
Bei unseren Nachbarn an der nördlichen Landesgrenze kam in den vergangenen Tagen merklich Euphorie auf. Denn Emma Aicher, die deutsche Skirennfahrerin, wahrte sich beim Saisonfinale bis zuletzt die Chance, Mikaela Shiffrin den Gesamtweltcup streitig zu machen. Seit Maria Höfl-Riesch 2011 die grosse Kugel gewann, ist das keiner deutschen Skifahrerin mehr gelungen. «Das Duell spitzt sich zu», schrieb die Süddeutsche Zeitung. Bei ZDF war zu lesen, Aicher würde Shiffrin «enorm unter Druck» setzen.
Die 22-Jährige durfte auch noch hoffen, als die erste Hälfte des letzten Saisonrennens vorbei war. Im Riesenslalom von Hafjell fuhr sie am Mittwoch auf den dritten Zwischenrang, während Shiffrin nur Platz 17 belegte. Aicher hätte für die Sensation einen Sieg gebraucht - und gleichzeitig darauf hoffen müssen, dass Shiffrin nicht punkten würde. Dafür hätte die US-Amerikanerin nicht in den Top 15 landen dürfen. Es war ein bisschen viel Konjunktiv auf einmal. Es brauchte ein Wunder.

Die Entscheidung war bereits gefallen, als Aicher im 2. Lauf auf die Piste ging. Denn Shiffrin konnte nicht mehr aus den Punkterängen verdrängt werden. Sie verbesserte sich auf den 11. Platz, während Aicher im zweiten Sektor einen grossen Fehler machte und auf Platz 12 zurückfiel. Shiffrins Sieg im Gesamtweltcup war Tatsache. Bloss realisierte sie es nicht auf Anhieb. Mit viel Verspätung flossen die Tränen. «Ich konnte es zuerst nicht glauben», sagte sie. «Denn ich hatte an diesem Tag plötzlich das Gefühl, dass ich keinen Punkt holen würde und Emma dieses Rennen gewinnen würde.»
Mit dem Gewinn der sechsten grossen Kristallkugel zog sie mit der Österreicherin Annemarie Moser-Pröll gleich. Besser war nur noch Marcel Hirscher, der auf acht Gesamtweltcupsiege kommt.
Der Tagessieg ging an die Kanadierin Valerie Grenier, die ihren ersten Weltcupsieg seit knapp zwei Jahren feiern durfte. Die Norwegerin Mina Fürst Holtmann fuhr auf Rang 2, die Österreicherin Julia Scheib komplettierte das Podest. Die kleine Kristallkugel für den Riesenslalom-Weltcup sicherte sich Scheib schon im vorletzten Rennen in Are.
Rast ist Dritte im Gesamtweltcup
Für die drei Schweizerinnen verlief das letzte Rennen der Saison unterschiedlich. Camille Rast verbesserte sich um einen Platz und landete auf Rang 6. Den Gesamtweltcup beendete sie auf Platz 3, hinter Shiffrin und Aicher. Eine Premiere erlebte die Bündnerin Vanessa Kasper. Die 29-Jährige fuhr im Weltcup erstmals auf einen Top-Ten-Platz und wurde Zehnte. Nicht nach Wunsch lief es Wendy Holdener, die im 1. Lauf einen Stock verlor. Mit nahezu sechs Sekunden Rückstand fuhr Holdener ans Ende des Klassements.
Die grosse Überraschung blieb also aus. Mikaela Shiffrin, die in diesem Winter neun von zehn Weltcup-Slaloms und den Olympiaslalom gewann, kürte sich einmal mehr zur besten Fahrerin dieser Saison. Dass die grosse Kugel an Shiffrin gehen muss, scheint aber nicht mehr ein Naturgesetz zu sein. ZDF-Experte Marco Büchel sagte: «Im Hinblick auf die nächste Saison war das ein Fingerzeig von Emma Aicher an Mikaela Shiffrin.» Aicher hat angedeutet, dass es für Shiffrin künftig noch enger werden könnte.

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