Sport und Gesundheit

Olympische Spiele können Sportler krank machen

Eine aktuelle wissenschaftliche Arbeit zeigt auf, weshalb die grössten psychischen Herausforderungen für Athleten oft vor und nach dem Megaanlass liegen.
Eine australische Landhockey-Spielerin weint nach einer Niederlage bittere Tränen.
Bild: AP

Für die meisten Sportlerinnen und Sportler sind die Olympischen Spiele der Höhepunkt ihrer Karriere. Jahrelang arbeiten sie mit intensivstem Training, persönlichen Opfern und Entbehrungen auf die Teilnahme hin. Eine aktuelle wissenschaftliche Übersichtsarbeit zeigt, dass Olympische Spiele weit mehr sind als ein sportlicher Wettkampf. Sie sind der Mittelpunkt eines jahrelangen Prozesses, der von emotionalen Höhen und Tiefen geprägt ist. Dieser Prozess kann erhebliche Auswirkungen auf die Identität und die psychische Gesundheit haben.

Für ihre Arbeit analysierten die Autoren die internationale Forschung der vergangenen 15 Jahre. Viele Ansätze betrachten die Olympischen Spiele als einzelnes Grossereignis. Die aktuelle Analyse wählt eine andere Sichtweise. Olympia wird als Abfolge mehrerer Phasen verstanden, in denen Athletinnen und Athleten immer wieder neue Anforderungen bewältigen müssen.

Dieser Prozess beginnt mit der Entscheidung eines Sportlers, die Olympiateilnahme als übergeordnetes Ziel zu definieren. Danach kommt die Qualifikation. Es folgt die mehrmonatige Vorbereitung auf die Spiele selbst und anschliessend die Teilnahme. Auch wenn das olympische Feuer erlöscht endet der Prozess nicht: Die Zeit nach den Spielen entwickelt sich häufig zu einer psychologisch besonders anspruchsvollen Phase.

Zwischen Euphorie und Existenzkrise

Für viele Sportlerinnen und Sportler haben Olympische Spiele eine aussergewöhnliche symbolische Bedeutung. Kein anderes sportliches Ereignis ruft derart intensive emotionale Reaktionen hervor. Positive Gefühle wie Stolz, Vorfreude, Selbstvertrauen und der Eindruck, etwas Aussergewöhnliches geschafft zu haben, wechseln sich mit Enttäuschung, Angst, Frustration oder Selbstzweifeln ab. Die Überhöhung der Bedeutung einer Teilnahme oder gar einer Medaille bei Olympia birgt Risiken. Wird das Selbstwertgefühl derart stark an dieses Ereignis geknüpft, wirken Rückschläge besonders belastend.

Positive und negative Gefühle rund um Olympia tauchen bei jedem Sportler auf. Entscheidend ist nicht, ob sie da sind, sondern wie Athleten mit ihnen umgehen und vor allem, welche Unterstützung sie in der Bewältigung dieser Emotionen erhalten.

Die Qualifikation als grösste Hürde

Überraschenderweise zeigt die Forschung, dass der schwierigste Teil für viele Sportler nicht die Spiele selbst, sondern die Qualifikation ist. Dieser Prozess ist oft mit enormem Leistungsdruck und einer grossen psychischen Belastung verbunden. Verletzungen oder unklare Auswahlverfahren können jahrelange Vorbereitung innerhalb kürzester Zeit zunichtemachen. In einer Untersuchung unter kanadischen Spitzenschwimmern erfüllte ein ungewöhnlich hoher Anteil der Athleten Kriterien einer schweren depressiven Episode. Besonders betroffen waren paradoxerweise Athleten mit den höchsten Erfolgschancen, weil für sie das Risiko des Scheiterns besonders gross erscheint.

Athleten, die die Qualifikation verpassen, erleben häufig Gefühle von Wut, Scham, Leere und Identitätsverlust. Viele berichten zudem, dass sie sich nach ihrer Nichtberücksichtigung von ihren Verbänden kaum unterstützt fühlen.

