
Muss Patrick Fischer nach seinem Geständnis, ein Impfzertfikat gefälscht zu haben, um zu den Olympischen Spielen 2022 in Peking reisen zu können, sofort zurücktreten? Unsere Autoren sind unterschiedlicher Meinung.
Pro: «Patrick Fischer hat gelogen und betrogen»
Patrick Fischer hat öffentlich gelogen: Er behauptete, er werde sich impfen lassen, um an die Olympischen Spiele 2022 in Peking reisen zu können. Stattdessen bestellte er sich über den Messengerdienst Telegram ein gefälschtes Covid-Zertifikat, wie SRF-Recherchen zeigen. Dafür wurde er wegen Urkundenfälschung zu einer Busse von 40'000 Franken verurteilt.
Reinen Tisch macht Fischer erst jetzt – nicht aus Einsicht, sondern weil die Geschichte öffentlich geworden wäre. Das ist kein Geständnis, sondern Kalkül. Dass er dennoch behauptet, Verantwortung zu übernehmen, ist scheinheilig. Er will sein Amt als Trainer der Eishockey-Nati vor der Heim-WM nicht aufgeben und sein zehnjähriges Wirken mit einem Titel krönen.
Über Jahre hat sich Fischer als Prediger der Konsequenz und moralische Instanz inszeniert und Spieler wie Lian Bichsel öffentlich diffamiert. Und griff selber zu billigsten Tricks. Die Fälschung ist kein Kavalierdelikt und auch keine Kurzschlussreaktion in einer «aussergewöhnlichen privaten Notlage». Es ist ein kalkulierter Regelbruch. Und vor allem: Doppelmoral.
Für den Verband ist die Sache mit dem erzwungenen Geständnis erledigt. An einem Wechsel vor der Heim-WM besteht kein Interesse. Doch bleibt Fischer im Amt, verspielen er und der Verband ihre Glaubwürdigkeit.
Dass Fischer Impfungen ablehnt, ist zu respektieren. Doch entscheidend ist der Umgang mit den Konsequenzen. Novak Djokovic etwa verweigerte die Impfung ebenfalls, und verpasste dadurch mehrere Grand-Slam-Turniere. Fischer hingegen hat gelogen, gefälscht, das Gesetz gebrochen und wurde dafür verurteilt. Öffentlich macht er das erst unter Druck von aussen.
Will Patrick Fischer wirklich Verantwortung übernehmen und nach seinen Prinzipien handeln, bleibt ihm nur eine Option: der sofortige Rücktritt.
simon.haering@chmedia.ch

Kontra: «Patrick Fischer hat die Zeche bereits beglichen»
Patrick Fischer ist nicht der skrupellose Betrüger, als der er hingestellt wird. Patrick Fischer ist auch nicht der Egoman, als den ihn viele darstellen. Patrick Fischer ist ein Mann, der seinem Job, seiner Mission, alles unterordnet. Es ist eine Mission, die er weit über sein Ego stellt. Eine Mission, die keine Kompromisse verzeiht. Es ist die Mission, mit der Schweizer Eishockey-Nati nach Gold zu schürfen. Man kann den Fall mit dem gefälschten Covid-Zertifikat, das er sich für Olympia 2022 in Peking ausstellen liess, auch so sehen.
Patrick Fischer ist nicht so verblendet, dass er glaubt, richtig gehandelt zu haben. Er ist auch nicht der kalte Fisch, an dem nun alles abperlt. Aber er war ein wenig naiv, zu glauben, die Geschichte käme nie raus. Und er war auch ein wenig naiv, weil ihm die Tragweite nicht bekannt war, die ein Entdecken des gefälschten Covid-Zertifikats durch die chinesischen Behörden gehabt hätte: im schlimmsten Fall der Ausschluss der gesamten Schweizer Delegation.

Naivität mit krimineller Energie gleichzusetzen, ist indes abenteuerlich. Patrick Fischer wollte sich nicht impfen, aber das Team in Peking auch nicht im Stich lassen. Irgendwie verständlich, dass er ein Buebetrickli angewendet hat. So kennt er es, so ist er ein Stück weit sportlich sozialisiert worden. Denn Spitzensport und Moral sind nicht enge Vertraute. Im Sport geht es auch immer darum, zu tricksen, den Gegner zu täuschen, hinters Licht zu führen.
Fischer wegen dieses Buebetricklis die Heim-WM wegzunehmen, wäre absurd. Allein, weil er aufgrund seiner Verdienste einen Anspruch auf sein letztes Hurra als Nationaltrainer hat. Ausserdem hat er die Zeche für sein Vergehen bereits beglichen: Imageschaden, 40'000 Franken Busse und eine grosse sportliche Enttäuschung mit dem Olympia-Viertelfinal-Out 2022 und einer erfolglosen WM wenige Monate später.
francois.schmid@chmedia.ch


Kommentare
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Wäre die Fälschung des Covid-Zertifikats während des Aufenthalts in China aufgeflogen, hätte er in China eine langjährige Gefängnisstrafe riskiert und somit ein grosses persönliches Risiko auf sich genommen.
Der Staat hat nicht immer recht und manchmal bleibt halt nur der Ungehorsam! Weshalb wurde Alain Berset nie nach seinem Covid-Zertifikat gefragt? Warum wurden Bersets Aussagen (gegen besseres Wissen), Geimpfte wären nicht ansteckend, nicht sanktioniert?