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Eishockey

TV-Experte unter Druck: Agentenrolle sorgt im Playoff-Final für Ärger

Im Final zwischen Davos und Fribourg rückt nicht nur das Spiel in den Fokus. Ein TV-Experte mit über 160 Klienten fordert lautstark Sperren – und löst damit eine Debatte über Interessenkonflikte aus.
Brendan Lemieux sorgt in der letzten Minute für Ärger im ersten Playoff-Final-Spiel.
Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone

Von der Theaterbühne endlich zurück aufs Eis. Dorthin wo Eishockey per Definition ja auch hingehört. Nun wird nicht mehr um die verlorene Ehre des Patrick Fischer gestritten. Sondern zwischen dem HC Davos und Fribourg-Gottéron um die höchste sportliche Ehre im Land gerungen. Aber auch rund um diesen Playoff-Final gibt es neben dem Eis eine Peinlichkeit sondergleichen. Sie wühlt nicht, wie der Skandal um den abgesetzten Nationaltrainer das ganze Land auf, sorgt aber in der Hockey-Szene für immer grössere Empörung.

Am Ende der Auftaktpartie vom Samstag in Davos (Gottéron hat sensationell 3:2 gewonnen) kommt es zu einer Rangelei, in die natürlich auch der raue HCD-Vorkämpfer Brendan Lemieux involviert ist. Die Schiedsrichter walten ihres Amtes und belegen ihn mit dem härtesten Verdikt (Restausschluss).

Die Davoser verlieren das erste Finalspiel gegen Fribourg-Gottéron.
Bild: Gian Ehrenzeller

Was für das Spiel – es ist ja zu Ende (die Strafe wird nach 59:59 Minuten ausgesprochen) – ohne Folgen bleibt. Aber eine Sperre durch die Hockey-Justiz wäre möglich, und er könnte für das zweite Finalspiel oder vielleicht sogar für weitere Partien auf die Tribüne verbannt werden. Also fordert der TV-Experte Sven Helfenstein mit dem Spruch «Lemieux muss man sperren, auf Wiedersehen!» weitere Sanktionen. Der Einfluss des TV-Experten ist umso grösser, weil er für die Station arbeitet, die exklusiv über die Live-Rechte verfügt. Es gibt kein Gegengewicht.

Lemieux ist kein diskutabler Grenzfall

Hat Sven Helfenstein Recht? Nein. Es handelt sich nicht einmal um einen diskutablen Grenzfall. Wie kommt dann ein Experte dazu, dem Publikum klarzumachen, dass hier einer quasi aus dem Verkehr gezogen werden müsste? So wird die Hockey-Justiz unglaubwürdig gemacht, die eben keine Sperre ausgesprochen hat. Kann ein Experte so irren?

Nein. Es ist kein Irrtum und schon gar nicht fehlende Fachkompetenz. Die steht nicht zur Debatte. Sven Helfenstein («Helpstone Sport Consulting») vertritt mit riesigem Abstand am meisten Spieler in den beiden höchsten Ligen (über 160) und tritt als neutraler Experte im MySports-Kernteam auf. Eine krasse Verletzung aller «Good-Governance-Regeln» in diesem Geschäft, die bei keinem anderen ernst zu nehmenden TV-Sender geduldet würde.

Sven Helfenstein ist regelmässig als MySports-Experte im Einsatz.
Bild: Sven Helfenstein

Zu gross ist der Interessenkonflikt. Ein Spieleragent kann gar nicht neutral sein. Rolf Ziebold als Sprecher von MySports-Besitzer Sunrise spielt die Rolle von Sven Helfenstein auf Anfrage in schier unfassbarer Naivität herunter: «In den Moderationen während den Sendungen wird regelmässig auf die Rolle als Spieleragent hingewiesen – beispielsweise situationsgerecht (best effort), wenn Sven Helfenstein über einen seiner Klienten spricht. Die Transparenz wird durch die Moderationen während der Sendungen sowie jederzeit über die Webseite gegeben.»

Eine offizielle Stellungnahme von Sven Helfenstein wird von ihm verweigert. «Sven Helfenstein ist in diesem Zusammenhang ein freier Mitarbeiter von MySports und gibt daher keine separate Stellungnahme ab.»

Kein Sportchef riskiert den Konflikt

Niemand muckt auf. Verständlich: Kein Klubfunktionär, kein Sportchef riskiert den Konflikt mit dem mit Abstand wichtigsten Spielerhändler. Eine Stellungnahme zur Sache lehnt die Liga-Führung ab. Sie fürchtet eine Verärgerung oder gar Einmischung in die redaktionelle Freiheit ihres Haussenders, und fürchtet sie wie der Teufel das geweihte Wasser. Es gibt ja mit rund 30 Millionen pro Jahr, vertraglich abgesichert bis 2035 für die Senderechte auch schönes «Schweigegeld».

Kommen wir zurück zur Kernfrage: Warum tobte Sven Helfenstein entgegen jeder fachlichen Einsicht so gegen Brendan Lemieux? Ganz einfach: Der US-Kanadier ist nicht sein Kunde. Er wird von einem anderen Spieleragenten vertreten, der gerade im Marktsektor «Stars» sein härtester Konkurrent ist. Die Message in der Szene an alle Spieler ist klar: Lasst euch von mir vertreten, sonst gibt es Haue am Fernsehen. Nimmt zu deinem Agenten lieber den Helfenstein, dann wird dir in allen Situationen geholfen sein.

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