Die Zeit vor den Spielen ist eine Phase maximaler Belastung. Der Trainingsumfang steigt ebenso an wie das Medieninteresse, die öffentliche Erwartung und organisatorische Anforderungen. Viele Sportler reduzieren in dieser Zeit soziale Kontakte, um sich vollständig auf Olympia zu konzentrieren. Dadurch wächst zwar die sportliche Leistungsfähigkeit, gleichzeitig steigt jedoch die Gefahr, dass sich die persönliche Identität fast ausschliesslich über den Sport definiert.

Hinzu kommen gesundheitliche Risiken. Verletzungen, Infektionen, Übertraining und psychische Beschwerden wie Angst oder depressive Symptome treten in der unmittelbaren Vorbereitung gehäuft auf. Die Autoren der Studie weisen darauf hin, dass die Kombination von Spitzensport mit Ausbildung oder Beruf langfristig einen wichtigen Schutzfaktor darstellen kann. Athleten mit mehreren Lebensbereichen entwickeln meist ein stabileres Selbstbild und bewältigen Rückschläge besser.

Während der Spiele entstehen neue Herausforderungen. Die Ankunft im olympischen Dorf, der Umgang mit Medien, soziale Vergleiche mit anderen Athleten sowie ein aussergewöhnlicher öffentlicher Druck verlangen eine permanente Anpassung. Viele Sportler beschreiben den Einzug ins Olympiastadion als einen emotionalen Höhepunkt im Leben. Gleichzeitig klagen sie über Schlafprobleme, Einsamkeit oder Schwierigkeiten, sich voll auf ihre Leistung zu konzentrieren. Vor allem Olympianeulinge unterschätzen diese Faktoren oft.

Das unterschätzte Tief nach den Spielen

Besonders deutlich zeigt die Arbeit aber, dass die Zeit nach den Spielen unterschätzt wird. Dann fällt für viele Sportler die jahrelange Zielorientierung auf einen Schlag weg. Dieses Phänomen wird als «Post-Olympic Blues» bezeichnet. Das beinhaltet Motivationsverlust, Leere, Orientierungslosigkeit oder depressive Verstimmungen.

Diese Reaktionen kommen längst nicht nur bei Athleten vor, die ihre sportlichen Ziele verfehlt haben. Selbst Olympiasieger berichten davon, nach dem Erreichen ihres Lebenstraums plötzlich keine neue Perspektive mehr zu erkennen. Studien zeigen, dass das psychische Wohlbefinden nach den Spielen weniger vom Ergebnis, als von vorhandenen Zukunftsplänen abhängt. Wer bereits weitere Ziele vorbereitet hat und auf ein stabiles soziales Umfeld zurückgreifen kann, bewältigt diese Phase erfolgreicher.

Ob die negativen Emotionen rund um Olympische Spiele kontrollierbar sind oder gar in positive Energie umgewandelt werden können, hängt gemäss dem Modell der Autoren von vier Faktoren ab: der Kontrolle über die Situation, einer gesunden sportlichen Identität, ausreichender sozialer und professioneller Unterstützung sowie bereits vorhandener Olympia-Erfahrung. Misslingt dies, können anhaltender Stress, Identitätsprobleme, depressive Symptome oder sogar ein vorzeitiges Karriereende die Folge sein.

Die Autoren sehen deutlichen Handlungsbedarf. Unterstützungsangebote der Sportorganisationen fokussieren vor allem auf die Wettkampfvorbereitung. Dagegen erhalten Athleten nach einer Nichtqualifikation oder nach den Spielen häufig deutlich weniger psychologische Begleitung – obwohl gerade diese Phasen besonders belastend sein können.

Das Fazit der Studie fällt eindeutig aus: Olympische Spiele sind kein zweiwöchiges Sportereignis, sondern ein mehrjähriger Entwicklungsprozess. Wer Athletinnen und Athleten langfristig gesund und leistungsfähig halten will, muss deshalb nicht nur ihre sportliche Vorbereitung fördern, sondern ihre gesamte Karriere begleiten – von der Qualifikation bis weit über das Ende der Spiele hinaus.

Mehr zum Thema:

Mehr zum Thema:

Mehr zum Thema:

Kommentare (0)