0,79 Sekunden. Kaum mehr als ein Wimpernschlag, an der Weltspitze im Abfahrer jedoch eine halbe Weltreise. Genau gesagt kommt man damit in Wengen mit 23,07 Metern Vorsprung ins Ziel. Das sind die Zahlen, die aufleuchten, als Marco Odermatt mit der Startnummer 7 die Lauberhorn-Ziellinie passiert und den ebenfalls schon stark gefahrenen Österreicher Vincent Kriechmayr distanziert hat. Die Stimmung unter den knapp 40'000 Fans entlang der Strecke ist in diesen Momenten am Siedepunkt. Für sie ist klar: Das war bereits die Siegerfahrt. Auch der SRF-Experte und dreifache Lauberhorn-Sieger Beat Feuz staunt: «Es gibt von oben bis unten nichts auszusetzen an seiner Fahrt, ich wüsste nicht wo.»

Odermatt selber will auch eine halbe Stunde, nachdem sich sowohl Hauptkonkurrent Franjo von Allmen als auch alle anderen Topfahrer die Zähne an seiner Fahrt ausgebissen haben, noch nichts vom Sieg wissen. Er wartet ab bis zur Nummer 28, bis zum Trainingsschnellsten und Super-G-Sieger vom Vortag, Giovanni Franzoni.
Und tatsächlich: Der Italiener bestätigt die Leistungen in den Tagen zuvor und hält bis zur Streckenmitte Tuchfühlung mit dem Führenden. Doch im unteren Teil hat auch er dem entfesselten Odermatt nichts entgegenzusetzen und landet auf Rang 3. Zur Freude Odermatts – und zum Leidwesen von Franjo von Allmen, den Franzoni vom Podest schubst.

Odermatt schreibt gleiches Wengen-Drehbuch wie 2026
Das Wengen-Drehbuch erinnert stark an jenes vom Vorjahr. Schon damals musste sich Marco Odermatt im Super-G geschlagen gegeben – und schlug dann in der Königsdisziplin mit all seiner Klasse zurück. Im Stil eines Champions. Es ist bereits sein vierter Abfahrtssieg im Lauberhorn, damit schiebt er sich in der Bestenliste vor Beat Feuz und Franz Klammer, auf Rekordsieger Karl Molitor fehlen noch zwei Erfolge.
Wieviel Odermatt der Sieg am Lauberhorn immer noch bedeutet, verraten sein Gesichtsausdruck und seine Aussagen, als Rang 1 endgültig feststeht. «Ich wüsste nicht, wo ich hätte schneller sein und einen Zehntel herausholen können.» Und an Feuz gewandt: «Es schwingt fast ein bisschen ein schlechtes Gewissen, jetzt mehr Siege am Lauberhorn als Beat zu haben. Schliesslich hat er mir hier alles beigebracht.»

Spannende Notiz am Rande: Vier seiner nun sieben Abfahrtssiege im Weltcup hat Odermatt in Wengen geholt. Nicht nur stimmungsmässig, auch fahrerisch ist das Lauberhorn sein absolutes Lieblingsrennen.
Nur einmal in den vergangenen zehn Jahren war der Vorsprung des Lauberhorn-Siegers auf den Zweiten grösser als bei Odermatts jüngstem Triumph. Und das ist umso bemerkenswerter vor dem Hintergrund, dass die Jury 90 Minuten vor Rennbeginn die unschöne Entscheidung treffen muss, den Start zum Hundschopf zu verlegen. Und damit den Originalkurs um rund 50 Fahrsekunden zu verkürzen. Der Grund sind Böen, die just für den Zeitpunkt des Rennens mit grosser Wahrscheinlichkeit vorausgesagt werden. Eine Entscheidung der Marke «Vorsicht» - in den Aussagen der Fahrer zu diesem Thema war herauszuhören, dass der eine oder andere zumindest erstaunt war darüber.


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