Anlaufschwierigkeiten des Fussballs in den USA
Erst mit dem WM-Titel Englands 1966 kam in den USA so richtig Interesse für den Fussball auf und es wurde ein Versuch gewagt, mit einer Profiliga durchzustarten: Die North American Soccer League (NASL) sorgte mit der Verpflichtung von internationalen Fußballgrössen wie Franz Beckenbauer, Johan Cruyff oder Pelé für grosse Aufmerksamkeit. Durch hohe Kosten wurde die Liga allerdings 1984 wieder aufgelöst. Dann kam die WM 1994 und eine Auflage der Fifa verlangte die erneute Etablierung einer Profiliga. Diese Liga, die Major League Soccer (MLS), wurde 1993 gegründet und erfreut sich einer stetig wachsenden Beliebtheit. Der amerikanische Profifussball steckte zumindest 1994 noch in den Kinderschuhen.
Dennoch richtete die Nation eine WM aus, die vielen in Erinnerung geblieben ist. Schon damals war in den USA alles etwas grösser, die WM 2026 ist nun gewissermassen eine WM 1994 hoch Zwei: Wo vor 32 Jahren noch 24 Mannschaften in sechs Gruppen aufeinander trafen, sind es dieses Jahr doppelt so viele Teams. Witzigerweise kommt es dank dieser Aufstockung zu einem ähnlichen WM-Modus wie 1994. Die acht besten Gruppendritten qualifizieren sich für die Sechszehntelfinals. 1994 hatten sich die vier besten Gruppendritten für die Achtelfinals qualifizieren können.
Zuschauerrekord trotz Nischensportart: Die WM 1994 bot Spektakel
Trotz halb so vielen Mannschaften und Spielen fällt ein bis heute unangetasteter Rekord der WM 1994 auf: Es strömten so viele Zuschauerinnen und Zuschauer in die Stadien wie nie zuvor. Insgesamt verfolgten 3,5 Millionen Menschen die Spiele, 69'000 im Durchschnitt. Unglaublich, war doch der Fussball damals noch eine Nischensportart. Das rege Interesse zahlten die Spieler mit Leistung zurück: Seit 1994 erreichte keine Endrunde mehr den damals erreichten Durchschnitt von 2,71 Toren pro Spiel.
Die WM im eigenen Land löste eine Euphorie aus und wurde zu einem Fussballfest. Denn sie bot einiges an Spektakel: Unvergessen bleibt der Skandal um Diego Maradona, der vor dem letzten Gruppenspiel positiv auf Drogen getestet und mit sofortiger Wirkung vom Turnier ausgeschlossen wurde. Oder die märchenhaften Darbietungen von Schweden und Bulgarien, welche bis in die Halbfinals vorstiessen und nur knapp gegen die jeweiligen Finalisten Brasilien und Italien scheiterten. Oder wie Italiens Roberto Baggio im entscheidenden Moment die Nerven versagten, seinen Elfmeter über das Tor zimmerte und Brasilien zum Weltmeister kürte.
2026: Euphorie hält sich in Grenzen
32 Jahre später ist von dieser Euphorie wenig bis gar nichts mehr zu spüren. Innen- und aussenpolitische Spannungen, teure Preise und massenhaft Probleme mit Einreisevisen verpassen der Stimmung einen kräftigen Dämpfer. Die USA hat viel von ihrem einst guten Ruf in der Weltpolitik eingebüsst, weswegen viele Fans sich genau überlegen, ob sie die Reise über den Atlantik antreten wollen. Die zweifelhaften Machenschaften der Fifa und deren Präsident Gianni Infantino stossen vielen ebenfalls sauer auf. Auch in der Schweiz hält sich die Euphorie in Grenzen.
