zweiten, hügeligen Etappe drückte Pogacar seinen Stempel. Den Sieg überliess er letztlich seinem Edelhelfer Isaac del Toro. Kaum jemand bezweifelt, dass er den Mexikaner nicht noch hätte übersprinten können, so aufreizend lässig scherte er auf den letzten Metern aus und blickte sich um, ob nicht doch noch ein Herausforderer Del Toro abfangen könnte.

Pogacar im gepunkteten Trikot gratuliert seinem Teamkollegen Isaac Del Toro zum Sieg.
Bild: AP / Mosa'ab Elshamy

Am Geschenk scheiden sich die Geister: War es selbstlos, weil er Del Toro so sehr schätzt? Schlau, weil er sich mit der Geste dessen Loyalität in den Bergen sicherte und der Konkurrenz zugleich die Botschaft vermittelte, wie viel besser er ist? Oder arrogant, weil er es sich offenbar leisten kann, beim bedeutendsten Radrennen der Welt auf einen Sieg zu verzichten?

Wobei Pogacar sich früher auch schon mit dem Vorwurf konfrontiert sah, keine Chance auf einen Sieg ungenutzt verstreichen zu lassen. Wie auch immer: Tags darauf verteilte der zweifache Weltmeister keine Geschenke und gewann das dritte Teilstück mit einem zerstörerischen Bergaufsprint.

In der dritten Etappe schlug Tadej Pogacar erstmals zu und feierte seinen 22. Tagessieg bei der Tour de France.
Bild: AP / Mosa'ab Elshamy

Pogacars frühster Etappensieg

So früh in der Rundfahrt hat er noch nie eine Etappe für sich entschieden. In den beiden vergangenen Jahren schlug Pogacar jeweils erst am vierten Tag erstmals zu. Inzwischen steht er bei 22 Erfolgen. Nur vier Fahrer liegen in dieser Wertung jetzt noch vor ihm, wobei Mark Cavendish (35) und Eddy Merckx (34) in diesem Jahr selbst für ihn ausser Reichweite liegen dürften.

Zwar dominiert Pogacar bisher, dennoch liegen die Herausforderer bisher noch in Schlagdistanz. Allen voran der zweifache Sieger Jonas Vingegaard aus Dänemark, der zeitgleich klassiert ist; aber auch Remco Evenepoel (23 Sekunden Rückstand) aus Belgien, der Spanier Juan Ayuso (24 Sekunden) und das 19-jährige französische Wunderkind Paul Seixas (48 Sekunden).

Frankreichs Paul Seixas überzeugt bei seinem Debüt bisher.
Bild: EPA / Yoan Valat

Kräftemessen am Tourmalet

Am Donnerstag führt die Strecke in die Pyrenäen über den Col d'Aspin, dann über den 2115 Meter hohen Col du Tourmalet. 17,1 Kilometer ist der Anstieg über den Wintersportort La Mongie lang, die durchschnittliche Steigung beträgt 7,3 Prozent. Danach folgt eine 20 Kilometer lange Abfahrt, bevor mit dem Schlussanstieg nach Gavarnie-Gèdre die erste Bergankunft wartet. Sie ist 18,7 Kilometer lang und im Durchschnitt 3,7 Prozent steil.

Hier werden die Aspiranten auf den Gesamtsieg ihre Karten erstmals auf den Tisch legen müssen. Obwohl Pogacar das Rennen bisher kontrolliert, sehen sich seine Herausforderer auf Kurs. Die beiden kurzen Anstiege der zweiten und dritten Etappe waren dem explosiven Slowenen auf den Leib geschneidert, nicht aber seinem ewigen Rivalen Jonas Vingegaard.

Pogacars Rivale Jonas Vingegaard sieht sich auf Kurs.
Bild: AP / Yoan Valat

Vingegaard bleibt gelassen

Tatsächlich habe er nicht damit gerechnet, zu diesem Zeitpunkt gleichauf klassiert zu sein, «Wir waren davon ausgegangen, dass ich etwas mehr Zeit verlieren würde», sagt der Däne. Er trägt die Überzeugung in sich, dass die Tour de France nicht in Sekunden, sondern in Minuten entschieden wird.

Bislang hat Tadej Pogacar das Rennen nach Belieben dominiert – mal mit einer Machtdemonstration, mal mit einem Geschenk. In den Pyrenäen wird sich nun erstmals zeigen, ob hinter der demonstrativen Leichtigkeit tatsächlich die Überlegenheit steckt, die seine Konkurrenten fürchten.

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