
Es braucht schon viel Fantasie, sich Tadej Pogacar in diesem Sommer nicht als Sieger der Tour de France vorzustellen, so dominant fährt der Slowene in diesem Jahr. Elfmal sass er in diesem Jahr bisher im Sattel, achtmal erreichte er das Ziel als Sieger, davon viermal bei der Tour de Romandie. Dabei, so ist zu befürchten, war er noch weit von seiner Bestform entfernt.
Bei den Klassikern wies er meist die Spezialisten in die Schranken: Pogacar gewann erstmals Mailand–Sanremo, die Flandern-Rundfahrt und Lüttich–Bastogne–Lüttich; bei Paris–Roubaix musste er sich lediglich im Sprint mit Rang zwei begnügen. Um dort konkurrenzfähig zu sein, hatte er sich gezielt drei Kilogramm Muskelmasse antrainiert. Bis zum 4. Juli, dem Start der Tour de France in Barcelona, sollen diese wieder verschwinden, damit er in den Bergen mit möglichst geringem Gewicht unterwegs ist.

Vingegaard und Evenepoel meiden Duell
Klar, Tadei Pogacar kann krank werden, er kann stürzen, einen schlechten Tag einziehen – in drei Wochen lauern viele mögliche Hindernisse. Doch ist der 27-Jährige im Vollbesitz seiner Kräfte, führt der Weg bei der Tour de France über ihn, zum dritten Mal in Folge, zum fünften Mal insgesamt.
Daran hindern wollen ihn viele: der zweifache Sieger Jonas Vingegaard, der davor beim Giro d'Italia die letzte ihm noch fehlende der drei Grand Tours gewinnen will. Oder der Belgier Remco Evenepoel, der auf diese Saison hin zum deutschen Team Red Bull-Bora-Hansgrohe gewechselt ist.

Seixas soll Bernard Hinault beerben
Allen voran aber: Paul Seixas, 19-jährig, Aufsteiger des Jahres. Zwar steht er erst im zweiten Profijahr und hat noch keine dreiwöchige Landesrundfahrt bestritten. Doch er liefert Leistungen ab, die Frankreich träumen lassen. Seit der Vuelta a Espana 1995 (Laurent Jalabert) wartet die Radsportnation auf einen Gesamtsieg bei einer Grand Tour. Noch weiter zurück liegt der letzte Erfolg bei der Tour de France, als Bernard Hinault 1985 triumphierte.
Seit Montag ist klar: Seixas tritt bei der Tour de France an – und fordert Pogacar mit grossen Tönen heraus. Es entspreche nicht seiner Mentalität, nur an den Start zu gehen, um Erfahrungen zu sammeln. Er sei «bereit» und werde sich «ehrgeizige Ziele» stecken. Was soll er auch sonst sagen, nachdem er die Baskenland-Rundfahrt und Flèche-Wallonne gewonnen hat und bei Strade Bianche und Lüttich-Bastogne-Lüttich der einzige gewesen ist, der Sieger Pogacar einigermassen Paroli bieten konnte.

Jüngster Teilnehmer seit 1937
Mit seinen 19 Jahren, 9 Monaten und 10 Tagen am Tag der ersten Etappe wird Seixas der jüngste Teilnehmer der Tour de France seit Adrien Cento 1937. Pogacar war drei Jahre älter, als er 2020 erstmals am Start stand - und bei seiner Premiere gewann. Seine erste Grand Tour hatte er im Jahr davor bestritten, als er bei der Spanien-Rundfahrt Dritter geworden war.
Seixas sagt: «Mein Alter ist weder Hindernis noch Ausrede.» Mit der Teilnahme gehe für ihn «ein Kindheitstraum in Erfüllung», wie er sagte.
Nun ist es nicht so, dass Tadej Pogacar in Ehrfurcht verfallen würde, zu dominant, zu überlegen, zu reif fährt er derzeit. Doch Respekt hat er, das schon. «Wir werden weiter hart arbeiten, in den nächsten Jahren so viel wie möglich zu gewinnen, bis er alle zerstört», sagte der Slowene über Seixas: «Dass Paul bereits mit 19 Jahren auf so hohem Niveau mithalten kann, motiviert alle anderen, sich weiter zu verbessern.» Also auch ihn.

Kein Duell mehr bis im Juli
Zwei Monate dauert es noch bis zum Start der Tour de France. Ein direktes Duell wird es bis dahin nicht mehr geben. Während Seixas Anfang Juni die Tour Auvergne-Rhône-Alpes (vormals Critérium du Dauphiné) bestreitet, macht Pogacar Mitte Juni erstmals der Tour de Suisse seine Aufwartung.
Zwei andere Wege wählen die weiteren Herausforderer: Jonas Vingegaard bestreitet den Giro d'Italia (ab 8. dem Mai), während Remco Evenepoel gar keine Rennen mehr fährt, stattdessen ins Höhentrainingslager reist und in Frankreich einzelne Etappen rekognosziert. Ursprünglich war vorgesehen gewesen, dass der Belgier an der Tour Auvergne-Rhône-Alpes teilnimmt.
Doch letztlich verdichtet sich alles auf ein anderes Duell, das den Radsport in den kommenden Jahren elektrisieren soll. Jenes zwischen Dominator Tadej Pogacar und seinem furchtlosen Herausforderer Paul Seixas.


Kommentare
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien, die Kommentare werden von uns moderiert.
Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare geschrieben.