Wie die Nati 1994 ein ganzes Land einte
Ein sportlicher Grund dafür ist die unterschiedliche Ausgangslage vor der WM 1994 und heute. Damals schaffte man unter Trainer Roy Hodgson erstmals nach 1966 wieder die WM-Qualifikation. Und die goldene Generation rund um Alain Sutter, Ciriaco Sforza, Stéphane Chapuisat und Adrian Knup versprach gute Unterhaltung. So blieb vielen auch das denkwürdige Gruppenspiel gegen Rumänien in Erinnerung. Mit dem 4:1-Sieg sicherten sich die Schweizer den ersten Achtelfinal seit 40 Jahren. Die Schweiz war quasi aus dem Nichts zurück auf dem internationalen Parkett und der Mannschaft war es gelungen, in nur zwei Spielen ein ganzes Land mit ihren Fussballern zu versöhnen. Und lenkte nebenbei die Aufmerksamkeit der grossen Vereine und Ligen auf die damals noch kleine Fussball-Schweiz.
Besser, vielfältiger, selbstbewusster: Die Nati 2026 will abliefern
1994 sollte der Grundstein für eine Entwicklung sein, die bis heute voranschreitet. Seit 2006 ist die Schweiz an jeder WM-Endrunde dabei, bloss 2010 war nach der Gruppenphase Schluss. Man entwickelte sich zum Favoritenschreck, schlug Weltmeister Spanien, brachte Finalist Argentinien 2014 an den Rand einer Niederlage und liess Brasilien 2018 verzweifeln.
Das Selbstverständnis ist ein komplett anderes als noch vor 32 Jahren, die Qualifikation für die K.o.-Phase wird mittlerweile als Minimalziel gesehen. Und auch der Kader hat sich weiterentwickelt: Von den 22 Spielern des Aufgebots von 1994 spielten genau vier im Ausland, davon allesamt in der Bundesliga, nämlich Ciriaco Sforza (Kaiserslautern), Alain Sutter (Nürnberg), Adrian Knup (Stuttgart) und Stéphane Chapuisat (Dortmund). Im WM-Kader der Schweiz 2026 sind von den 26 aufgebotenen Spielern nur noch zwei in der heimischen Super League beschäftigt: Marvin Keller und Christian Fassnacht (beide YB).
Und auch bezüglich Vielfalt hat unsere Nati zugelegt: 16 von 26 Spieler haben Wurzeln im Ausland, 1994 waren es noch deren fünf. Alle WM-Söldner der Nati spielen in den fünf besten Ligen Europas. Nicht wenige davon, wie zum Beispiel Granit Xhaka, Gregor Kobel, Manuel Akanji oder Johan Manzambi, sind zentrale Stützen ihrer Equipen. Ein weiteres Gütesiegel, welches die Entwicklung des Schweizer Fussballs in den letzten 30 Jahren hervorhebt.
2026 sind grosse Stadien keine Neuheit mehr
1994 bestritten die Schweizer ihre ersten beiden Gruppenspiele im Silverdome in Pontiac, Michigan. Ein Stadion mit 80'000 Plätzen, etwa vier oder sogar fünf Nummern grösser als das, was sich die Spieler in der Schweiz gewohnt waren. Auch die Prämien hatten damals mehr Gewicht. Für Sion-Verteidiger Yvan Quentin entsprachen die damals erhaltenen Prämien praktisch seinem Jahresgehalt. Heute stellt sich die Frage nach den Prämien in der Schweizer Nationalmannschaft angesichts der Lohnentwicklung in den Klubs nicht mehr wirklich.
Je ein WM-Rekord für die beiden Generationen
Die Schweizer WM-Rekordspieler Xhaka und Ricardo Rodriguez (beide 12 Partien) verdanken ihren Rekord und ihre mittlerweile vierte Endrunde dieser andauernden Konstanz der Schweizer Mannschaft. Die Generation von 1994 öffnete viele Türen für spätere Erfolge, konnte sich allerdings in den Statistiken nicht verewigen. Ein Rekord können sich die Pioniere doch noch zugute schreiben: Der 4:1-Sieg gegen Rumänien war (nebst dem Sieg gegen Italien 1954) der bis dato höchste WM-Sieg einer Schweizer Mannschaft.
In wenigen Wochen wird sich zeigen, ob es dieses Jahr mit dem Viertelfinal und somit dem besten WM-Ergebnis seit 1954 klappt. Ein Ergebnis, welches ein ähnliches Feuer wie vor 32 Jahren auslösen könnte.





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