Philip Wüthrich ist als SCB-Junior im Frühjahr 2019 mit Langenthal Meister in der Swiss League geworden, dann ist es ihm fünf Jahre nicht gelungen, in Bern Leonardo Genoni vergessen zu machen und nun spielt er in der zweiten Saison in Ambri sein bestes Hockey.
Die Ausgangslage war klar: Er ist jetzt 28. Zeit für den grossen Vertrag und für die Kapitalisierung des Talentes. Zeit, Millionär zu werden. Der Dreijahresvertrag in Biel beschert ihm rund 1,5 Millionen Franken.
Die Investition kann sich für Biel lohnen. Ein Team im Niemandsland zwischen der oberen und unteren Tabellenhälfte ist auf sechs ausländische Feldspieler angewiesen. Muss eine Ausländer-Lizenz für den Torhüter gelöst werden, reicht es meistens vorne (bei den Stürmern) oder hinten (bei den Verteidigern) oder vorne und hinten nicht. Ambri, Langnau und Ajoie, die Überraschungsteams der Saison, haben alle zwei helvetische Torhüter. Mit Gilles Senn und Philip Wüthrich kann Ambri auf das solideste, ausgeglichenste einheimische Goalie-Duo seiner Geschichte zählen.
Aber Philip Wüthrich ist auch eine riskante Millionenwette. Aber vielleicht beginnt jede grosse Geschichte, jede neue Ära genau dort, wo das Risiko grösser ist als die Gewissheit.
Sein Talent steht nicht zur Debatte. Der introvertierte Musterprofi ist ein ruhiger, cooler Blocker mit gutem Winkelspiel und mental robust. Aber ihm fehlt bisher die Prise Charisma und Körpersprache, die aus einem sehr guten einen grossen Torhüter macht. Deshalb konnte er in Bern zwar zwischenzeitlich die Nummer 1 werden, sich doch nicht durchsetzen und bekam schliesslich einen durchschnittlichen ausländischen Torhüter vor die Nase gesetzt.
In Biel bekommt er die ganz grosse Karriere-Chance und kann es in den nächsten drei Jahren bis ins WM-Team schaffen. Oder er geht als einer der vielen sehr guten, aber nicht grossen Torhüter und als Transferflop in die Geschichte ein. Was ist der Unterschied zwischen einem sehr guten und einem grossen Goalie? Ein sehr guter kann immer wieder mal Siege stehlen. Ein grosser kann die entscheidenden Siege stehlen und Meisterschaften gewinnen.
Martin Steinegger hat mit der Lösung des Goalie-Problems allerdings erst den ersten Teil seiner Transfer-Hausaufgaben gemacht. Ungenügendes ausländisches Personal und wenig Glück bei der Rekrutierung der Trainer sind zentrale Gründe, warum Biel nach der Finalniederlage von 2023 Mittelmass geworden ist. Petri Matikainen und Martin Filander waren Fehlbesetzungen, die beide zu lange im Amt geduldet worden sind. Die ganz grosse Frage ist also: Mit Christian Dubé verlängern oder nicht? Vielleicht hilft es Martin Steinegger, wenn er sich wieder vermehrt auf seine Intuition verlässt und die Ratschläge und Bedenken seines Verwaltungsrates und ewigen sportlichen Verlierers Ueli Schwarz ignoriert.
Ambris Sportchef Lars Weibel braucht nun auf nächste Saison einen zweiten Torhüter. Er hat drei Optionen: einen Ausländer (aber auf Kosten eines sechsten ausländischen Feldspielers), eine mutige Lösung nach dem Vorbild von Langnau mit einem Torhüter aus der Swiss League oder einer Nachwuchsorganisation oder eine romantische Lösung mit Luganos Robert Mayer (37).





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