
Der Vorhang fällt, doch Stan Wawrinka bleibt auf der Bühne. Am Montag erhob sich Basel für ihn, am Dienstag kehrt er zurück. Noch einmal den Ball in der Hand, den Blick übers Netz, der Wurf zum Aufschlag, das weite Ausholen zu seiner einhändigen Rückhand. Bilder eines Abschieds.
Noch bevor Stan Wawrinka am Dienstag gegen den Tschechen Jiri Lehecka (24, ATP 21) um Punkte spielt – vielleicht zum allerletzten Mal – bekommt er in der St. Jakobshalle beim Heimturnier bereits seinen Schlussapplaus.

Djokovic, Hingis und Cologna im Publikum
Um 19.30 Uhr betrat Wawrinka die restlos gefüllte Halle. Mehr als 9000 Zuschauende erhoben sich, der Applaus wollte nicht enden. Immer wieder legte Wawrinka seine rechte Hand auf die linke Brust, wo das Herz schlägt. Turnierdirektor Roger Brennwald überreichte ihm einen goldenen Ball und würdigte ihn als einen, der Schweizer Sportgeschichte geschrieben habe.
Durch «Merci Stan» führte Sven Epiney, auf den Grossbildschirmen liefen Bilder aus Wawrinkas Karriere, unter den Gästen waren Novak Djokovic, Martina Hingis und Dario Cologna. Vater Wolfram filmte mit dem Handy. Mittendrin der 41-Jährige, alle Blicke auf sich gerichtet. Emotional war es, Tränen aber flossen keine. Wawrinka fühlte sich wohl im Rampenlicht.

Das war nicht immer so. Wawrinka wuchs auf einem Bio-Bauernhof im 700-Seelen-Dorf Saint-Barthélemy auf, zwischen Kühen, Schafen und Hühnern. Später besuchte er die Rudolf-Steiner-Schule in Crissier. Nach Siegen verschwand Wawrinka jeweils rasch in der Kabine, Bilder von sich sah er nur ungern: «Das hat etwas Selbstverliebtes.» Bescheiden, gradlinig, introvertiert – so suchte er seinen Weg in der glamourösen Tenniswelt.
War Wawrinka in der Schweiz, verliess er kaum die eigenen vier Wände. Dann gewann er 2014 in Melbourne die Australian Open, sein erstes von drei Grand-Slam-Turnieren. «Damit hat ein neues Leben begonnen», sagte er danach. Plötzlich konnte ihn keiner mehr übersehen. Das Tennis, sagte Wawrinka einmal über sich, habe ihm geholfen, sich der Welt zu öffnen.

Neben dem Platz blieb Wawrinka zurückhaltend, auf dem Court war davon wenig zu spüren. Sein Spiel hatte enorme Wucht: der schwere Aufschlag, die brachiale Vorhand und vor allem diese einhändige Rückhand, mit der er selbst die Besten zurückdrängte. Dreimal führte ihn dieses Spiel zu einem Grand-Slam-Titel: 2014 in Melbourne, 2015 in Paris, 2016 in New York. Von nun an war er einer, den man nicht mehr übersehen konnte.
Nun richtet sich bei den Swiss Indoors Basel noch einmal alles auf ihn. Von jetzt an kann er sein Ende nur noch hinausspielen. Ein Sieg am Dienstag schenkt ihm einen weiteren Auftritt, eine Niederlage beendet die Karriere.
Wawrinkas viele letzte Male
Dieser letzte Akt dauert schon viele Monate an. Kurz vor Weihnachten des vergangenen Jahres hatte er angekündigt, Ende Saison aufzuhören. Seither war jedes grosse Turnier auch ein Abschied. Paris, Wimbledon, New York: Überall trat Wawrinka zum letzten Mal auf. Doch dort verabschiedete er sich nur von einer Bühne. In Basel verabschiedet er sich vom Tennis.
Ausgerechnet Wawrinka, der das Rampenlicht so lange gemieden hatte, kündigte seinen Abschied ungewohnt früh an. Er schenkte der Tenniswelt damit ein ganzes Jahr, um sich gebührend von ihm zu verabschieden. Und aus dem einen grossen Abschied wurden damit viele kleine letzte Male.

Federer meldet sich mit Videobotschaft
Roger Federer verweigerte diesen letzten Akt. Dabei hätte gerade Basel die naheliegendste Bühne für seinen Abschied geboten: jene Halle, in der er einst Balljunge gewesen war und später zum Rekordsieger avancierte. Federer wollte keinen letzten Auftritt in Basel. Bei Wawrinkas Abschied ist er nicht in der Halle. Er meldet sich wie andere in einer Videobotschaft.
Wawrinka machte es anders. Sein Abschied war kein Schnitt, sondern ein langsames Loslassen. Noch einmal Melbourne. Noch einmal Paris. Noch einmal Wimbledon. Noch einmal New York. Noch einmal Basel. Immer wusste der 41-Jährige: Anderswo würde es weitergehen. Nun nicht mehr.
Basel ist Endstation. Jeder Sieg verlängert die Karriere um einen Match. Irgendwann wird der Romand Matchball gegen sich haben. Vielleicht folgt noch ein Aufschlag, noch eine einhändige Rückhand. Verliert er den Punkt, fällt der letzte Vorhang. Stan Wawrinka verlässt die Bühne. Endgültig.


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