Noch vor wenigen Monaten pflügte der HCD durch die Meisterschaft, als gehöre ihm die Liga. Nach Rang eins in der Qualifikation endete der Sturmlauf erst mit einer Heimniederlage im siebten Finalspiel gegen Gottéron. Im vergangenen Herbst gewannen die Davoser zwölf der ersten 13 Partien. Nun haben sie bloss fünf der ersten 13 Spiele gewonnen und stecken auf Rang 10 im Tabellenkeller und in einer Resultatkrise.
Was ist passiert? Kein anderer Klub hat eine so starke internationale Strahlkraft. Das liegt an der ruhmreichen Geschichte des Rekordmeisters (31 Titel) und – natürlich - am Spengler Cup, dem ältesten internationalen Klubturnier der Welt. Also interessieren sich auch ausländische Kenner immer wieder lebhaft für das sportliche Wohlergehen der Davoser.
Zadina ist ein Künstler
Beispielsweise der ehemalige Weltklasse-Verteidiger Frantisek Musil. Weltmeister (1985) und mit mehr als 700 Partien auch eine NHL-Legende. Er arbeitet heute als Scout und kommt immer wieder gerne in die Schweiz. Der freundliche 61-jährige Tscheche fragt auch am vergangenen Samstag bei seinem Besuch in Biel: «Was ist in Davos oben los?»
Der lockere Gedankenaustausch führt bald einmal zum Kern des Problems. «Sie haben Stransky verloren» – «Ja, aber immer noch genug Talent. Der Zadina ist ja geblieben.» Da wendet Frantisek Musil, das ehemalige Raubein, mit verschmitztem Lächeln ein: «Ja, ja, aber der Zadina ist halt bloss ein Künstler…»
Nach 13 Spielen ist beim HCD nicht mehr der fast zwei Meter grosse und beinahe hundert Kilo schwere offensive Blockadebrecher Matej Stransky der Topskorer. An seiner Stelle führt nun Filip Zadina die interne Skorerliste an: 183 Zentimeter, 89 Kilogramm, leichtfüssig, begnadet, ein Schillerfalter und Künstler. Stransky stürmt inzwischen für Pardubice in der höchsten tschechischen Liga und kommt bereits auf einen Punkt pro Spiel.
Spieler kommen und gehen und Namen sind nur aufs HCD-Leibchen genähte Buchstaben. Die DNA des HCD-Spiels aber bleibt. Unabhängig von der personellen Besetzung. Intensives Tempohockey. Aber nicht immer hat der HCD das Personal zur perfekten Umsetzung dieses Stils.
Defensiv nachlässig, offensiv harmloser
Defensiv, so sagen die Zahlen, ist der HCD nachlässiger, offensiv fehlt die Durchschlagskraft. 31:38 lautet das Torverhältnis nach 13 Partien. Im vergangenen Herbst stand zum gleichen Zeitpunkt ein 50:25 zu Buche.
Damit sind wir wieder bei Frantisek Musils beiläufiger Bemerkung und bei der Frage, was beim HCD fehlt. Matej Stransky steht stellvertretend für den Verlust jener Qualität, die sich nicht statistisch abbilden lässt: Intensität. Er war einer, der die gegnerische Zone nicht bloss bespielte, sondern schon fast gewaltsam eroberte.
Mit ihm haben weitere Titanen den HCD verlassen. Verteidigungsminister Klas Dahlbek kehrte nach Schweden zurück. Michael Fora, der Auf- und Abräumer, wechselte nach Lausanne. Der offensive WM-Silberheld Simon Knak stürmt nun für die ZSC Lions. Rico Gredig und Chris Egli, zwei bissige Rollenspieler, gingen nach Zug. Sie alle haben das HCD-Spiel nicht bloss mit Talent, sondern auch mit Biss, Energie, Hartnäckigkeit und Wucht bereichert. Dazu kommt Pech: Center Simon Ryfors fällt nach einem Kreuzbandriss bis zum Saisonende aus.
An Goalie Aeschlimann liegt es nicht
Der neue Leitwolf Ken Jäger (Heimkehrer aus Lausanne), der Vorwärtsverteidiger und WM-Silberheld Dominik Egli, die beiden direkt aus dem rauen nordamerikanischen Juniorenhockey zurückgekehrten Talente Guus van der Kaaij und Lars Steiner bringen viel Talent mit. Aber nicht – oder noch nicht – die Intensität, um die Abgänge zu ersetzten. Nun ist eben nicht mehr der Titan Matej Stransky Topskorer und Sinnbild der HCD-Kultur. Sondern der hochbegabte Schillerfalter Philip Zadina.
Die klassischen Erklärungen – Trainerproblem, Lottergoalie – fallen beim HCD also weg. Ja, Sandro Aeschlimann weist aktuell sogar die bessere Fangquote (93,04 %) auf als letzte Saison (92,52 %).
Der HC Davos spielt noch immer sein Hockey. Die DNA ist geblieben. Aber er hat weniger Spieler, die dieses Hockey mit der nötigen Wucht durchsetzen. Die Resultatkrise können wir auf einen einfachen Satz reduzieren: Der HCD ist weicher als vor einem Jahr.



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