Swiss Indoors Basel

Stan Wawrinka kämpft vor Abschied mit seinen Emotionen: «Was bleibt, ist Melancholie»

Stan Wawrinka spielt in Basel sein letztes Turnier. Er spricht über die Melancholie des Abschieds, die Opfer seiner Karriere – und das Glück, selbst bestimmen zu können, wann Schluss ist.

Oft entscheiden die Rangliste oder ein jüngerer Gegner, meistens aber der eigene Körper, wann es Zeit ist, aufzuhören. Die grössten Siege stehen nicht immer auf der Anzeigetafel. Manchmal liegt der grösste darin, selbst wählen zu können, wann der letzte Punkt gespielt ist. Stan Wawrinka ist 41. Sein Körper trägt ihn noch, sein Tennis begeistert noch immer und fordert die Besten. Nun spielt er noch einmal in Basel, vor seinem Publikum.

Hinter ihm liegt eine Karriere, die weit grösser wurde, als er zu träumen gewagt hatte, als er als 14-jähriger nach Barcelona zog: drei Grand-Slam-Titel, Olympiagold mit Roger Federer, der Davis-Cup-Sieg mit der Schweiz, Platz 3 der Weltrangliste – und zwei Jahrzehnte in der Weltspitze.

Am Tag vor seiner Verabschiedung sitzt Stan Wawrinka in Basel mit einer Handvoll Journalisten in einem kleinen Raum. Es wird ein Gespräch mit langen Pausen. Immer wieder senkt er den Blick, denkt lange nach, bevor er antwortet. Einmal stockt seine Stimme, die Augen werden feucht. Für einen Moment scheint alles sehr nahe: die 25 Jahre als Profi, die Triumphe und Niederlagen – und das Wissen, dass es bald wirklich vorbei ist.

Stan Wawrinka, wenn Sie heute auf den Jungen zurückblicken, der Sie einmal waren: Was würden Sie ihm sagen?

Stan Wawrinka: Ich würde ihm sagen: Ändere nichts. Ich bin mit einem Lächeln gegangen, mit der Lust, zu versuchen, eine Karriere in einem schwierigen Sport zu machen. Ohne mir das Ziel zu setzen, ganz oben anzukommen. Aber mir auch nicht die Barriere zu geben. Ich wollte einfach besser werden und schauen, wohin mich mein Weg führt. Dieses Lächeln habe ich mir bewahrt.

Wenn man Ihre Karriere verfilmen würde, welchen Titel würde dieser Blockbuster tragen?

(Denkt lange nach). Sicher müsste das Wort Leidenschaft vorkommen. Meine Karriere ist auf meiner Leidenschaft fürs Tennis aufgebaut. Über 20 unglaubliche Jahre waren das. Ich bin enorm stolz, wohin mich diese Eigenschaft geführt hat.

Sie tragen ein Zitat von Samuel Beckett als Tattoo auf der Haut: «Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.» Was bedeutet Ihnen dieser Satz heute?

Es verkörpert für mich im Leben wie im Sport die Haltung, mit der ich meinen Weg gehen wollte. Im Tennis gewinnt man nie jeden Punkt. Deshalb muss man auch in Niederlagen Positives sehen können, trotz aller Enttäuschung. Ich liess mir das Tattoo am 28. März 2013, an meinem 28. Geburtstag, in Lausanne stechen. Damals lagen zwei grosse Enttäuschungen hinter mir: die Achtelfinal-Niederlage gegen Novak Djokovic bei den Australian Open und die Niederlage gegen Tschechien im Davis Cup. Danach wurde das Tattoo zu meiner Superkraft (lacht). Es ist etwas sehr Persönliches, das mich begleitet.

Was werden Sie am Leben als Tennisspieler am meisten vermissen?

Es gibt so vieles. Aber vielleicht ist das Schönste, dass Tennis für mich immer ein Spiel geblieben ist. Man beginnt als Kind, weil man spielen will – und irgendwann wird daraus ein Beruf. Die Welt zu bereisen, vor Zuschauern und bei den grössten Turnieren zu spielen und davon leben zu können, ist ein unglaubliches Privileg. Ich habe das nie als Zwang empfunden. Natürlich hat dieses Leben auch seinen Preis: Zehn Monate im Jahr unterwegs zu sein, bedeutet, dass man bei vielen Momenten nicht dabei ist. Geburtstage, gemeinsame Abende, Zeit mit der Familie und mit Freunden – Dinge, die sich nicht nachholen lassen. Das war der Preis, den ich für dieses Leben bezahlt habe.

Was erfüllt Sie mit Stolz, wenn Sie auf Ihren Weg zurückblicken?

(Denkt lange nach). Dass ich bis 41 spielen konnte. Dass ich mir die Freude am Tennis bewahrt und nie die Leidenschaft dafür verloren habe. Am meisten bedeutet mir aber die Unterstützung, die ich überall erfahre – gerade jetzt, in meinem letzten Jahr. Diese Zuneigung zeigt mir, dass die Menschen gespürt haben, wie ich meine Karriere gelebt habe: mit Hingabe, mit Leidenschaft, mit ganzem Herzen. Ich habe all das mit dem Publikum und der Tenniswelt geteilt. Zu spüren, wie viel davon jetzt zurückkommt, berührt mich tief.

