notifications
Mitgehört

«Achtung, Zeidler steht im Feld»: So läuft die Kommunikation zwischen Schiedsrichter und VAR in der Super League

Beim Spiel Servette gegen Lausanne machte der Schweizerische Fussballverband die Kommunikation des Schiedsrichterteams öffentlich. So wurde ersichtlich, wie Sandro Schärer zu seinen Kollegen und den Spielern spricht.
Miguel Mardochée sieht von Sandro Schärer bei seinem Startelfdebüt für eine Schwalbe Gelbrot.
Bild: Pascal Muller/freshfocus

«Keine Diskussion, klare Schwalbe. Geht weg, ich erkläre es dem Captain. Bist du Captain? Geh weg. Das ist 5. Liga, hier spielen wir Profifussball. Mach deinen Mitspieler dafür verantwortlich, nicht mich.» Mit diesen Wortfetzen spricht Fifa-Schiedsrichter Sandro Schärer am Mittwochabend zu den protestierenden Servette-Spielern. Das 18-jährige Eigengewächs Miguel Mardochée hatte soeben für eine Schwalbe in der 37. Minute Gelbrot gesehen.

Wir bekommen mit, was Schärer mit seinen Assistenten und VAR Sven Wolfensberges und dessen Team in Volketswil bespricht, weil der Schweizer Fussballverband im Haus des Fussballs in Bern zum Mithören der Kommunikation der Schiedsrichter eingeladen hat.

Die VAR-Bilder, die von einem Operator aus sieben Kameras zu einem vierteiligen Spiltscreen zusammengestellt werden, laufen drei Sekunden verzögert zum Live-Bild, damit kritische Szenen direkt zweimal beäugt werden können.

So sieht der Screen aus, den der VAR anschaut.
Bild: GAETAN BALLY

«Jetzt bist du im Programm», sagt Wolfensberger zu Schärer, als dieser kurz vor Anpfiff im TV-Bild zu sehen ist. Während des Spiels sind dann vor allem Schärer und seine Assistenten zu hören. Die Schiedsrichter kommunizieren hauptsächlich über englische Codewörter wie Play on, Touch, Back, Wait oder Delay the Game, wenn eine kritische Situation noch überprüft werden muss. Gleichzeitig arbeiten VAR und AVAR ihr Protokoll ab und nennen jede mögliche Szene, die sie im Falle eines Einschreitens überprüfen sollten. Um in Kontakt mit dem Schiedsrichter im Stadion zu treten, betätigt der VAR einen Knopf.

«Bei Schärer reduziert sich die interne Kommunikation auf das Minimum» sagt Sascha Amhof, der als Leiter Ressort Schiedsrichter durch den Abend führt. In der elften Minute gibt es die erste kritische Szene. «Mögliches Handspiel. Meine Sicht war blockiert. Ich habe es nicht gesehen», sagt Schärer. Kurz darauf meldet der VAR: «Hand war angelegt, natürliche Bewegung, kein Elfmeter. Check complete.»

Mindestens genauso spannend wie die interne Kommunikation sind Schärers Gespräche mit den Spielern. Wobei das kaum Gespräche sondern viel mehr harsche Anweisungen sind. Schärer ist sehr direkt zu den Spielen und signalisiert, dass er sich auf keine Diskussionen einlassen will. «Willst du Gelb? Eins, zwei.» Dann dreht der reklamierende Brandon Soppy ab und Schärer erklärt Captain Olivier Custodio seine Entscheidung.

«Du machst Theater, behalte die Bodenhaftung»

Auch das Spiel wird vom Schiedsrichter ständig kommentiert. «Du machst Theater, behalte die Bodenhaftung mein Freund», sagt Schärer zu Florent Mollet, als dieser im Strafraum einen Elfmeter sucht. Auch ein Stöhner, als er zu einem Sprint gezwungen wird oder ein «Eieiei», als ein Servette-Akteur im eigenen Strafraum eine Bogenlampe macht, sind von Schärer zu hören.

«Achtung Zeidler steht im Feld», meldet dann der VAR dem vierten Offiziellen, der den Lausanne-Trainer umgehend zurück in seine Coaching-Zone komplementiert.

Unterdessen läuft bereits die zweite Halbzeit, ohne dass Schärer einen Fehler begangen hat. In der 64. Minute hört man ihn erst vor einem Freistoss von der Seite laut jeden Meter Abstand bis zur Mauer zählen. Im Anschluss liegt der Ball im Netz. «Eigentor, kein Abseits», sagt Schärer und wird nur Sekunden später vom VAR bestätigt. 1:0 für Lausanne.

