Trainingsbestzeiten sind im Ski-Weltcup in aller Regel mit Vorsicht zu geniessen. Die Topfahrer ziehen selten von Start bis Ziel voll durch, Druck sowie Atmosphäre im Training sind ohnehin nicht vergleichbar mit dem Renntag. Doch in dieser Woche in Wengen legen sich sämtliche Experten fest: Die Bestzeiten in beiden Abfahrtstrainings von Giovanni Franzoni sind eine Ansage für den Ernstfall. Nicht wegen der Zeit, sondern wegen der Art, wie der Italiener in den Trainings die schönste Speedstrecke der Welt meistert. Ohne Wackler, ohne Schläge – wie auf Schienen und ein Genuss zum Anschauen.
Einen vermeintlichen Rückschlag erlebt der 24-Jährige dann an der Startnummernauslosung für den Super-G: Er zieht die Nummer 1 – die unbeliebteste in dieser Disziplin. Da es im Super-G keine Trainings gibt und die Fahrer die Torabfolge erst während der Besichtigung einige Stunden vor Rennstart erfahren, begibt sich die Nummer 1 auf eine Art Blindflug. Und oben im Starthaus schauen die Athleten mit den späteren Startnummern ganz genau hin und ziehen wichtige Schlüsse für ihre Fahrten. Auch statistisch wird der Nachteil der Startnummer 1 im Super-G belegt: Äusserst selten landet sie auf dem Podest, der bis dato letzte Sieg einer Startnummer 1 datiert vom Februar 2020 (Vincent Kriechmayr in Hinterstoder).

Doch Giovanni Franzoni widerlegt sechs Jahre später nicht nur die Regel, dass Trainingsbestzeiten keinen Wert haben, sondern bricht gleich auch noch den «Fluch» der Nummer 1. Kein Fahrer kommt an die praktisch perfekte Fahrt Franzonis heran, der nach seinem Husarenritt mit Nasenpflaster und Hipster-Sonnenbrille immer ungläubiger zur Resultattafel blickt.
Den meisten seiner Konkurrenten wird der «Canadian Corner» zum Verhängnis, auch den Schweizer Topcracks: Franjo von Allmen verhindert an dieser Stelle nur knapp einen Abflug, ist bei der zweitletzten Zwischenzeit sensationell gleichauf mit Franzoni, ehe er im Ziel-S die letztlich 37 Hundertstel Rückstand anhäuft. «Es war ein blöder Fehler, ich habe gewusst, dass es dort Geduld braucht. Aber ich habe ein Ausscheiden oder Schlimmeres verhindert, also ist Rang 3 sehr gut.»
Direkt hinter Lokalmatador von Allmen, der zwei Täler neben Wengen aufgewachsen ist, beendet Marco Odermatt das Rennen. Von aussen ist man angesichts von Odermatts seit Jahren anhaltender Dominanz versucht, einen vierten Rang als Enttäuschung zu bezeichnen. Was im Skiweltcup, wo Hundertstelsekunden entscheiden, natürlich Quatsch ist. Und sowieso aufgrund der Tatsache, dass Odermatt nun 28 Mal in Folge einen Super-G in den Top 7 beendet hat.
Der Nidwaldner jedenfalls lässt verlauten, dass er sehr zufrieden sei: «Wenn ich den Fehler im Kernen-S nicht mache, fahre ich um den Sieg mit.» Eine sympathische Geste von Odermatt fangen die TV-Kameras im Zielbereich ein: Als der Schweizer in die Leaderbox zu Franzoni geht, sagt er ihm: «Gratulation! Als ich deine Fahrt gesehen habe, dachte ich mir: Das könnte der Sieg sein.»
Viel eher Grund zur Enttäuschung haben andere Schweizer, etwa Justin Murisier: Der fährt in jeder Saison mindestens ein Topresultat heraus, in diesem Jahr aber kommt er überhaupt nicht auf Touren. Rang 28 und die bittere Erkenntnis, dass dem Romand im Kampf um einen Olympia-Startplatz langsam aber sicher die Felle davonschwimmen. Diese Sorge hat Alexis Monney (19.) nicht, doch in Wengen kann auch er nicht überzeugen und bestätigt seine Aussage im Vorfeld: «Ich glaube, die Lauberhorn-Piste mag mich nicht.»

Die Bühne gehört am ersten von drei Renntagen in Wengen also für einmal nicht nur den Schweizern. Mindestens genauso gefragt ist Überraschungsmann Franzoni. Bei seinem Siegdebüt im Weltcup darf er sich sogleich Lauberhorn-Gewinner nennen. «Ich geniesse das jetzt einfach in vollen Zügen. Auf dieser legendären Strecke den ersten Sieg zu holen, ist wunderschön», frohlockt er, als der erste italienische Sieg in Wengen seit 2013 feststeht.

Apropos Abfahrt: Nach seinen Trainingsfahrten und seinem Triumph auf dem Super-G-Kurs, der viele Abfahrtselemente beinhaltete, ist Franzoni umso mehr ein Sieganwärter in der Königsdisziplin, obwohl in dieser ein 8. Rang sein Bestergebnis ist. Der Rahmen aber wird dann nochmals ein anderer sein: Nach den 20'000 Skifans am Freitag werden am Samstag mindestens doppelt so viele ans Lauberhorn reisen, Stimmung und Anspannung am Start sind nicht vergleichbar mit dem Super-G. Und dann ist da noch die Kampfansage von Vorjahressieger Marco Odermatt: «Die Abstimmung meines Materials und mein Grundspeed stimmen mich sehr zuversichtlich für die Abfahrt.»
1. Giovanni Franzoni (ITA) 1:45,19. 2. Stefan Babinsky (AUT) +0,35. 3. Franjo von Allmen (SUI) +0,37. 4. Marco Odermatt (SUI) +0,53. 5. Raphael Haaser (AUT) +0,68. - weitere Schweizer: 7. Stefan Rogentin +0,91. 19. Alexis Monney +2,30. 22. Loïc Meillard +2,61. 28. Justin Murisier +2,85. 30. Marco Kohler +3,05. 31. Alessio Miggiano +3,25.


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