Warum, glauben Sie, haben die Menschen Sie überall auf der Welt so sehr ins Herz geschlossen?

Ich glaube, die Menschen haben gesehen, dass ich mir meinen Platz erkämpft habe – in einer Generation mit Roger Federer, Rafael Nadal und Novak Djokovic. Ich war nicht wie sie, ich hatte meine eigene Geschichte. Ich ging meinen Weg mit sehr viel Leidenschaft, Arbeit und Verzicht. Dabei bin ich immer ich selbst geblieben, mit meinen guten und meinen schlechten Seiten. Ich habe nie versucht, jemand anderes zu sein. Ich glaube, das haben die Menschen gespürt.

Mit welchen Gefühlen gehen Sie in Ihre letzten Spiele hier in Basel?

Mit gemischten Gefühlen. Da ist natürlich Traurigkeit, aber genauso viel Freude und Dankbarkeit, noch einmal hier zu sein und meine Karriere bei einem Heimturnier beenden zu dürfen. Ich versuche nicht, diese Emotionen zu kontrollieren oder zu verdrängen. Ich will sie zulassen, so wie sie kommen. Sie gehören zu diesem Abschied – nach all den Jahren, in denen Tennis mein Leben bestimmt hat.

Sie haben all diese Emotionen über zwei Jahrzehnte erlebt – die Anspannung vor einem Spiel, den Druck, die Freude. Haben Sie Angst vor dem Moment, in dem all das plötzlich nicht mehr da ist?

Nein, Angst macht mir das nicht. Es macht mich traurig. Wenn man etwas liebt, möchte man nicht, dass es endet. Es ist wie bei einem sehr guten Film: Man weiss, dass der Abspann kommt, und würde trotzdem gerne weiterschauen. Aber ich bin darauf vorbereitet. Als Sportler weiss man, dass dieser Moment irgendwann kommt. Dass ich mein letztes Jahr gesund spielen und selbst entscheiden konnte, wann Schluss ist, macht mich dankbar. Die vergangenen Jahre waren schwieriger, ich habe weniger gewonnen. Aber vielleicht haben sie mir geholfen, mich langsam von diesem Leben zu verabschieden. Ich kann aufhören im Wissen, dass ich nicht mehr der Spieler bin, der ich einmal war. Was bleibt, ist keine Angst. Es ist Melancholie.

Wie gehen Sie mit dem Gedanken um, dass nun jede Routine, jeder Gang auf den Platz, jedes Spiel ein letztes Mal sein könnte?

Natürlich ist dieses Turnier anders. Aber solange ich spiele, bleibt alles wie immer: Ich trainiere, bereite mich vor, konzentriere mich auf mein nächstes Spiel. Bis zum letzten Punkt bin ich Tennisspieler. Für den Abschied selbst habe ich nichts Besonderes geplant. Meine Familie und viele Freunde werden hier sein – Menschen, die mich durch meine Karriere begleitet haben. Dass sie bei diesem letzten Turnier, dazu hier in der Schweiz, dabei sind, bedeutet mir viel.

Was bedeutet es Ihnen persönlich, dass sich der Kreis ausgerechnet hier schliesst – in Basel, vor Ihrem Heimpublikum?

Es bedeutet mir sehr viel. Mit diesem Turnier verbinde ich so viele Erinnerungen – schöne Momente, aber auch grosse Enttäuschungen. Basel war über all die Jahre ein Teil meiner Geschichte. Dass sich hier nach 25 Jahren der Kreis schliesst ist für mich ein Geschenk.

Wie schwierig war es zuletzt, den Körper auf diesem Niveau zu halten?

Gerade in den letzten Jahren musste ich körperlich und mental noch mehr investieren, um dieses Niveau zu halten. Die Balance wurde immer schwieriger: hart genug zu trainieren, um konkurrenzfähig zu bleiben, und dem Körper gleichzeitig die Zeit zu geben, die er zur Erholung brauchte. Dass ich das geschafft habe, erfüllt mich mit Dankbarkeit.

Sie blieben bis zum Schluss konkurenzfähig, was bedeuten Ihnen das?

Sehr viel. Ich hatte immer diese Leidenschaft fürs Training. Stolz ist vielleicht das falsche Wort. Es war ein grosses Ziel, dieses letzte Jahr nach meinen Vorstellungen spielen zu können. Nicht wegen einer Verletzung aufhören zu müssen, sondern gesund und kompetitiv. Ich habe weniger gewonnen, als ich mir erhofft hatte. Aber ich konnte in jedes Spiel gehen mit dem Gefühl: Ich bin noch da.

Was wollen Sie bei Ihrem letzten Turnier sportlich noch erreichen?

Mein Ziel ist ganz einfach: Ich will mein erstes Spiel gewinnen (lacht).

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