Servette-Topskorer Florian Ayé trifft kurz nach seiner Einwechslung per Kopf ins eigene Tor.
Bild: Pascal Muller/freshfocus

In der 80. Minute sorgt Schärer für Schmunzler: «Guillemenot kommt, pass auf.» Doch der Genfer Stürmer, der gerne Elfmeter schindet, kommt nicht in eine brenzlige Situation. In der Nachspielzeit weist Schärer noch Souleymane NDiaye an, aufzustehen und keine Zeit zu schinden, was dieser tatsächlich macht. Dann pfeift er nach 93. fehlerfreien Minuten ab.

Ein «Grazie», ist bei der Verabschiedung noch zu hören. Dann wird die Verbindung gekappt und Schiedsrichterchef Daniel Wermelinger sagt: «Wir sind froh, dass wir heute einen fehlerfreien Schiedsrichter gesehen haben.» Es war wohl auch kein Zufall, dass mit Schärer der beste Schweizer Schiedsrichter das Mithörspiel geleitet hat.

Wermelinger übt Kritik an den Leistungen der Hinrunde

Viele seiner Kollegen agieren nicht ganz so souverän. Das weiss auch Wermelinger, der den Anlass zuvor auch nutzte, um eine Hinrunden-Bilanz zu ziehen. Er sagt: «Wir hatten Spiele, die wirklich nicht gut waren. Bei Basel gegen YB, als Xherdan Shaqiri vor dem Handspiel, das zum Elfmeter führte, im Abseits stand, genügten Assistent und VAR unseren Ansprüchen nicht.» Auch bei Thun gegen Sion hätte gemäss des Chefs der Schweizer Schiedsrichter das Stossen gegen Numa Lavanchy im Strafraum detektiert werden müssen. Und auch in der Challenge League suche man die zweite gelbe Karte beim Spitzenspiel Vaduz gegen Aarau für eine Schwalbe von Marcin Dickenmann wohl immer noch.

Doch es gab auch weitere ärgerliche Szenen, die Wermelinger nicht nennt. Zum Beispiel die kumulierte 15-Minuten-VAR-Unterbrechung bei YB gegen GC, das vermeintliche Handspiel bei St. Gallen gegen FCZ oder der falsche Elfmeter und eine ausgebliebene rote Karte bei Luzern gegen Basel.

Alessandro Dudic musste beim 2:6 zwischen YB und GC mehrfach zum Bildschirm. Das Spiel verzögerte sich kumuliert um 15 Minuten.
Bild: Freshfocus/Claudio De Capitani

Auch bei den Spielen stehen die Schweizer Schiedsrichter in der Kritik. In einer Umfrage von «20 Minuten» mit 48 Super-League-Spielern antworteten zehn auf die Frage, wer der beste Schiedsrichter sei: keiner. Sandro Schärer erhielt als Gewinner dieser Umfrage nur zwei Stimmen mehr. Von den anderen bekam mit Urs Schnyder (5) nur noch einer mehr als drei Stimmen.

Auch die Zahlen sprechen für eine Negativtendenz der Schweizer Schiedsrichterleistungen. In der Saison 2023/24 griff der VAR noch 74-mal ein. In der Vorsaison stieg dieser Wert auf 101. Jetzt liegt die Zahl bei Halbzeit der Saison 2025/26 bereits bei 75 Interventionen. 51-mal wurde der Schiedsrichter vom VAR zum Bildschirm gebeten, 24-mal korrigierte der VAR eine Abseitssituation.

Daniel Wermelinger pfiff früher selbst in der Super League und leitet jetzt das Ressort Spitzenschiedsrichter beim Schweizer Fussballverband.
Bild: Freshfocus/Claudio Thoma

Trotz der vielen Fehler blickt Wermelinger zuversichtlich in die Zukunft: «Wir haben nicht das Punktemaximum geholt. Aber wir stehen im vorderen Drittel der Rangliste und überwintern international.» Wermelinger freut vor allem, dass die Schweiz mit Schärer und Schnyder auch 2026 zwei Unparteiische stellt, die Champions League pfeifen.

Sandro Schärer pfiff im Sommer 2025 den Nations-League-Final zwischen Spanien und Portugal.
Bild: Imago/Mikolaj Barbanell

Der VAR kostet die Schweizer Super League pro Saison knapp 900'000 Franken. Zu den langen Spielunterbrechungen, welche der VAR verursacht und viele Fans nervt, sagt Wermelinger: «Das Thema Unterbrüche ist für uns nicht so relevant. Wir wollen möglichst wenig Fehler machen. Deswegen arbeiten wir hart mit den Schiedsrichtern, dass sie im Stadion richtig entscheiden. Es muss das Ziel sein, möglichst wenige Interventionen zu haben.»

Mehr zum Thema:

Kommentare (0)